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«Verhalten hinterfragen»

Die Anlagephilosophie von Guy Spier, Aquamarine Capital und Autor von «The Education of a Value Investor».

Guy Spier

Ich ignoriere die Launen des Marktes und zerbreche mir nicht den Kopf über die unzähligen Fragen zu 2015, die sich ja doch nicht beantworten lassen. Stattdessen konzentriere ich mich lieber auf mich selbst. Mein Verstand ist mit Irrationalitäten behaftet. Das ist aber nicht mein Fehler. Millionen von Jahren Evolution waren nötig, damit wir zu guten Jägern und Sammlern wurden. Finanzmärkte sind erst wenige hundert Jahre alt – nicht genug Zeit für den Menschen, sich anzupassen.

Ich hinterfrage daher meine Gewohnheiten, versuche mein irrationales Verhalten zu erkennen und zu verstehen. Gelingt es mir, das eigene Handeln besser im Griff zu haben als andere Marktteilnehmer, werde ich bessere Entscheidungen treffen. Damit sollte ich, trotz aller Irrationalität, besser sein als der Markt – was in den letzten siebzehn Jahren der Fall war.

Was das heisst? Erstens befolge ich ein paar Verhaltensregeln, die den Spielraum, irrational zu agieren, beschränken. Ich nehme weder an Börsengängen teil, noch begebe ich mich in eine Position, in der mir jemand eine Anlage zu verkaufen sucht.

Weil Menschen dazu neigen, der ersten Schlussfolgerung zu vertrauen, achte ich darauf, in welcher Reihenfolge ich Unterlagen lese. Zuerst kommt stets das objektivste und am besten recherchierte Material. Ich beginne mit Geschäftsberichten und offiziellen Eingaben. Die Researchberichte der Broker beachte ich oft gar nicht erst.

Entscheide ich mich, eine Anlageidee umzusetzen, handle ich nie während der Börsenöffnungszeiten. Der Markt sendet eine Flut von Signalen, die mich durcheinanderbringen und zu viel zu vielen Transaktionen anstiften. Ich gebe meine Transaktionen nach Börsenschluss ein, so vermeide ich reaktives Denken und schone meine Ressourcen für meinen geplanten Zug.

Ebenso wichtig wie diese Verhaltensregeln ist mein Arbeitsumfeld. Es gilt: keine Investmentanalysten im Haus. Zudem besteht mein Büro aus zwei Räumen. Der eine ist für das geschäftige Treiben bestimmt, mit Computer und Telefon. Der andere dient zum Nachdenken. Hier versuche ich die meiste Zeit zu verbringen. Unsere Umgebung hat einen enormen Einfluss auf die Qualität unserer Anlageentscheidungen.

Die grösste Veränderung in dieser Hinsicht hat gebracht, dass ich vor fünf Jahren New York den Rücken gekehrt habe und nach Zürich gekommen bin. Die Stadt hat eine ausgezeichnete Infrastruktur, es ist ruhig und frei von Ablenkungen. Eine ideale Umgebung, um gute Entscheidungen zu treffen.

Viele Marktteilnehmer werden all diese Dinge nicht tun, manch einer wird sie belächeln. Garantieren sie mir überdurchschnittlichen Ertrag? Natürlich nicht. Aber ich bin sicher, dass sie zu meinen Gunsten wirken und die Wahrscheinlichkeit steigern, dass ich für meine Kunden Überrenditen erwirtschafte.