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Vermindert Covid unser Vertrauen in die Wissenschaft?

Andreas Neinhaus

Wie wird er am Ende der Krise dastehen? Der US-Immunologe Anthony Fauci – hier hinter Noch-Präsident Donald Trump. (Keystone)

Donald Trump wird am 20. Januar als 45. US-Präsident abtreten, auch wenn er diese Realität noch nicht wahrhaben will. Aber vieles spricht dafür, dass seine Botschaft danach weiterlebt: das Leugnen von Fakten, selbst wenn sie wissenschaftlich bewiesen sind.

Wir erinnern uns: Als der Immobilientycoon und Reality-TV-Star 2016 die Präsidentschaftswahlen gewann, erkor die Gesellschaft für deutsche Sprache «postfaktisch» zum Wort des Jahres. Sie definierte es als die Neigung, Tatsachen mit Gefühlen und Spekulationen zu vermischen, um sich die Sicht der Welt persönlich zuzuschneiden. Praktiziert wurde sie im Weissen Haus von kleinen Schönfärbereien – von der Zahl der Anhänger, die zur Inauguration angereist waren, bis zu epochalen Entwicklungen wie dem Klimawandel.

Leider dürfte die Coronapandemie diese Neigung zusätzlich verstärken. Der Politik- und Wirtschaftsprofessor an der Universität von Kalifornien, Barry Eichengreen, kommt zusammen mit zwei Co-Autoren in einer Untersuchung zum Schluss, dass das Vertrauen in die Aussagen von Wissenschaftlern künftig geringer sein dürfte als vor dem Ausbruch von Covid-19.

Der Bote ist Schuld

Dazu werteten sie globale Datenbanken zu 138 Ländern aus, die sich zum einen mit dem Thema Vertrauen in die Wissenschaft befassen und zum anderen die Epidemien seit 1970 sammeln. Die Untersuchung ergibt, dass sich die öffentliche Meinung im Anschluss an Epidemien nicht gegenüber der Wissenschaft schlechthin ändert. Ihr Beitrag wird weiterhin als positiv eingeschätzt. Allerdings sinkt das Vertrauen in die Arbeit des einzelnen Wissenschaftlers. Die Zweifel an deren Aufrichtigkeit und Urteilsvermögen nehmen zu.

«As much as I respect you, Dr. Fauci, I don’t think you’re the end-all»
 Senator Rand Paul aus Kentucky

Auf den ersten Blick ist das widersprüchlich. Aber die Unterscheidung zwischen der Disziplin als Ganzes und dem Individuum deckt sich mit Ergebnissen aus der Psychologie und der Kognitionswissenschaft. In komplexen Situationen, bei denen viel auf dem Spiel steht, wird die Schuld schneller einem Einzelnen zugeschoben als einer Institution. Das erinnert an den antiken Brauch, den Boten einer schlechten Nachricht zu bestrafen. So wird an der Urteilskraft eines Spezialisten in der Covid-Bekämpfung gezweifelt, wie beispielsweise der Kommentar des republikanischen Senators Rand Paul aus Kentucky zeigt: «As much as I respect you, Dr. Fauci, I don’t think you’re the end-all». Aber gleichzeitig rufen die Anhänger des gleichen politischen Lagers dazu auf, alle wissenschaftlichen Ressourcen zu mobilisieren, um einen Impfstoff zu entwickeln.

Das Misstrauen basiert grundsätzlich auf dem Eindruck, dass Wissenschaftler als Repräsentanten einer gesellschaftlichen Elite eingestuft werden. Es richtet sich mehr an Forscher aus der Privatwirtschaft, als an solche, die für unabhängige Institutionen und Universitäten tätig sind.

 Junge Menschen sind besonders anfällig

Die Analyse kommt auch zum Ergebnis, dass besonders jüngere Menschen im Alter von 18 bis 25 Jahren im Anschluss an eine Epidemie zu dieser Unterscheidung neigen. Es handelt sich um die «beeindruckbaren» Altersjahrgänge. In der Psychologie werden sie der Lebensphase zugesprochen, in der Werte und Einstellung einer Persönlichkeit besonders stark geprägt werden. Bei allen anderen Altersklassen, die in Berührung mit einer Epidemie kamen, lässt sich keine Abnahme des Vertrauens gegenüber Wissenschaftlern statistisch nachweisen. Junge Menschen, die in der Schule kaum in wissenschaftlichen Fächern unterrichtet wurden, ändern ihr Urteil gegenüber Forschern häufiger. Und das ökonomische Umfeld spielt eine Rolle: Der Vertrauensverlust ist besonders ausgeprägt in Regionen mit geringen Durchschnittseinkommen.

Die Studie erinnert an vergleichbare Untersuchungen nach der Finanzkrise 2008, als die Ökonomen und ihre Disziplin in die öffentliche Kritik gerieten. Luigi Zingales, Wirtschaftswissenschaftler an der Universität von Chicago, fand damals in den USA Hinweise darauf, dass sobald sich unter Ökonomen eine Konsensmeinung zu einem Thema bildet, in der öffentlichen Meinung die entgegengesetzte Position populär wird. Ökonomen mögen zwar Regierungen beraten, aber häufig gelingt es ihnen nicht, die Menschen zu überzeugen, lautete damals das Fazit. Es bleibt aktuell und reicht weit über die Ökonomie hinaus. Kritik an Expertenmeinungen ist erwünscht, aber postfaktisches Leugnen von Erkenntnissen schadet dem Zugewinn von Wissen, auf das Gesellschaften gerade bei der Bewältigung von Krisen angewiesen sind.

Zur Studie: Barry Eichengreen, Cevat Aksoy und Orkun Saka. Revenge of the experts: Will Covid-19 renew or diminish public trust in science?, CEPR Discussion Paper 15447, November 2020.