Meinungen

Venezuela muss die Hyperinflation beenden

Eine neue Regierung in Caracas wäre gezwungen, sofort die Währung zu sanieren, um aus dem verarmten wieder ein reiches Land zu machen. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Manfred Rösch.

«Eine stabile Währung ist zwar nicht alles, doch ohne sie ist alles nichts.»

Venezuela ist gegenwärtig das einzige Land, das eine Hyperinflation erlebt. Eine solche Episode wird definiert als Teuerungsrate von wenigstens 50% – monatlich. Der Ökonom Steve Hanke von der Johns Hopkins University in Baltimore, USA, berechnete kürzlich die derzeitige jährliche Inflationsrate des Bolívar auf 121‘583%.

So aberwitzig dieser Wert ist (die venezolanische Regierung hat übrigens kaum noch Geld, um Bargeld drucken zu lassen): Nach den Erhebungen Hankes, einer führenden akademischen Autorität zum Thema Hyperinflation, gibt es in der modernen Wirtschaftsgeschichte rund zwei Dutzend Episoden mit noch höheren Raten. Legendär ist etwa die Superentwertung des Simbabwe-Dollars von 2007/08 mit einer durchschnittlichen täglichen Rate von 98%, an der Spitze steht diejenige des ungarischen Pengö 1945/46 mit 207%. Allerdings dauert die venezolanische Hyperinflation nun schon (untypisch) lange, nämlich seit November 2016.

Currency Board als Ausweg

Venezuela hat noch viele andere Schwierigkeiten, politische und wirtschaftliche, doch Hanke verwendet sich in einem Ende Januar im amerikanischen Wirtschaftsmagazin «Forbes» erschienen Beitrag dafür, mit Vorrang die monströse Inflation zu bändigen – eine stabile Währung sei zwar nicht alles, doch ohne sie sei alles nichts. Hanke schlägt als Radikalkur die Einführung eines sogenannten Currency Board vor. Das ist ein Wechselkursregime, bei dem ein Land einseitig den Wechselkurs der inländischen Währung zu einer ausländischen Währung fixiert.

Die Ankerwährung des Bolívar wäre naheliegenderweise der US-Dollar. Die venezolanische Notenbank würde keine Geldpolitik mehr betreiben und wäre auch nicht mehr der ultimative Kreditgeber für die Geschäftsbanken, sondern würde nur noch das Wechselkursarrangement pflegen. Currency Boards gibt es etwa in Hongkong, dessen Dollar (lose) an den Greenback gekoppelt ist; der CFA-Franc in einer Reihe afrikanischer Länder ist an den Euro gebunden.

Der bulgarische Lew machte 1997 eine Phase der Hyperinflation durch und wurde dann, auf Empfehlung Steve Hankes an die Regierung in Sofia, an die Deutsche Mark gekoppelt und ist nunmehr an den Euro gebunden, mit Erfolg. Da bis zur Einführung des Euro ein Lew gleich einer Mark war, entspricht der Umrechnungskurs des Lew zum Euro genau dem der DM zum Euro. Dieser Kurs ist durch bulgarisches Gesetz festgelegt und ändert sich daher nicht. Ohne diese Stabilität wäre Bulgarien kaum Mitglied der EU und der Nato geworden.

Maduro wird kaum «dollarisieren»

Näher an Venezuela, in Argentinien, tobte 1989/90 eine Hyperinflation. Das argentinische Currency Board (1991 bis 2002) mit Bindung an den Dollar war ein gemischter Erfolg; die Inflation ging zwar zurück, doch die hohe Staatsverschuldung untergrub die Glaubwürdigkeit des Systems, der Peso erwies sich real als immer stärker überbewertet.

Von dem buchstäblich wie im übertragenen Sinn bankrotten Regime in Caracas darf eine solche Sanierung des Bolívar (seit Sommer 2018 mit dem Zusatz «soberano», souverän; zuvor war vom Bolívar «fuerte» die Rede, obwohl er schon damals schwach war) nicht erwartet werden. Die Maduro-Regierung hat den Petro eingeführt, eine Art erdölgedeckte Kryptowährung, an die der Bolívar soberano gebunden sein soll. Allerdings ist Venezuelas Ölförderung bereits auf Jahre hinaus für chinesische und russische Kredite belehnt und der Verdacht geht um, dass das Regime mit dem Petro bloss ein Vehikel eingerichtet hat, um Geld zu privaten Zwecken diskret ausser Landes zu schaffen.

Machthaber Nicolás Maduro als Erbe von Hugo Chávez’ «Sozialismus des 21. Jahrhunderts» (der exakt wie der Sozialismus des 20. Jahrhunderts zu Zwang und Mangel geführt hat) wird Venezuelas weitestgehend auf der Erdölförderung beruhende Wirtschaft wohl kaum dollarisieren, selbst wenn er dazu, wider Erwarten, die Einsicht und die Zeit haben sollte.

Vertrauensvorschuss holen

Gelänge es dagegen der Opposition unter ihrem Anführer, dem selbst ernannten Übergangspräsidenten Juan Guaidó, das Regime Maduro zu stürzen, müsste sie die Herkulesaufgabe anpacken, dessen entsetzliche ökonomische Hinterlassenschaft zu beseitigen. Dabei käme eine neue Regierung nicht um eine radikale Währungskur herum. Hielte nämlich die Hyperinflation nach einem Regierungswechsel an, würden die neuen Kräfte bald an Legitimation verlieren; könnten sie hingegen rasch für Stabilität sorgen, holten sie sich einen Vertrauensvorschuss, in Venezuela selbst wie auch im Ausland.

Ohne geordnete Währungsverhältnisse wären weitere Reformen ohnehin so gut wie unmöglich. Nach einem vorzugsweise friedlichen «Regime Change» müsste also zwingend sogleich ein Ende der Hyperinflation herbeigeführt werden – das ist nicht nur Währungsexperte Hankes Meinung, sondern liegt auf der Hand.

US-Präsident Trump hat in Sachen Venezuela recht und unrecht zugleich: Es stimmt uneingeschränkt, dass die Chavistas aus einem – zumindest potenziell – sehr reichen Land ein mausarmes gemacht haben. Doch es ist geradezu widersinnig, Maduros Position mit unbedachtem Säbelrasseln zu stärken: Wenn Trump von einem allfälligen militärischen Eingreifen spricht, kann Maduro seine Gegner als Agenten Washingtons verunglimpfen und Bevölkerungsschichten weit über seine verbliebene Basis hinaus gegen diese ausländische Drohung mobilisieren (plus die zählebigen Revolutionsromantiker im Westen in ihrer Fahnentreue bestärken). Dass unterdessen sehr viele Venezolaner Maduro loswerden wollen, heisst keinesfalls, dass sie dafür eine Invasion der mässig beliebten «Yanquis» herbeisehnen.

Flucht vor schlechtem Geld

Seit 2015 sollen gemäss Uno-Berechnungen zwei Millionen Venezolaner ihr Land verlassen haben (wo noch gut 30 Mio. Menschen leben); andere Quellen sprechen von drei bis vier Millionen – und täglich werden es mehr. Zum Vergleich: Die Zahl der Flüchtlinge aus Syrien wird auf gut 6 Mio. geschätzt. Die Zielländer, besonders Kolumbien und Brasilien (zu Maduros Waffenbrüdern in Kuba oder Nicaragua zieht es niemanden), stossen an Kapazitätsgrenzen. Venezuelas Nachbarn haben ein eminentes Interesse daran, dass die Massenverarmung dort zügig gestoppt wird, was voraussetzt, dass die Leute umgehend vertrauenswürdiges Geld in die Hand bekommen. Sonst wird der Strom der Elendsflüchtlinge nicht abreissen, im Gegenteil.

Das erinnert übrigens von ferne an 1989, als zu Zeiten des Sturzes der kommunistischen Diktatur in der DDR auf Transparenten zu lesen stand: «Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, geh’n wir zu ihr!»

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