Dossier-Bild Ein Artikel aus dem Dossier Nonvaleur
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Vom Zauberberg zum Gespensterschloss

Investoren gesucht: Das Sanatorio Popolare Cantonale di Piotta bedarf der Sanierung. Es liegt, wie der Schweizer ­Heimatschutz schreibt, «in herrlicher Landschaft auf rund 1150 Meter über Meer»; das fünfgeschossige Hauptgebäude ­bietet an «sonniger Lage einen wunderschönen Ausblick».

Der Anblick dagegen ist, wie Morgenstern sagen würde, grässlich und gemein. Der Kasten, nahe der Mittelstation der Standseilbahn (einer der steilsten Europas) von der Leventina zum Stausee Ritom, ist eine Ruine. Gelegentlich machen es sich Ziegen darin gemütlich. Dann und wann – oder aber dauerhaft – soll ein Poltergeist drin hausen; es kursieren Berichte und Gerüchte, wonach im ehemaligen ­Sanatorium nicht alles mit rechten Dingen zugehen soll: Liegt ein Fluch auf dem Gemäuer? Weil seinerzeit ein dämonischer Dr. Mabuse mit den Patienten experimentierte statt sie kurierte? Volksaberglaube; die ehemalige Totenkammer ist leer. Freilich gibt es noch den Raum, in dem damals, man stelle sich vor,  die Spucknäpfe desinfiziert wurden.

Das war auch nötig, denn das Sanatorio del Gottardo, wie die in der Rechtsform einer Aktiengesellschaft gegründete Einrichtung ursprünglich hiess, diente zur Linderung der seinerzeit sehr weit verbreiteten Lungenkrankheiten. 1905 nahm es den Betrieb auf, quasi ein Tessiner «Zauberberg». Hätte Thomas Manns Frau Katia doch bloss dort statt in Davos ihre Tuberkulose, wenn es denn überhaupt eine waschechte Phthisis war, behandeln lassen!

Das war kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Nach dem Waffenstillstand 1918 führte die Eidgenossenschaft das Sanatorio als Militärspital, bis es 1920 der Kanton Tessin übernahm. Der führte es unter dem neuen Namen bis in die frühen Sechzigerjahre weiter. Tuberkulose aber ­degenerierte mit der Zeit von der Volkskrankheit zur ­Rarität, das gab dem Sanatorio Popolare den Rest.

Nun steht der Kasten mit seinen 76 Krankenzimmern seit über einem halben Jahrhundert leer, und die Natur arbeitet zäh und unerbittlich an der Rückeroberung. Doch das tut hinwiederum auch der Mensch, wenigstens auf dem Papier: Schüler der Architektur-Akademie von Mendrisio schlagen vor, den Komplex – Haupthaus und Nebengebäude – in ein Sporthotel umzubauen: im Winter für Skihasen, in den wärmeren Jahreszeiten für Wandervögel.

Apropos Kleingeld: Es lohnte sich vielleicht ein gotthardquerender Anruf an den Andermatter Hotelier Samih Sawiris. Der unterstützt ja bereits den kultigen Hockey Club Ambrì Piotta. Dieser aber spielt auf der dem havarierten Husten-Hospiz gegenüberliegenden Talseite, in der lottrig-legendären und lawinengefährdeten Pista la Valascia.

Kräftezehrend weitgereiste Gastmannschaften wie etwa Genève-Servette könnten, in einem Albergo al vecchio Sanatorio rastend, nach dem Match den Triumph auskosten.  Tragischenfalls aber müssten sie den «Biancoblu» zuhören, wie sie «La Montanara» grölen – aus voller Kehle.

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