Märkte / Makro

Volkswirte fürchten US-Gewinnrezession

Neue Daten in den USA zeigen, dass die Profitmargen der Unternehmen seit 2014 sinken – länger als vor dem Platzen der New-Economy-Blase.

Seit Monaten wachsen die Rezessionssorgen in den USA. An den Finanzmärkten schauen Anleger etwa auf den Abstand zwischen der Rendite zehnjähriger Staatsanleihen und den Dreimonatszinsen, der in der Vergangenheit zuverlässig eine Rezession angekündigt hat, wenn er negativ wurde: Dann liegen wie seit diesem Frühjahr die langfristigen Zinsen unter den kurzfristigen, was für den Anleihenmarkt eher unüblich ist, weil sich Investoren längere Engagements gewöhnlich höher verzinsen lassen.

Doch auf den ersten Blick ist für Anleger in volkswirtschaftlichen Statistiken wie dem Bruttoinlandprodukt (BIP) oder den Arbeitsmarktzahlen nicht erkennbar, dass das Rezessionsrisiko tatsächlich steigt. So wuchs das BIP in den USA im zweiten Quartal immerhin noch 2% auf das Jahr hochgerechnet im Vergleich zum Vorquartal. Das war zwar erheblich weniger als die 3,1% zu Jahresbeginn, zeigt aber noch kein wachsendes Krisenrisiko an.

Worauf allerdings Strategen und Volkswirte in den Banken sehr gerne schauen, sind die Investitionen und die Gewinnentwicklung der Unternehmen. Beide zeigen oft bereits frühzeitig schlechte Zeiten in einer Volkwirtschaft an. Investieren die Unternehmen weniger in neue Maschinen, Anlagen, Fahrzeuge, Patente oder Gebäude, lässt auch der Jobaufbau nach, was am Ende zu weniger Konsumnachfrage und Wirtschaftswachstum führt.

Gewinnrückgang im S&P 500

Ein wichtiger Grund für nachlassende Wachstumsraten liegt oft in den sinkenden Gewinnen und Gewinnmargen, die wiederum die Investitionsneigung und damit den Jobaufbau dämpfen. Ein wichtiges Warnsignal hatten bereits im Sommer die grossen Aktiengesellschaften im wichtigen Index S&P 500 geliefert. Ihre Gewinne sanken im zweiten Quartal auf Jahressicht um 0,4%, wie die jüngste Auswertung des Datendienstleisters FactSet zeigt. Erstmals seit dem ersten Halbjahr 2016 sind damit die Gewinne wieder zwei Quartale in Folge gefallen, womit eine gängige Definition einer Gewinnrezession unter Fachleuten erfüllt ist.

Für Ökonomen, die die Rezessionsrisiken der gesamten amerikanischen Volkswirtschaft analysieren wollen, sind aber weniger die Bilanzdaten der Unternehmen interessant, die mitunter ein anderes Bild als die volkswirtschaftlichen Daten zeichnen können. Sie interessieren sich mehr für die operativen Gewinne des gesamten Produktionsstandorts, die sich in den Details zum Bruttoinlandprodukt verstecken, die das Bureau of Economic Analysis (BEA) jedes Quartal veröffentlicht. Neueste Daten aus der vergangenen Woche zeigen nun aber, dass die Vorsteuergewinne der nichtfinanziellen Unternehmen in den USA im zweiten Quartal um 0,4% gesunken sind. Im ersten Quartal waren sie bereits 3,1% geschrumpft. Dies verdeckt jedoch, dass die finanziellen Unternehmen wie Banken und Versicherungen im Frühjahr dagegen noch einen operativen Gewinnschub mit einem Plus von 2,7% verbuchten.

Die Gewinnrezession der Realwirtschaft, die sich nun auch in den volkswirtschaftlichen Daten ablesen lässt, gibt für viele Volkswirte allerdings ein komplett neues Konjunkturbild ab. Denn in den Sommermonaten hatten die Statistiker des BEA ihre Daten bis in das Jahr 2014 zurück erheblich revidiert. Zuvor konnten Ökonomen noch davon ausgehen, dass die Gewinne in den USA steigen. Die unrevidierten Daten hatten sogar noch ein Plus von 7% im ersten Quartal angezeigt, das nun aber komplett verschwunden ist.

Neues Konjunkturbild

Die neuen Zahlen haben gravierende Auswirkungen auf die Analyse der Gewinnmargen, wenn Ökonomen die Betriebsüberschüsse aller Unternehmen ins Verhältnis zum BIP setzen und auf diesem Weg eine volkswirtschaftliche Gewinnquote betrachten. Denn gewöhnlich zeigt sich, dass ein Aufschwung lange Zeit durch eine steigende Gewinnquote der nichtfinanziellen Unternehmen gekennzeichnet ist. Eine sinkende Gewinnquote führt in der Regel zum Abschwung, was im Extremfall in einer Rezession enden kann. Die jüngste Datenrevision offenbart nun, dass – anders als ursprünglich gedacht – die Gewinnquote der nichtfinanziellen Unternehmen gar nicht seit 2016 wieder gestiegen ist, sondern der Trend seit 2014 abwärts zeigt.

Auch in den Jahren vor dem Platzen der New-Economy-Blase sank die realwirtschaftliche Gewinnquote im Trend bereits seit 1997, siebzehn Quartale lang bis 2001: von 7,2 auf 3,1%. Vor der Finanzkrise ging es bereits Mitte 2006 los, kurz bevor die Immobilienpreise begannen sich abzuschwächen, was später zu den Turbulenzen am Immobilienmarkt und in die Finanzkrise führte. Dabei sank die Gewinnquote zwölf Quartale lang bis zum Frühjahr 2009: von 7,8 auf 4,8%.

Divergenz zum Aktienmarkt

Im aktuellen Zyklus erreichte die Gewinnquote ihren Höhepunkt im Sommer 2014 bei 7,6%. Nach den neuesten Zahlen sank sie bis zum zweiten Quartal 2019 auf 5,4%. Der aktuelle Negativtrend dauert damit bereits neunzehn Quartale – länger als vor dem Platzen der New-Economy-Blase. Die jüngsten Korrekturen in den Gewinnen erfolgten vor allem bei den Informationsanbietern – dazu gehören etwa Telekomkonzerne – und im Einzelhandel.

Für Steven Blitz, Ökonom beim Analysehaus TS Lombard, ist vor allem die Divergenz zwischen sinkenden Margen und steigenden Aktienmärkten besorgniserregend. Sie erinnert ihn an die Jahre vor der Jahrtausendwende, als die US-Notenbank die damalige Aktienrally angeheizt hatte. Hinzu kommt: «Die Gewinne deuten darauf hin, dass die Unternehmen ihre Ausgaben für Kapital und Arbeit senken.» Eine Abschwächung der Margen führe dazu, dass die Unternehmen vorsichtiger werden, sagt auch Stephen Gallagher, US-Chefvolkswirt bei Société Générale. «Kürzungen und Rezessionen folgen.»

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Leser-Kommentare

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Tobias Schait 04.09.2019 - 11:01
Ich weiss nicht, was die FuW von der ständigen Panikmache hat? Seit Frühling 2016 wird das ungelegte Ei einer kommenden Wirtschaftskrise begackert. Der Tamedia Gruppe geht es nicht gut, aber werden Leser mit einer dauernden Emotionalisierung gewonnen? Nüchterne, zurückhaltende Analysen liegen mir mehr. Wer sich fürchtet (“vor einer Rezession” siehe oben im Titel) oder “Sorgen hat” um Anlagen (siehe oben),… Weiterlesen »