Meinungen

Vermeintliche Schwächen der Berufslehre

Die These, wonach die Berufslehre verglichen mit der Matura weniger Möglichkeiten biete und mit höherem Arbeitslosigkeitsrisiko einhergehe, verkennt die Stärken der Berufsbildung. Ein Kommentar von Jürg Schweri.

Jürg Schweri
«Es bringt wenig, die Berufsbildung und die gymnasiale Maturität gegeneinander auszuspielen.»

Die Schweiz ist das einzige Land, in dem mehr als die Hälfte aller Jugendlichen eine duale Berufslehre absolviert. Viele Akteure aus Bildung, Wirtschaft und Politik loben unser Berufsbildungssystem. Die Aufgabe von Forschern ist es, solche Lobpreisungen kritisch zu hinterfragen. Der kürzlich publizierte Meinungsbeitrag von George Sheldon, emeritierter Professor für Arbeitsmarkt- und Industrieökonomie der Universität Basel, mit dem Titel «Berufslehre auf dem Prüfstand» liefert jedoch leider keine differenzierte Einschätzung der Berufsbildung.

Ein häufiges Argument für ein ausgebautes Berufsbildungssystem lautet, dass in Ländern mit Berufslehre eine niedrigere Jugendarbeitslosigkeit herrsche. Sheldon moniert jedoch, dass es sich bei den Jugendlichen «in Ländern ohne eine Berufslehrtradition vermehrt um Bildungsabbrecher ohne jedwelchen Berufsabschluss» handle, daher könne man sie nicht mit Jugendlichen mit Berufsabschluss in der Schweiz vergleichen. Dem ist entgegenzuhalten, dass gerade die Berufslehrtradition eine Ursache dafür sein dürfte, dass in der Schweiz weniger Jugendliche ohne Ausbildung dastehen als in anderen Ländern. In diesem Fall ist die geringere Jugendarbeitslosigkeit richtigerweise der Berufsbildung anzurechnen.

Gefahr der Überqualifikation

Das Arbeitslosigkeitsrisiko nach einer Berufslehre sei jedoch deutlich höher als nach einem Hochschulabschluss, fährt Sheldon fort. Dieser Vergleich ignoriert erstens, dass Hochschulabsolventen einige Jahre zusätzlich in ihr Studium investiert haben und dabei auf Arbeit und Lohn verzichten mussten. Zweitens wurden zu den Personen mit Berufslehre auch die ohne nachobligatorische Bildung hinzugezählt, was den Vergleich weiter verzerrt.

Wir haben in einer Studie für das Staatssekretariat für Wirtschaft Seco die Beschäftigungs- und Verdienstsituation von Personen mit verschiedenen Bildungswegen untersucht – und dabei andere Erkenntnisse gewonnen. Wenig überraschend sind zwar Personen mit Studium oder höherer Berufsbildung im Durchschnitt am besten vor Erwerbslosigkeit geschützt, Personen ohne nachobligatorische Bildung am wenigsten. Es spielt aber kaum eine Rolle, ob jemand als Erstausbildung eine berufliche Grundbildung oder ein Gymnasium besucht hat. Personen mit beruflicher Grundbildung als Erstausbildung sind im Schnitt sogar etwas häufiger erwerbstätig und seltener erwerbslos. Dies zeigt sich, wenn man die Personengruppen mit Berufslehre oder Gymnasium ohne zusätzliche Tertiärausbildung untereinander vergleicht sowie Personen mit Berufslehre oder Gymnasium mit anschliessender Tertiärbildung.

In einer weiteren Studie haben wir untersucht, ob die Qualifikationen von Absolventen einer Berufslehre häufiger nicht zu ihrer aktuellen Stelle passen, als dies bei Personen mit Tertiärbildung der Fall ist. Auch das konnten wir nicht erhärten – das häufigere Problem war vielmehr, dass Personen mit Hochschulstudium Tätigkeiten ausübten, für die sie überqualifiziert waren. Beide Befunde dürften damit zusammenhängen, dass die Berufsbilder der beruflichen Grundbildung regelmässig in Zusammenarbeit von Verbänden und Staat überarbeitet und den neusten Bedürfnissen des Arbeitsmarktes angepasst werden.

Umwege vermeiden

Zwar erwähnt George Sheldon in seinem Beitrag, dass man nach einer Berufslehre eine höhere Bildung anschliessen kann. Dies benötige jedoch zusätzliche Zeit, etwa in Form der Berufsmaturität und der Passerelle. Der Maturand könne dagegen direkt ins Bachelorstudium einsteigen, darum sei eine Matura vorteilhafter. Dieses Argument verfängt jedoch nur, wenn man die universitären Bachelorstudiengänge als die in jedem Fall erstrebenswerteste Ausbildung betrachtet – dazu bietet die gymnasiale Matura tatsächlich den schnellsten Zugang. Zu den Bachelorstudiengängen der Fachhochschulen jedoch haben Maturanden keinen freien Zugang, weil sie zuerst ein Jahr lang relevante Berufserfahrung sammeln müssen. Ebenso werden die vielen Bildungsangebote der höheren Berufsbildung ausgeblendet, die nachweislich eine hohe Bildungsrendite, das heisst gute Lohn- und Karrierechancen bieten.

In Deutschland beeindruckt Sheldon der hohe Anteil an Abiturienten, die eine Berufslehre beginnen. Dies stellt jedoch einen Umweg dar, weil die Betreffenden offenbar einen Berufsabschluss erwerben wollen und dafür nochmals eine Sekundarstufe-II-Ausbildung absolvieren müssen. Schweizer Jugendliche können mit der Kombination von Berufslehre und Berufsmaturität (die es auch lehrbegleitend gibt) direkt einen Berufsabschluss erwerben und danach ohne Umweg in eine tertiäre Bildung einsteigen. Auch schulisch starke Jugendliche entscheiden sich deswegen in der Schweiz häufig für eine Berufslehre.

Praxisorientierung fördern

Zunehmend beliebt sind bei deutschen Abiturienten duale Studiengänge, weil sie es ihnen erlauben, ein Bachelorstudium mit einer Berufsausbildung zu verbinden. Sheldon fordert dieses Modell auch für die Schweiz. Duale Studiengänge «umfahren» jedoch die duale Berufslehre auf der Sekundarstufe II, sodass offen bleibt, ob sie die Ausbildung des Berufsnachwuchses insgesamt stärken oder schwächen. Beipflichten kann man Sheldon darin, dass auch in der Schweiz viele Hochschulstudiengänge von mehr Praxisorientierung profitieren könnten, wobei das neben den Fachhochschulen auch für die Universitäten gilt.

Es bringt wenig, die Berufsbildung und die gymnasiale Maturität gegeneinander auszuspielen. Einseitige Kritik an der Berufsbildung erhöht den gesellschaftlichen Druck, Kinder auch entgegen ihren Fähigkeiten oder ihrer Motivation ins Gymnasium zu bringen. Die bildungspolitische Herausforderung besteht darin, die Qualität beider Ausbildungswege und die Durchlässigkeit zu fördern. Auf diese Weise bieten wir den Jugendlichen die Wahl zwischen verschiedenen zukunftsträchtigen Ausbildungen und sichern langfristig den Fachkräftebedarf der Wirtschaft.