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Markttechnik / A. Cortés

US-Börse muss sich nicht halbieren

Die Börsen könnten durchaus noch weiter in die Höhe klettern.

Vor einer Woche bezog James Montier von GMO in einem Interview mit «Finanz und Wirtschaft» die Position, die US-Börse müsse sich halbieren. Trotz deutlicher Worte gibt er allerdings zu, dass er nicht wisse, ob die Baisse überhaupt komme und gegebenenfalls, wann. So meint er zum Beispiel in folgender Passage: «Es ist durchaus möglich, dass wir uns in einer vergleichbaren Phase wie 1996 befinden, als die Börsen ebenfalls teuer erschienen und dennoch weitere drei Jahre in die Höhe kletterten. Auf kurze Sicht ist die Bewertung ein schlechter Ratgeber, auf lange Sicht aber ein äusserst verlässlicher.»

Von 1996 bis zum Beginn der im September 2000 einsetzenden Baisse legte der Stoxx 600 (SXXP 390.74 0.16%) inklusive Dividenden 217% zu, der S&P 500 (SP500 2564.98 -0.4%) 144%. Besser, als im Voraus so zu tun, als ob man wüsste, wann man während der Hausse aussteigen müsse, ist es stets, abzuwarten, bis ein Abwärtstrend begonnen hat. Nur dann ist das Ende der Hausse bekannt. Der Ausstieg findet zwar unter der Kursspitze statt, aber fast immer weit über der Marke, auf der man dachte, die Hausse gehe zu Ende.

Was die Vergangenheit lehrt

Auch die Annahme, man solle langfristig investieren, ist grundsätzlich falsch. Man soll bestimmen, welche Liquidität man vorhalten muss, um nicht in die Enge getrieben zu werden. Die Anlagefrist bestimmt jedoch der Markt. Wer hätte im August 1982 gedacht, dass der Bullenmarkt, jeweils unterbrochen durch kurz- bis mittelfristige Rückschläge, bis Sommer 2000 anhalten würde, verbunden mit einem Zuwachs des Stoxx 600 inklusive Dividenden um den Faktor 8,7 oder des S&P 500 um 15,2 bis zum Jahr 2000?

Im Verlaufe des rund achtzehnjährigen Bullenmarktes wurden die Börsen oft als teuer eingeschätzt. Wer glaubt, seine Positionen an den Märkten aufgeben zu müssen, weil sie hoch bewertet sind, wird grosse Kursbewegungen stets weit unter Potenzial verpassen. Gleiches gilt für Märkte insgesamt, wie auch für einzelne Aktien.

Es geht um Anpassung

Mir geht es darum, in typisch Hayek’scher Manier zu akzeptieren, dass wir an der Börse das Richtige tun müssen, ohne wirklich verstehen zu können, warum es das Richtige ist. Interessanterweise kommen neuere wissenschaftliche Ergebnisse in der Quintessenz zu exakt diesem Ergebnis, so unter anderem «The bias bias» von Henry Brighton und Gerd Gigerenzer, erschienen im «Journal of Business Research» (68/2015, Seiten 1772 bis 1784).

Wir müssen uns endlich von der Vorstellung lösen, die Hintergründe hinter den Marktprozessen zu kennen oder auch nur zu verstehen, und uns auf die Anpassung an den Marktprozess konzentrieren, wobei es dafür mehrere Möglichkeiten gibt. Jedoch müssen die Kriterien der prozeduralen Rationalität (im Gegensatz zu der wissenschaftlicher Forschung vorbehaltenen materiellen Rationalität) nach Nobelpreisträger Herbert Simon genügen, auf den sich Gigerenzer gerne bezieht.

Dazu gehört auch die Delegation der Fristenbestimmung an den Markt. Hinter jeder Aktie, die ich je gekauft habe, stand die Absicht, sie ewig zu halten. Ewig wurde es nie, die Haltefrist schwankte zwischen 24 Stunden und 17 Jahren. Die US-Börse ist, wie andere, strukturell schwächer, als es scheint, wenn man nur die Indizes analysiert. Aus der jetzigen Position heraus einen Bärenmarkt – Halbierung wäre ein solcher – anzunehmen, gelingt mir nicht.