Meinungen English Version English Version »

Verbrennt sich das Fed erneut die Finger?

Die Inflation steigt, und das Fed behauptet, dass es für diese Entwicklung nicht zuständig ist, doch es ist nicht zu spät, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Ein Kommentar von John B. Taylor.

John B. Taylor
«Der Zins für Tagesgelder ist inzwischen niedriger, als nahezu jede bewährte geldpolitische Regel oder Strategie das nahelegt.»

Vor fünfzig Jahren, am 22. Juni 1971, schrieb der damalige Chairman des Federal Reserve, Arthur Burns, ein Memorandum an Präsident Richard Nixon, dessen man sich lange in Schande erinnern wird. Die Inflation gewann damals an Fahrt, und Burns wollte dem Weissen Haus klarmachen, dass der Preisanstieg nicht auf die Geldpolitik oder vom Fed unter seiner Leitung ergriffene Massnahmen zurückzuführen sei. Das Problem sei vielmehr, dass sich «die Struktur der Volkswirtschaft in profunder Weise verändert» habe. Entsprechend schrieb Burns, um «eine starke Lohn- und Preispolitik» zu empfehlen:

«Ich habe Ihnen bereits einen möglichen Kurs einer derartigen Politik skizziert: nachdrückliche und pointierte Masshalteappelle, gefolgt von einem Gremium zur Überprüfung von Löhnen und Preisen (vorzugsweise unter Mitwirkung des Kabinettsausschusses für Wirtschaftspolitik), und falls dies nicht hinreichend erfolgreich sein sollte (was inzwischen wahrscheinlicher ist, als es das noch vor ein oder zwei Jahren gewesen wäre), sollte darauf – womöglich nicht später als im nächsten Januar – ein sechsmonatiges Einfrieren der Löhne und der Preise folgen.»

Vielleicht aufgrund von Burns’ Ruf als renommierter Wissenschaftler (er war Milton Friedmans Lehrer) und seiner langen Erfahrung als politischer Entscheidungsträger überzeugte das Memo Nixon, Löhne und Preise einzufrieren und dem eine Politik von Lohn- und Preiskontrollen sowie Leitlinien für die gesamte Wirtschaft folgen zu lassen. Nach Umsetzung des Lohn- und Preisstopps sah es eine Weile so aus, als zeigten die Kontrollen und die Leitlinien Wirkung. Kurzzeitig waren sie sogar politisch populär. Die Inflation sank zentimeterweise, und auf den Lohn- und Preisstopp folgten dann weitere obligatorische Kontrollen, die die Unternehmen verpflichteten, für Lohn- und Preisänderungen die Erlaubnis einer Kommission einzuholen.

Stagflation der Siebzigerjahre

Doch die intrusive Beschaffenheit des Systems begann, Bevölkerung und Wirtschaft zu zermürben, weil jede Preiserhöhung von der Bundesbürokratie bewilligt werden musste. Zudem wurde rasch offensichtlich, dass die Kontrollen und die Interventionen der Regierung die Lage verschlimmerten.

Unter Missachtung seiner Verantwortung dafür, die Inflation niedrig zu halten, hatte das Fed begonnen, die Geldmenge schneller steigen zu lassen. Die jährliche Wachstumsrate der Geldmenge M2 (einer Messgrösse für Bargeld, Einlagen und hoch liquide Vermögenswerte) erhöhte sich in den Siebzigerjahren auf 10%, verglichen mit 7% in den Sechzigerjahren. Dies verschärfte die Auswirkungen der Ölschocks dieses Jahrzehnts auf das Preisniveau, und die Inflationsrate schoss in zweistellige Höhen – sie stieg drei Mal auf mehr als 12% (zuerst 1974 und dann erneut 1979 und 1980) –, während die Arbeitslosenquote von 5,9% im Juni 1971 auf 9% im Jahr 1975 kletterte.

Wie wir heute wissen, war die Wirtschaftsentwicklung in den USA in den Siebzigerjahren zumindest teilweise aufgrund der Geldpolitik dieser Zeit so schwach. Damals wurde der Begriff Stagflation geprägt, um eine seltsame Kombination aus steigender Inflation und stagnierendem Wirtschaftswachstum zu beschreiben. Wie James A. Dorn vom Cato Institute kürzlich dargelegt hat, «verzerrten [Nixons] Preiskontrollen die Marktpreise», und sie sind heute zu Recht als abschreckendes Beispiel in Erinnerung. «Wir sollten», so Dorn, «nicht vergessen, dass der Verlust wirtschaftlicher Freiheit ein hoher Preis ist, den man für das falsche Versprechen der Beendigung der Inflation durch Unterdrückung der Marktkräfte zahlt.»

Schlechte Ideen führen zu schlechter Politik

Zufällig ist «Choose Economic Freedom» («Wählt wirtschaftliche Freiheit») der Titel eines Buches, das ich im vergangenen Jahr gemeinsam mit George P. Shultz veröffentlicht habe, der im Februar im Alter von hundert Jahren verstorben ist. Shultz hatte über Jahrzehnte hinweg Kenntnisse und Erfahrungen als Diplomat und Wirtschaftspolitiker erworben und war Budgetdirektor der Nixon-Regierung, als Burns sein gewagtes Memo verfasste. In einem Anhang zu unserem Buch führen wir den vollständigen Text dieses Dokuments auf, weil es erst kurz zuvor in den Archiven der Hoover Institution aufgefunden worden war. Es sollte heute als Pflichtlektüre für jeden anerkannt werden, der bestrebt ist, die jüngste Geschichte der US-Wirtschaftspolitik zu verstehen.

Das Burns-Memo ist ein perfektes Beispiel dafür, wie schlechte Ideen zu schlechter Politik führen, die dann ihrerseits zu schlechten wirtschaftlichen Ergebnissen führt. Trotz Burns’ ausserordentlichem Ruf enthielt sein Memo eine Reihe fürchterlicher politischer Empfehlungen. Die schlimmste Auswirkung des Memos war, dass es der Verantwortung des Fed über die Steuerung der Inflation auswich – obwohl dieses eindeutig für das steigende Preisniveau verantwortlich war –, indem es die Schuld für alles auf vermeintliche strukturelle Mängel schob, die angeblich die gesamte Volkswirtschaft in Mitleidenschaft zögen.

Genauso führen gute Ideen zu guter Politik und einer guten Wirtschaftsentwicklung. Wie Shultz und ich zeigen, war dies in den Achtzigerjahren eindeutig der Fall. Das Fed verschaffte sich im Rahmen einer breiter angelegten Wirtschaftsreform neuerlich Geltung, und entsprechend florierte die Wirtschaft.

Die Erfahrung ist eindeutig

Die Botschaft dieser historischen Erfahrung – und vieler anderer Beispiele in den USA und anderswo – sollte überdeutlich sein. Und während sich die Geschichte nie wiederholt, lässt sie häufig Parallelen erkennen; darum sollte man sich vor Augen führen, wo wir in der Jahresmitte 2021 stehen: Die Inflation steigt, und das Fed behauptet einmal mehr, dass es für diese Entwicklung nicht zuständig ist. Stattdessen argumentieren die Fed-Vertreter, dass der heutige steile Anstieg der Preise lediglich eine Umkehr der niedrigen Inflation des vergangenen Jahres darstelle.

Schlimmer noch: Die Politik des Fed ist heute sogar noch interventionistischer als zu Burns’ Zeiten. Seine Bilanz wurde durch massive Ankäufe von Schatzanleihen und hypothekenbesicherten Wertpapieren aufgebläht, und die Wachstumsrate der Geldmenge M2 ist während des vergangenen Jahres steil gestiegen. Der Zins für Tagesgelder ist inzwischen niedriger, als nahezu jede bewährte geldpolitische Regel oder Strategie das nahelegt, einschliesslich derjenigen, die im geldpolitischen Bericht des Fed vom Februar 2021 aufgeführt sind.

Es ist noch nicht zu spät, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen und die Geldpolitik in eine Erfüllungsgehilfin einer nachhaltigen Erholung von der Pandemie zu verwandeln. Doch uns läuft die Zeit davon.

Copyright: Project Syndicate.