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SNB-Jordan: «Vollgeld schadet der Schweiz»

Fünf Wochen vor der Abstimmung hält Nationalbankpräsident Thomas Jordan eine flammende Rede gegen die Vollgeldinitiative.

Am 10. Juni stimmen die Schweizerinnen und Schweizer über die Vollgeldinitiative ab. Würde sie angenommen, dann hätte die Schweiz in den folgenden Jahren mit schweren wirtschaftlichen Schäden zu kämpfen. Davon ist Nationalbankchef Thomas Jordan überzeugt. Dabei ist die von ihm geleitete oberste Geldbehörde des Landes Hauptnutzniesserin, wenn es nach dem Willen der Initianten geht. Jordan schmetterte den Vorstoss am Donnerstagabend in einer flammenden Rede an der Universität St. Gallen jedoch ab.

Der ganze Vorstoss sei ein «unnötiges und gefährliches Experiment».

Finanzsystem wird nicht sicherer

Die Vollgeldinitiative will die Geldschöpfung durch die Banken verbieten. Dazu sollen Kunden bei den Banken künftig keine Sichtguthaben mehr halten, sondern nur noch Sichtguthaben direkt bei der Nationalbank, sogenannte Vollgeldkonten. Banken müssen heute die Sichtguthaben nicht zu 100% mit Zentralbankgeld unterlegen, sondern können über die Mittel frei verfügen, zum Beispiel um Kredite an ihre Kunden auszuzahlen. Sie produzieren also Geld.

Für die Initianten geht es um die grundlegende Frage, ob private Banken, die im Sinne ihrer Aktionäre handeln, Geld schöpfen sollen. Oder ob es nicht doch besser wäre, wenn dazu nur die Nationalbank befugt wäre, die gemäss Verfassung im Gesamtinteresse des Landes handelt. Dadurch werde das Finanzsystem sicherer.

Jordan gesteht den Vollgeldbefürwortern hehre Absichten zu. Der Ansatz sei jedoch falsch. Selbst in einem Vollgeldsystem könnten sich Kredit- und Vermögenspreisblasen bilden, die früher oder später platzten. «Auch ohne Rückgriff auf Sichteinlagen können Banken zu riskante Kredite vergeben, zu wenig Rücklagen für Krisenzeiten halten und beim Platzen einer Blase insolvent werden», sagte Jordan gemäss Redetext.

Um Spekulationsblasen in Schach zu halten, seien höhere Eigenmittel- und Liquiditätsanforderungen für Banken sinnvoller. Auch würden makroprudenzielle Instrumente wie der antizyklische Kapitalpuffer mehr bringen. Jordan betont, dass dieser Weg seit der Finanzkrise bereits beschritten wird.

Wie Sand im Getriebe

Das wichtigste Gegenargument von Nationalbank, Parlament und Bundesrat: das Risiko, als einziges Land weltweit sein Finanzsystem umzustellen. Vollgeld wäre eine radikale Veränderung, bestätigt Jordan in seinem Referat.

«Die Kreditvergabe würde komplizierter und schwerfälliger, weil Vollgeld die nützliche Vermittlerfunktion beeinträchtigt, die Banken im heutigen Geldsystem erfüllen.» Gemäss Jordan ginge das zulasten der Kunden. In einem Vollgeldsystem würden sich Kredite verteuern.

Die Initianten halten das Argument für nicht triftig: Die Höhe der Zinsen für Kredite oder Hypotheken hänge heute wie auch mit Vollgeld vom Verhalten der Nationalbank ab, sagen sie.

Jordan ist anderer Meinung. «Vollgeld wäre wie Sand im Getriebe unseres Kreditwesens.» Die Banken könnten weniger flexibel auf die Kreditnachfrage reagieren. Das würde den Konsum, die Investitionen und letztlich den Wohlstand in der Schweiz mindern.

Leser-Kommentare

Willy Huber 07.05.2018 - 12:22

Jordan & Co. imponiert mir, und ich stehe völlig hinter seiner Beurteilung. Die Notenbank muss sich gegen die Politiker möglichst unabhängig und zum Wohle des Landes entscheiden können und versteht auf alle Fälle mehr als diese. Sie sind dem Bundesrat und dem Parlament keine Rechenschaft schuldig, auch wenn diese noch so gerne mitreden oder besser noch “dreinschnorren” wollen.