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Unsinn über die säkulare Stagnation

Nobelpreisträger Joseph Stiglitz glaubt, Donald Trumps Steuerreform habe die These eines langfristig schwächeren Wachstums entkräftet. Das ist nicht stichhaltig.

Alexander Trentin

Seit der Finanzkrise ist die Weltwirtschaft auf Erholungskurs. Doch für den Ökonomen Larry Summers, Finanzminister unter US-Präsident Bill Clinton, geht dieser Aufschwung viel zu langsam. Denn anders als in den Erholungen nach früheren Rezessionen ist diesmal die zuvor geschätzte mögliche Wirtschaftsleistung – der Potenzial-Output – in den USA nie erreicht worden (für die Eurozone und Japan gilt Ähnliches).

Summers hat die These aufgestellt, die Ursache liege in einem Problem am Kapitalmarkt: Der Gleichgewichtszins, um ausreichend Investitionen zu aktivieren, sei unter null gerutscht. Solange die Zentralbanken den Leitzins aber über null fixieren, sei der Zins zu hoch. Die Investitionen würden wegen des zu hohen Leitzinses zu niedrig ausfallen, das Wirtschaftswachstum komme nicht in die Gänge.

Tatsächlich ist nach Ansicht von Ökonomen der US-Notenbank der geschätzte natürliche Zins – das ist das Zinsniveau, bei dem die Volkswirtschaft ihr Potenzial erreicht – im Nachgang zur Finanzkrise erstmals unter die Nullgrenze gerutscht.

Spekulationen über die Gründe

Dahinter steht gemäss der These von Summers eine Nachfrageschwäche, die einem langfristigen Trend folgt. Über die Gründe dafür konnte der Harvard-Ökonom nur spekulieren. Ist die Demografie – also eine immer älter werdende Bevölkerung – daran schuld? Oder eine Schwemme von Sparkapital aus Asien? Oder aber eine immer weniger produktive Volkswirtschaft? Immerhin hat er einen Begriff aus den Dreissigerjahren zurück in die ökonomische Diskussion gebracht: säkulare (=langfristige) Stagnation – Secular Stagnation.

Übrigens liegt gemäss der Trendberechnung für das amerikanische BIP aus dem Jahr 2007 die theoretische Wirtschaftsleistung für 2017 bei etwa 22’000 Mrd. $. Die tatsächliche Wirtschaftsleistung ist aber mehr als 10% darunter.

Nun hat der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz, Ökonom an der Columbia University, in einem Kommentar die säkulare Stagnation zum «Mythos» erklärt. Sein Hauptindiz dafür: die Trump’sche Wirtschaftspolitik.

Wachstum ohne Inflation

Die Argumentation von Stiglitz: Die Politik habe sich nach der Finanzkrise mit der These einer langfristigen Wachstumsschwäche entschuldigen können – durch staatliche Hilfsmassnahmen lasse sich nicht mehr erreichen, etwa durch ein grösseres Stimuluspaket. Was kann die Regierung schon tun, wenn die Wirtschaft im Trend so schwach ist? Summers’ Äusserungen haben gemäss Stiglitz als Erklärung herhalten müssen, warum man nach der Finanzkrise keine bessere Erholung erreicht habe.

Stiglitz schreibt:

Die Regierung Obama beging 2009 einen entscheidenden Fehler, als sie keine umfangreicheren, länger andauernden, besser strukturierten und flexibleren fiskalischen Anreize in Angriff nahm.

Nun habe US-Präsident Donald Trump der Welt gezeigt, wie stark ein fiskalisches Stimuluspaket wirken könne. Stiglitz ist kein Freund von Trump, aber er argumentiert, die verabschiedeten Steuerentlastungen hätten die Wirtschaft angeschoben. Für den Nobelpreisträger ist klar: Hätte die Regierung solch ein Paket vor zehn Jahren geschnürt, wäre der Effekt noch deutlich grösser gewesen.

Stiglitz hat etwas falsch verstanden

Doch Stiglitz stellt die These von Larry Summers nicht richtig dar. Darauf macht der Wirtschaftsprofessor Gauti Eggertson aufmerksam. Er hat mit Summers verschiedene Studien zur säkularen Stagnation veröffentlicht.

Eggertson erklärt in seinem Blog:

Wenn die Hypothese der säkularen Stagnation richtig ist, dann entlastet das Politiker überhaupt nicht davon, für eine langsame Erholung verantwortlich zu sein.

Die Regierung von Präsident Barack Obama hat sich hinter der These nicht verstecken können. Im Gegensatz zu klassischen Theorien habe man es nämlich in einer langfristigen Stagnation nicht mit kurzfristigen Ursachen hinter der Wirtschaftsschwäche zu tun, die wieder verschwinden. Sondern es seien Kräfte, die «nicht unbedingt von selbst zurückgehen werden».

Die These der säkularen Stagnation habe daher «stärkere Argumente für eine aggressive Intervention» geboten, als es mit den Stimulusmassnahmen im Jahr 2008 tatsächlich passiert sei.

Mehr Platz für einen Fiskalstimulus

Eggertson führt aus: Es sei seltsam, die Steuerreform als Zeugen gegen die These der säkularen Stagnation anzuführen. Denn gerade diese These erkläre, warum die Inflation trotz des Stimuluspakets nicht anziehe. «Bei niedrigen Zinsen gibt es mehr Platz als gewöhnlich für eine Ausweitung der Staatsausgaben», schreibt der Ökonom.

Stiglitz habe die Dinge falsch herum dargestellt. Gerade die Diagnose eines langfristig schwächeren Wachstums unterstütze die Sichtweise des Nobelpreisträgers.

Wie unsinnig der Angriff von Stiglitz gegen die These der säkularen Stagnation ist, zeigen auch Äusserungen von Larry Summers. Dieser hatte immer wieder höhere Infrastrukturausgaben in den USA gefordert – auch durch eine höhere Verschuldung des Staates. «Es gibt überzeugende Argumente, dass Infrastrukturinvestitionen durch eine Expansion der Wirtschaft und höhere Steuereinnahmen für sich selbst bezahlen», schrieb Summers in einem Artikel.

Seine damalige Rechnung der Wirkung eines höheren BIP: «Wenn die Rendite nur 6% beträgt und der Staat 25% davon einnimmt, wirft das 1,5% auf die Investitionen ab. Das ist weit mehr als die realen Schuldzinsen, selbst über einen Horizont von dreissig Jahren.» Gerade weil also die Zinsen so tief sind, kann der Staat viel mehr sinnvoll investieren. Etwas, was Joseph Stiglitz anscheinend nicht verstanden hat.

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