Märkte / Anleihen

Viel Lärm um nichts?Devisen Monatliche Wechselkursprognose – Gerüchte schwächen Franken massiv

Jeanne Richenberger

Warten auf Bernanke – unter diesem «Motto» standen in den vergangenen Tagen die Devisenmärkte. Die monatlich befragten Devisenexperten richteten sich auf keine kursbewegenden Neuigkeiten in der Rede Ben Bernankes, Präsident der US-Notenbank Fed, ein. Sie sollten Recht behalten. Bernanke kündigte am späten Freitagnachmittag keine weitere quantitative Lockerung an. Der Greenback handelte stabil um 1.43 $/€.

Deutlich bewegte sich hingegen der Franken: Er schwächte sich zur US-Valuta auf 0.81 Fr./$ ab. Noch grösser war die Bewegung zum Euro: Nachdem am Freitagnachmittag die 1.15 Fr./€ geknackt wurde, schoss das Paar bis auf 1,16949 Fr./€. Diese heftige Bewegung wird mit Gerüchten um die Schweizerische Nationalbank (SNB) begründet: Das Institut habe von Schweizer Banken eine Gebühr auf ausländische Konti gefordert – um so das Halten von Frankenpositionen zu verteuern. Die SNB dementierte. Jedoch warnte UBS in einer Swift-Nachricht ausländische Institute, die bei ihr grosse Frankenpositionen halten: Sollten weitere übermässige Kapitalzuflüsse stattfinden, erwägt die Grossbank, in den nächsten Tagen eine zusätzliche Gebühr auf Frankenkontokorrente dieser Banken einzuführen. Am Abend korrigierte die helvetische Valuta auf 1.16 Fr./€ bzw. 0.80 Fr./$.

Übertreibung im Franken?

Zur Wechselkursprognose: Markus Hettinger von Credit Suisse beobachtet einen steigenden Finanzierungsdruck: «Europäische Banken benötigen Dollar. In den USA selbst sind genügend vorhanden, Offshore hingegen ist es schwierig, den Greenback ohne Pfand zu kaufen. Deshalb weist der Devisenmarkt derzeit eine Dollarfinanzierungsprämie von 80 Basispunkten auf.» In der jüngsten Frankenentwicklung ortet der Devisenexperte eine Blase. Der Kurs habe sich exponentiell in Richtung 1 Fr./€ entwickelt, nun aber 14% korrigiert. Die dreimalige Intervention der SNB habe Wirkung gezeigt, denn die Liquidität sei massiv gestiegen und die Zinsen seien in den negativen Bereich gefallen. Auf Schweizer Seite sei einiges gemacht worden, um die massiv überbewertete Valuta zu schwächen. Jetzt werde ein stabiles externes Umfeld benötigt.

In den vergangenen Tagen sei das Paar Franken-Euro primär charttechnisch getrieben, erläutert Hettinger. Kurzfristig wichtig sei der Widerstand von 1,1550 Fr./€, nach unten müsse 1.10 Fr./€ halten. Dann bestätige sich die These einer Übertreibung respektive Blase. Hettinger argumentiert weiter: «Die Zinsdifferenz spricht klar für die europäische Valuta. Selbst wenn keine Zinserhöhungen mehr vorgenommen werden, beträgt der Unterschied Eurozone-Schweiz 1,5 Prozentpunkte.» Doch schlussendlich werde die helvetische Valuta nur dann schwächer notieren, wenn weniger Kapital in die Schweiz bzw. Kapital aus der Schweiz fliesse. Die aktuellen Minuszinsen würden den ersten Fall unterstützen, ebenso seien die Aufwertungserwartungen gebrochen worden. Aber es sei auch möglich, dass Kapital aus der Schweiz abgezogen werde, besonders in Anbetracht des Zinsniveaus. Beispielsweise biete eine Schweizer Staatsanleihe über vier Jahre derzeit null Rendite. Das könne für Schweizer Investoren durchaus ein Anreiz sein, wieder in der Eurozone anzulegen. «Wichtig ist zudem, dass die impliziten Volatilitäten fallen. Sie befinden sich noch immer über dem Niveau der Lehman-Krise. Je mehr die Schwankungsbreiten abnehmen, desto mehr wirkt der Zinsvorteil. Wir sind deshalb zuversichtlich, dass sich der Euro festigt», fasst Hettinger zusammen.

2009 war erfolgreich

Lutz Karpowitz von Commerzbank hält die Strategie der SNB für erfolgreich, nachdem das Paar um 1.14 Fr./€ handle, obschon er eigentlich einen direkten Eingriff erwartet hatte. «Doch es ist Vorsicht geboten. Sollte es nochmals zu einem Unsicherheitsschock kommen, also die Risikoaversion erneut massiv steigen, sind natürlich die Währungen des sicheren Hafens wieder gefragt – unter anderem eben der Franken.»

Der Devisenexperte hält die Intervention der SNB von 2009 für erfolgreich. Die Nationalbank habe die Grenze von 1.50 Fr./€ aufgegeben, da ein Stoppen der Frankenaufwertung nicht mehr notwenig gewesen sei. Er begründet das mit der Deflation: Vor knapp drei Jahren habe die Gefahr fallender Preise bestanden. Dann habe sich die deflationäre Bedrohung reduziert und die SNB in der Folge ihr Wechselkursziel aufgegeben. Deswegen sei die Nationalbankspitze derzeit wohl auch etwas entspannter – obschon am Horizont deflationäre Risiken erneut zunähmen.

Direkte Interventionen?

Gemäss Giovanni Staunovo von UBS versucht die SNB, die 200 Mrd. Fr. an zusätzlicher Liquidität zu erreichen. Ob ihr dies gelungen sei, könne am Montagmorgen beurteilt werden, wenn die entsprechenden Zahlen publiziert würden. Die Marktteilnehmer seien überzeugt, dass das Ziel nicht erreicht werden könne.

«Viele erwarten den nächsten Schritt. Solange es nicht dazu kommt, könnte Franken-Euro durchaus nochmals Richtung 1.10 Fr./€ fallen. Der nächste Schritt wären dann direkte Interventionen am Markt.» Grundsätzlich stelle sich die Frage, welcher Wechselkurs optimal für die Schweizer Wirtschaft sei. Ein Niveau von 1.14 Fr./€ sei schmerzhaft. Den fairen Wechselkurs nach Kaufkraftparität berechnet Staunovo auf 1.39 Fr./€.

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