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Versicherer finden digitale Helfer

Baloise, Helvetia und Vaudoise investieren Millionen in Start-ups. Das soll sich finanziell wie betrieblich auszahlen.

Wer sich auf digitalen Plattformen Offerten für den Wohnungsumzug oder die Hausrenovation ausstellen lässt, hat womöglich auch Bedarf für Transport- oder Gebäudeversicherung. Und wer digital Hypothekenangebote anfordert, wird je nach Darlehensumfang vom Kreditgeber um Hinterlegung einer Todesfallrisikopolice gebeten. Findige Versicherer bringen sich deshalb auf Internet-Marktplätzen ins Geschäft.

Wenn auf Umzugs- oder Hypothekenplattformen passende Versicherungen mit nur einem Mausklick als Zusatzleistung erworben werden können, erhält die Kundschaft mühelos umfassende Leistungen. Die Versicherer gewinnen so mit geringem Aufwand Neukunden.

Digitalverträge mit Potenzial

Die mittelgrossen Schweizer Versicherer kooperieren bereits mit einer Vielzahl von jungen Digitalunternehmen. Baloise (BALN 175 0.46%), Helvetia (HELN 136.6 0.29%) und Vaudoise investieren zusammen mehrere Hundert Millionen Franken für bestimmende oder minderheitliche Finanzbeteiligungen, um die Vertriebszusammenarbeit zu untermauern.

Helvetia hat für das 70%-Aktienpaket am Hypothekenvermittler MoneyPark mehr als 100 Mio. Fr. hingelegt. Baloise steckte rund 170 Mio. Fr. in die Online-Autoversicherung Friday sowie Engagements bei der Umzugsplattform Movu, dem Wäschedienstleister Bubble Box (BOX 17.77 0.4%) und dem Renovationsmarktplatz Devis.ch. Was aus diesen Investments an zusätzlichem operativen Umsatz und Gewinn bleibt, machen die Unternehmen nicht publik.

Wöchentlich 500 Abschlüsse

Baloise-Chef Gert De Winter sagte im Dezember im Interview mit «Finanz und Wirtschaft», das Unternehmen setze bereits 12% der Autoversicherungspolicen online ab. Zudem ­würden wöchentlich mindestens 500 Gegenstandsversicherungen digital vereinbart, etwa für Wertsachen wie Uhren, Musikinstrumente oder elektronische Geräte.

Das Argument, Einzelobjekte zu knappen Bedingungen rentierten wohl nur wenig, wischte er beim damaligen Gespräch vom Tisch. Interessant sei das Potenzial, aus solchen Initialverträgen mit aufmerksamer Begleitung über die Zeit weitere Policen abzuschliessen und die geschäftliche Beziehung tragfähiger zu gestalten.

Philipp Gmür, CEO von Helvetia, hält viel von der Mehrheitsübernahme beim Finanzproduktmittler MoneyPark. Der Versicherer könne vermehrt in Netzwerken agieren und profitiere von Mittlergebühren, von Kontakten und vom Absatz eigener Produkte, sagte er vor Jahresfrist im Gespräch mit «Finanz und Wirtschaft».

Gebühren, Kontakte, Absatz

Gleiches erwartet Helvetia von den kleineren Beteiligungen an inzwischen elf Jungunternehmen. Über den hauseigenen Venture Fund – mit 50 Mio. Fr. dotiert – würden bei Finanzierungsrunden geeigneter expansiver Firmen zwischen 0,5 Mio. und 2 Mio. Fr. eingeschossen, lässt Helvetia-Sprecherin Nadja Häberli ausrichten.

Mit der Entwicklung sei das Management «sehr zufrieden». Neuestes Engagement ist der Einstieg bei der deutschen Mobile Garantie, die den Gebrauchtwagenmarkt mit Sicherheitsdeckungen unterstützt.

Flott mit Mobilitäts-Diensten

Häberli begründet solche Engagements mit dem strategischen Nutzen, sich mit innovativen Geschäftsmodellen zu umgeben sowie den eigenen Betrieb für digitale Formen umzubauen. So ist der Versicherer finanziell und operativ mit Chargery verbunden, die E-Mobilitäts-Services anbietet, sowie mit Alarmplane.de, die mit Applikationen zur Transportsicherheit im Markt ist.

Die Vaudoise Versicherung (VAHN 534 0.38%) hat ihr 15-Mio.-Fr.- Budget für Start-up-Beteiligungen und digitale Investitionen bislang zur Hälfte eingesetzt, wie Stefan Schürmann mitteilt. Der Leiter Unternehmensentwicklung verweist auf die Engagements am Hypothekenvermittler Credex und an Neocredit, die über digitales Crowdlending geldsuchende KMU mit finanzierenden Institutionellen und Privatpersonen verbindet.

Baloise bei Anlegern beliebt

Vaudoise will gemäss Schürmann mit Komplementärinvestitionen die Anbieterposition langfristig stützen. Erreicht werden mit den auf das Marktgebiet Schweiz konzentrierten Aktivitäten 1,2 Mrd. Fr. Einnahmen, die primär von der Schaden- und Haftpflichtversicherung stammen.

Baloise und Helvetia sind nach Einnahmen und Kapitalisierung etwa vier Mal grösser als Vaudoise, da sie auch in der Vorsorge- und Lebensversicherung aktiv sind. In der Schweiz sichern sie sich nach Swiss Life (SLHN 486.6 0.5%) und Axa Schweiz vordere Plätze. Helvetia führt ausserhalb der Schweiz besonders in Italien und Deutschland grössere Betriebsteile. Baloise ist daran, den Zweitmarkt Belgien mit einer weiteren Akquisition in aussichtsreiche Position zu bringen. Nicht zuletzt deshalb sind die Baloise-Valoren – bei sonst vergleichbarer Bewertung und Dividendenrendite – bei Anlegern beliebter.

 


Ein Ertasten  der Zukunft


Die digitale Welt durchdringt alles unternehmerische Wirken. Auch die Uralt-branche Versicherung, die im 17. Jahrhundert mit Deckung von Feuer- und Transportschäden begonnen hat, sucht den Anschluss. Vertriebsmanager bauen den Kunden Onlinezugänge, und die Chefs der Versicherungskonzerne versprechen eine neue «Customer journey».

Dazu gehören ein intuitiver Abschluss und die unbürokratische Änderung von Versicherungsdeckung. In Aussicht gestellt wird auch eine Sofortbezahlung erlittener Schäden, wozu in vielen Fällen ein simples Hochladen von Bildern über das Smartphone genüge.

Broker Knip gebremst

Start-ups mit Stossrichtung Versicherungsgeschäft witterten früh Chancen. Doch nicht jede Idee wird gross und bleibt es auch. Der Online-Versicherungsbroker Knip zum Beispiel – 2015 mit gut 15 Mio. Fr. Investorengeld öffentlichkeitswirksam in der Schweiz und Deutschland angetrieben – wurde 2017 mit der holländischen Kompary zusammengelegt und zur Digital Insurance Group umbenannt. Die Knip-Geschäfte sind noch immer schwergewichtig in den beiden Ursprungsländern.

Hier sind längst nicht alle Menschen digital-affin. In Asien ändere sich das Konsumverhalten radikaler, schreibt die Beratung Boston Consulting Group. Deshalb konnte die 2013 in China lancierte Online-Versicherung ZhongAn in nur vier Jahren vom Start-up zum kotierten Vorzeigeunternehmen mit Milliardenkapitalisierung hochschiessen.

Jedes Quartal über 1 Mrd. $

Boston Consulting rät den europäischen Versicherern in ihrem Strategiepapier, sie müssten für ein Aufrücken zu asiatischen Anbietern wesentlich mehr als bislang wagen. Zu sehr müssten sie sich an schweren Altlasten abmühen, vor allem an antiquierter Informatik, einem verzettelten Sortiment von Verträgen langer Laufzeit und – besonders herausfordernd – einem schwerfälligen, analog arbeitenden Vertrieb über Niederlassungen und Beratungsagenturen.

Die Schweizer Versicherer investieren in die Modernisierung der Technik und bauen parallel zum traditionellen Agenturvertrieb neue Onlineabsatzwege. Sie gehen überdies Beteiligungen und Kooperationen mit Jungunternehmen aus anderen Kompetenzfeldern ein, um sich dort für den Versicherungsvertrieb anzudocken.

Insurtech-Start-ups, die auf der Wertschöpfungskette der Branche einzelne operative Schritte reformieren, finden offenbar immer leichter Investorengeld. Die Beratung TowersWillisWatson ermittelte, dass seit bereits vier Quartalen global jeweils mehr als 1 Mrd. $ in Neufinanzierungen fliessen.

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