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US-Wirtschaft steckt Hurrikansaison weg

Das amerikanische Bruttoinlandprodukt ist im dritten Quartal stärker gewachsen als erwartet. Dennoch gibt es Faktoren, die zur Vorsicht mahnen.

Die Wirtschaft der USA scheint die Hurrikane «Harvey» und «Irma» relativ unbeschadet weggesteckt zu haben: Von Juli bis September wuchs das amerikanische Bruttoinlandprodukt (BIP) mit einer annualisierten Rate von 3% – und damit 0,4 Prozentpunkte stärker, als es die Ökonomen im Durchschnitt prognostiziert hatten.

Die direkten Auswirkungen der Tropenstürme auf das BIP konnte das Handelsministerium zwar nicht beziffern, doch werden die Schäden an den Sachanlagen (Fixed Assets) auf rund 130 Mrd. $ geschätzt.

Die erste Lesung des BIP ist nicht der einzige Lichtblick für die USA. Auch andere Indikatoren legen nahe, dass sich die weltgrösste Volkswirtschaft in erfreulicher Form befindet.

So hat sich der vom Finanzdienstleister Bloomberg berechnete Economic Surprise Index (vgl. Glossar) vom Zwischentief im September erholt. Der aktuelle Wert von 0,26 deutet an, dass sich die amerikanische Konjunktur besser als erwartet entwickelt.

Weiche Faktoren treiben an

Der Anstieg im Überraschungsindex ist allerdings mit Vorsicht zu geniessen, lässt er sich doch zu einem bedeutenden Teil auf weiche Indexkomponenten zurückführen. Sie bilden weniger die reale Wirtschaftsaktivität, als vielmehr die Zuversicht der befragten Gruppen ab.

Zu diesen Indikatoren gehört zum Beispiel der von der Universität Michigan erhobene Index des Konsumentenvertrauens, der im Oktober erneut nach oben geschossen ist. Der Optimismus ist so stark wie zuletzt 2004.

Weniger überzeugend präsentieren sich dagegen die harten Konjunkturdaten. Vor allem Zahlen aus dem Einzel- und Grosshandel liegen grösstenteils deutlich unter den Prognosen. Einzig der Stellenmarkt vermag im aktuellen Umfeld positiv zu überraschen. So ist etwa die Arbeitslosenquote von 4,4 auf 4,2% gesunken und notiert damit auf dem niedrigsten Stand seit Anfang 2001.

Bereits im Frühjahr hatte sich die Differenz zwischen weichen und harten Indexkomponenten massiv vergrössert, was unter Ökonomen und Analysten für gehörigen Gesprächsstoff sorgte.

Zwar scheint diese Debatte inzwischen in den Hintergrund gerückt zu sein. Die eigentliche Diskrepanz hat sich dabei aber auf ein neues Mehrjahreshöchst verschärft.

Zwar ist es durchaus normal, dass stimmungsbasierte Indikatoren ihren harten Pendants vorlaufen. Doch deutet die Historie darauf hin, dass sich die beiden Barometer längerfristig nicht voneinander abkoppeln können.

Trump als zentraler Faktor

Wie unterschiedlich sich die Aussichten für die US-Konjunktur präsentieren – abhängig davon, wie stark man weiche oder harte Indikatoren gewichtet –, belegen die verschiedenen Prognosemodelle der US-Distriktnotenbanken von New York und Atlanta, die beide Echtzeitbarometer zum US-BIP publizieren.

Während die Simulation der New York Fed (FRBNY Nowcast) für das dritte Quartal vorgängig auf ein Wachstum von 1,5% hindeutete, zeigte das Konkurrenzprodukt aus Atlanta (GDPNow) eine Expansion um 2,5% an.

Doch welche Treiber haben die Diskrepanz zwischen weichen und harten Indikatoren begünstigt? Eine tragende Rolle spielt US-Präsident Donald Trump. Denn besonders im Nachgang seines Wahlerfolgs hat sich die Schere geöffnet.

Der Grund: Corporate America knüpft grosse Hoffnungen an seine unternehmensfreundliche Steuerreform. Das zeigt sich etwa in der Hochstimmung, in der sich kleine US-Gesellschaften zurzeit befinden.

Der von der Interessenvereinigung NFIB erhobene Small Business Optimism Index notiert weiterhin nahe einem Allzeithöchst. «Kleinunternehmen und Geschäftsinhaber hoffen noch immer auf gesetzliche Verbesserungen im Bereich Steuern und Gesundheitsvorsorge», kommentierte NFIB Bill Dunkelberg die aktuellste Erhebung.

Allerdings hätten sich die «überschäumenden Erwartungen» in der jüngsten Lesung leicht abgekühlt. Dieser Rückgang lasse sich kaum auf die Hurrikanschäden in Texas und Florida zurückführen, erklärte das NFIB weiter. Es scheint deshalb eher plausibel, dass langsam aber sicher die Geduld zu schwinden beginnt.

Steuerreform ist auf dem Weg

Immerhin: Nach dem Senat hat am Donnerstag nun auch das Repräsentantenhaus das US-Haushaltbudget für 2018 abgesegnet. Damit hat Donald Trump eine erste wichtige Hürde auf dem Weg zur Steuerreform übersprungen.

Noch ist ihre Umsetzung aber nicht gesichert. Der gescheiterte Versuch, Obamas Gesundheitsgesetz zu kippen, hat deutlich gezeigt, wie zerstritten das republikanische Lager ist.

Vor allem die Frage, wer die Steuerreform finanzieren soll, dürfte für hitzige Debatten sorgen. Gerade die Republikaner haben sich in den letzten acht Jahren kategorisch gegen eine Ausweitung des Budgetdefizits gesperrt.

Zudem sieht der erste Steuerentwurf vor, dass ausgerechnet der Mittelstand höhere Abgaben leisten müsste.

Das Fazit: Trump muss bald liefern, was Wirtschaft und Börsen von ihm erwarten. Denn was passieren kann, wenn die Hoffnung der Realität enteilt, zeigt eine Studie von Morgan Stanley (MS 42.66 -0.95%): Jedes Mal, wenn in den letzten zwanzig Jahren weiche und harte Daten auseinanderdrifteten, machte der US-Aktienmarkt anschliessend eine Schwächephase durch.

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