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US-Sanktionen – noch ein Schock für die türkischen Märkte

Die türkische Lira fällt auf ein neues Allzeittief. Die neuen Sanktionen der USA sind dabei nur eine weitere Belastung.

Alexander Trentin

Die USA haben am Mittwoch Sanktionen gegen zwei türkische Minister verhängt. Das hat den Märkten in der Türkei einen neuen Schock verpasst: Währung, Anleihen und Aktien verloren deutlich. Die Lira notiert gegenüber dem Dollar auf einem neuen Allzeittief.

Das US-Finanzministerium teilte mit, dass die Vermögen von Justizminister Abdülhamit Gül und Innenminister Süleyman Soylu in den USA blockiert wurden. Dahinter steckt die Forderung der US-Regierung, den amerikanischen Pfarrer Andrew Brunson aus der Haft in der Türkei zu entlassen.

Brunson wird vorgeworfen, an einem Putschversuch gegen Präsident Recep Tayyip Erdogan vor zwei Jahren teilgenommen zu haben. Die USA hatten sich zuvor geweigert, den muslimischen Geistlichen Fethullah Gülen in die Türkei auszuliefern – er wird von Erdogan beschuldigt, aus seinem Exil in Pennsylvania den Putschversuch angeführt zu haben.

Erdogan will nicht nachgeben

Vor der Verhängung der Sanktionen hat Erdogan klargemacht, dass er den Forderungen von US-Präsident Donald Trump nicht folgen will. Der türkische Aussenminister Mevlüt Cavusoglu erklärte auf Twitter (TWTR 32.49 1.5%), dass man auf die Sanktionen antworten wird. Die Beziehungen zwischen den beiden Ländern seien nun belastet.

Die türkische Lira notiert am Donnerstag zum Dollar nun auf 5.07 Lira je $ – so schwach wie noch nie. Die Lira hat sich damit über Nacht mehr als 1,5% abgewertet und notiert 25% schwächer als noch Anfang Jahr.

Neben der Verunsicherung durch die Zerrüttung der Beziehungen mit dem Alliierten USA belastet auch die als zu locker gesehene Geldpolitik die Währung. Vergangene Woche hat die Zentralbank die Zinsen überraschenderweise nicht erhöht – obwohl Ökonomen davon ausgehen, dass die Inflation im Juli auf über 16% gestiegen ist. Die Notenbank hat das Ausbleiben eines Zinsschritts damit gerechtfertigt, dass sich das Wachstum abkühlen würde.

Präsident Erdogan ist bekannt dafür, dass er höhere Zinsen verhindern will. Seiner Meinung nach – und gegen die herrschende ökonomische Lehrmeinung – sorgen höhere Zinsen für Inflation. Seit seiner Neuwahl im Juni hat der Präsident mehr Rechte erhalten. Damit hat er sich auch ungehinderten Einfluss auf die Personalpolitik der Notenbank gesichert.

Börse unter Druck

Die schwächere Währung treibt die Inflation an – die Kosten für importierte Güter steigen. Gleichzeitig ist die hohe Verschuldung der türkischen Unternehmen in Fremdwährung ein Risiko für das gesamte Finanzsystem: Für die Schuldner wird es teurer, ihre Verbindlichkeiten zurückzuzahlen oder die Zinsen zu begleichen.

Auch die Börse Istanbul reagiert verschnupft auf die Sanktionen und die abwertende Währung. Gegenüber dem Vortag hat sie in Dollar über 4% verloren und notiert fast so niedrig wie zum Jahrestiefst Mitte Juli. Seit Anfang 2015 haben die Aktienkurse in Dollar fast 40% eingebüsst.

Anleihenrendite schiesst nach oben

Auch Anleihen-Investoren müssen Federn lassen. Die Rendite auf Anleihen in Lira ist nach oben geschossen – ihr Kurs ist dementsprechend gesunken. Zweijährige Bonds werfen nun über 20% ab – steigende Inflationserwartungen sorgen für höhere Renditen. Anfang Jahr lag die Rendite noch sieben Prozentpunkte niedriger.

Höheres Kreditrisiko

Während für Staatsanleihen in Lokalwährungen die Inflations- und Zinserwartungen ausschlaggebend sind, zeigt die Rendite für Anleihen in Fremdwährungen an, wie hoch das Kreditrisiko eingeschätzt wird. Demnach wird die Kreditwürdigkeit des türkischen Staates als gering eingeschätzt: Mit fast 6,8% Rendite verlangt der Finanzmarkt nun zwei Prozentpunkte mehr als noch Anfang Jahr. Dieses Kreditrisiko verteuert auch die Kreditkosten für türkische Unternehmen, wenn sie im Ausland Schulden aufnehmen.

Ein genaueres Bild des am Markt angenommenen Ausfallrisikos bieten Credit Default Swaps – das sind Versicherungen für den Zahlungsausfall von Anleihen. Hier muss man als Besitzer von fünfjährigen türkischen Papieren eine Prämie von 345 Basispunkten (Bp, hundertstel Prozentpunkte) bezahlen. Das ist fast so viel wie für Argentinien (421 Bp) und weit mehr als für Brasilien (215 Bp) oder Russland (137 Bp).

Die implizite Ausfallwahrscheinlichkeit für die nächsten fünf Jahre beläuft sich damit auf über 20%, sofern man annimmt, dass die Anleihe bei einem Zahlungsausfall immer noch 40% des Werts auszahlen wird. Der Markt schätzt das Ausfallrisiko so hoch ein wie seit dem Jahr 2012 nicht mehr.

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