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Viel Lärm um eine kleine Bohne

Chinesische Einfuhrzölle auf Soja würden die USA empfindlich treffen. Doch für das Reich der Mitte ist es schwierig, den enormen Sojabedarf über andere Importquellen zu decken.

Sie ist klein und ziemlich unscheinbar – und doch kommt der Sojabohne im sino-amerikanischen Handelsstreit eine zentrale Rolle zu. Macht China die Drohung wahr, den US-Import des Agrarguts mit einem Strafzoll von 25% zu belegen, trifft dies die Farmer, wo es besonders schmerzt – hat der amerikanische Agrarsektor über die vergangenen Jahre doch spürbar vom chinesischen Rohstoffhunger profitiert. Allerdings: Ganz einfach wird es auch für das Reich der Mitte nicht, den gewaltigen Sojabedarf über alternative Importquellen zu befriedigen.

Letztes Jahr führte China Sojabohnen im Wert von rund 13 Mrd. $ aus den USA ein. Zwar wirkt dieses Volumen auf den ersten Blick überschaubar. Die US-Landwirtschaft kämpft aber bereits jetzt mit einem Profitabilitätsproblem: In der aktuellen Prognose warnt das Agrarministerium, dass die Gewinne im laufenden Jahr auf ein Zwölfjahrestiefst fallen könnten. Zudem würden Strafzölle gerade die Trump-nahen Bundesstaaten treffen: Acht der zehn grössten Sojaproduzenten haben an der letzten Präsidentschaftswahl für die Republikaner gestimmt.

Sowohl die Nachfrage- als auch die Angebotsseite im Sojamarkt sind einer Vielzahl preisrelevanter Treiber ausgesetzt. Der Anbau wird von den USA, Brasilien und Argentinien dominiert. Zusammen sind die drei Staaten für über 80% der Weltproduktion verantwortlich.

Über die letzten Jahre bewegten sich die globalen Erntevolumen fast kontinuierlich nach oben – unter anderem, weil der Ertrag pro Anbaufläche (Yield) deutlich gesteigert werden konnte. Mitte der Siebzigerjahre betrug die jährliche US-Ernte pro Acre (rund 4000 Quadratmeter) durchschnittlich 25 bis 30 Scheffel (ein Scheffel entspricht rund 27,2 Kilogramm). Inzwischen wirft ein Acre im Mittel beinahe 50 Scheffel pro Jahr ab. Getrieben wird dieser Aufwärtstrend massgeblich vom Einsatz wirksamerer Dünger, Herbizide, Pestizide und Fungizide sowie von effizienteren Bewirtschaftungsmethoden.

Gewaltiger Sojahunger

Der wichtigste globale Abnehmer bleibt mit grossem Abstand China. Zwar gelingt es dem Land, bei Agrargütern wie Mais, Weizen oder Reis die Nachfrage über die Binnenproduktion zu decken. Bei Sojabohnen reicht der Eigenanbau jedoch schon lange nicht mehr aus.

Der enorme Bedarf Chinas ist nicht auf die direkte Nutzung von Soja als Lebensmittel zurückzuführen. Denn nur aus einem kleinen Anteil – weniger als 10% – wird Tofu, Tempeh, Sojamilch oder Sojasauce gemacht. Deutlich grössere Volumen werden zu Sojaöl und Sojaschrot verarbeitet. Ersteres wird sowohl als Speiseöl konsumiert als auch in einer Vielzahl von Lebensmitteln wie Süssigkeiten oder Tiefkühlprodukten eingesetzt. Letzteres findet dank des hohen Proteingehalts vor allem in der Tiermast Verwendung.

Der wachsende Appetit auf Fleisch hat in China zu einem deutlichen Anstieg der Schweinepopulation geführt. Von den rund 700 Mio. Tieren wird zudem ein immer grösserer Anteil auf Tierfarmen gehalten, wo meist Sojaschrot verfüttert wird.

China zielt bereits geraume Zeit darauf ab, stets eine ausreichende Rohstoffversorgung zu gewährleisten. Im Zuge dieser Bestrebungen hat Peking die Beziehungen mit Lateinamerika schon lange vor den jüngsten Handelsquerelen intensiviert. Allein 2017 investierte China mehr als 20 Mrd. $ in Brasilien. Ein grosser Teil der Mittel fliesst in den Bau neuer Infrastruktur, um den Binnentransport und die internationale Verschiffung von Agrargütern zu erleichtern.

Letztes Jahr exportierte Brasilien mit 50 Mio. Tonnen so viele Sojabohnen wie noch nie, wovon fast das gesamte Volumen im Reich der Mitte landete. Dass China verstärkt auf brasilianisches Soja setzt, ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass dieses – wegen besserer klimatischer Voraussetzungen – einen höheren Proteingehalt aufweist.

Moderate Preisreduktion

Was passiert nun, sollte China die angedrohten Strafgebühren tatsächlich einführen? Bei einem Zoll in der Höhe von 25% brächen gemäss einer Prognose der Purdue-Universität (Indiana) die amerikanischen Sojaexporte nach China um zwei Drittel ein. Dadurch entstünde ein ökonomischer Schaden von über 3 Mrd. $. Direkter Nutzniesser – in ungefähr der gleichen Grössenordnung – wäre Brasilien, das von Zusatzbestellungen und steigenden Preisen profitieren würde.

Trotz der potenziell tiefgreifenden Auswirkungen fiel die Preisreaktion im Sojamarkt bislang moderat aus. Nach einem kleinen Zwischentief im März haben sich die Notierungen an der US-Börse CME erholt. Einerseits ist darin wohl die Hoffnung abzulesen, dass eine Eskalation des Handelskonflikts vermieden werden kann. Andererseits ist China – angesichts der unterschiedlichen saisonalen Erntemuster in den USA und Brasilien – vorläufig auf beide Importquellen angewiesen.

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