Meinungen

V-förmig

Frühindikatoren stimmen die Börse optimistisch. Nicht ganz zu Unrecht. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Peter Rohner.

«Durch den Zinseffekt kann die Aktienpreisblase gut noch eine Weile weiter aufgebläht werden.»

Die Coronarezession geht als die schärfste und wohl auch die kürzeste in die ­Geschichtsbücher ein. Nach dem Absturz im März und April zeichnet sich seither eine breite Erholung der Konjunktur ab. Im dritten Quartal dürfte das BIP zum Vorquartal weltweit kräftig wachsen. Daraufhin deuten die Frühindikatoren aus der Industrie, die für Juli eine Expansion anzeigen.

Mit dem steilen Anstieg nach dem Absturz zeichnen die Einkaufsmanagerindizes ein perfektes V. (Lesen Sie hier mehr.») Das allein genügt aber noch nicht für eine V-förmige Erholung des BIP zurück auf den alten Wachstumspfad, denn PMI messen die Veränderung zum Vormonat. Damit auch das BIP das Vorkrisenniveau erreicht, müssten die umfragebasierten Frühindikatoren über längere Zeit deutlich über 50 liegen. Soweit sind wir noch lange nicht.

Den Börsen aber ist das egal. Auch sie zeichnen ein perfektes V. So ganz irrational ist das aber nicht. Für das Börsen-V gibt es zwei mögliche Erklärungen: Entweder die Marktteilnehmer glauben tatsächlich daran, dass die Wirtschaft schon bald den gesamten Einbruch wettgemacht hat und wieder auf den alten Wachstumspfad zurückfindet, als hätte es Corona nie gegeben. Oder aber sie sind bereit, für Aktien höhere Preise zu bezahlen, sei es mangels Alternativen oder wegen des noch lange niedrigen Satzes, mit dem sie zukünftigen Ertrag abdiskontieren. Dieser wird durch das Zinsniveau bestimmt. Je niedriger der Zins, desto höher ist der Gegenwartswert ferner Dividenden.

Die Bewertungsthese scheint mir die plausiblere. Durch den beschriebenen Zinseffekt kann die Aktienpreisblase gut noch eine Weile weiter aufgebläht werden.

Leser-Kommentare

Jörg Keller 04.08.2020 - 18:05
Meine Sichtweise mag – zugegeben – etwas Industrie-lastig sein, umso mehr wundere auch ich mich über die hochschnellenden PMI-Zahlen. Darauf eine zuversichtliche Erwartung für das globale Q3 abzustellen, empfinde ich aber als eher gewagt: Abgesehen von der VR China kann derzeit kein gewichtiges Land ein Wachstum (zum Vorjahr!) ausweisen. Und die Pandemie zieht seit Anfang Juli zu immer neuen Höchstwerten… Weiterlesen »