Märkte / Emerging Markets

Venezuela versinkt im Chaos

Die Opposition will Präsident Nicolás Maduro per Abstimmung aus dem Amt befördern, doch dieser klammert sich an die Macht.

Alexander Busch & Peter Rohner

Wie ernst die Lage in Venezuela ist, lässt sich an den Massnahmen ablesen, die Präsident Nicolás Maduro in den letzten Tagen verkündete: Wegen des Strommangels arbeiten Behörden nur noch zwei Tage die Woche. Shopping Malls öffnen halbtags, und Schüler haben freitags frei. Den Mindestlohn erhöhte der seit zweieinhalb Jahren regierende Maduro zum Tag der Arbeit am 1. Mai feierlich um 30%.

Doch auf dem Schwarzmarkt sind die 15 000 Bolivar gerade noch 14 Dollar wert. Jetzt drohen auch noch die Geldnoten auszugehen. Bei einer Inflation, die zum Jahresende 700% betragen dürfte, werden die umlaufenden Banknoten knapp. Die Zentralbank hat zwar bei den ausländischen Notendruckern allein letztes Jahr zehn Milliarden Geldscheine bestellt. Da sie die Hersteller nur unregelmässig bezahlt hat, weigern diese sich, neue Bolivar-Noten nachzuliefern. Bereits jetzt lässt sich mit der grössten 100-Bolivar-Note nicht viel mehr als eine Kaugummi-Packung bei den Strassenhändlern kaufen.

Auch sonst schaut die Regierung tatenlos zu, wie die Wirtschaft immer tiefer in die Krise reitet: 8% wird das Bruttoinlandprodukt 2016 schrumpfen. Die letzten sechs Jahre verringerte sich die Wirtschaftskraft des Landes mit den grössten Ölreserven der westlichen Hemisphäre bereits um ein Fünftel.

Ölabhängigkeit rächt sich

Jetzt rächt es sich, dass das Land unter Maduros Vorgänger Hugo Chávez vollständig abhängig wurde von den Ölausfuhren: Bei einem Fasspreis über 100 $ war das kein Problem. Doch bei einem Durchschnittspreis von derzeit etwa 34 $ für das Fass des schweren venezolanischen Öls gehen dem Land die Devisen aus. Morgan Stanley schätzt, dass die Devisenreserven bis zum Jahresende auf 5 Mrd. $ schrumpfen werden.

Das Exportland erwirtschaftet nur noch einen geringen Handelsbilanzüberschuss. Deswegen erlebt die Bevölkerung eine schwere Versorgungskrise: Es fehlt an Lebensmitteln, Konsumartikeln, Medizin. Alle Produkte müssen importiert werden. Nachdem Chávez fast alle Branchen verstaatlicht hatte, produzieren die einheimischen Unternehmen immer weniger. Jetzt hat erstmals die Polar-Brauerei verkündet, kein Bier mehr produzieren zu können, weil Hopfen und Malz fehle. Gut möglich, dass der landesweite Biermangel nun in der Bevölkerung das Fass zum Überlaufen bringt: Die trinkfreudigen Venezolaner sehen die Polar-Brauerei als ein nationales Symbol. Deswegen haben die Linksregierungen von Chávez wie Maduro auch bisher vor einer Verstaatlichung des Bierbrauers zurückgeschreckt – sie fürchten zu Recht, dass die landesweite Bierversorgung unter staatlicher Kontrolle gefährdet sein könnte.

Lähmendes politisches Patt

Hintergrund für die Krise ist das politische Patt seit den Kongresswahlen im Dezember: Das Oppositionsbündnis MUD besitzt mit zwei Dritteln der Abgeordnetensitze seit Januar fast exekutive Machtfülle. Doch Präsident Maduro blockiert jede Aktion der Opposition per Justiz und Wahlbehörde. Nur nach zähem Ringen gelang es dieser, eine Volksabstimmung über den Verbleib Maduros einzuleiten. Die notwendigen 190 000 Stimmen bekam sie in wenigen Stunden zusammen. Nun müssen erneut 3,9 Mio. Stimmen gesammelt werden, damit es tatsächlich zu einem Plebiszit über Maduros Verbleib im Amt kommt. Die Justiz wird sicherlich versuchen, den Prozess zu behindern.

Entscheidend für ausländische Investoren ist, ob Venezuela seine Anleihen in den nächsten Monaten bedienen wird. Rund 9 Mrd. $ Rückzahlungen stehen dieses Jahr an, weitere 14 Mrd. sind nächstes Jahr fällig. Die Zahlungsfähigkeit Venezuelas hängt weitgehend vom Ölpreis ab. Steigt er weiter an, könnte die Regierung die Gläubiger durchaus auszahlen. Bei einem Ölpreis von 50 bis 60 $, schätzt die Investmentbank BCP, könnte Venezuela sowohl lebensnotwendige Güter importieren als auch den Schuldendienst leisten.

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