Meinungen

Von Babylon nach Frankfurt

Ein Blick in die Währungsgeschichte zeigt: Ein Ausnahmezustand wie der gegenwärtige ist gar nicht so sehr die Ausnahme – und er kann lange dauern. Eine Normalisierung ist kein Naturgesetz. Ein Kommentar von Tobias Straumann.

«Wenn es für die Fürsten eng wurde, überwachten sie das Kreditgeschäft scharf.»

Mit wachsendem Staunen nimmt die Öffentlichkeit zur Kenntnis, dass die guten, alten Regeln der Geldpolitik in Frankfurt am Main immer weniger gelten. Monetisierung der Staatsschulden, Negativzinsen, Quantitative Easing – all dies gab es vor zehn Jahren noch nicht, es scheint aber heute zum Standardrepertoire der Europäischen Zentralbank (EZB) zu gehören. Statt Klassik spielt ihr Chef Mario Draghi mit seinem Orchester Free Jazz.

Nur: Die guten, alten Regeln sehen bloss im Rückspiegel alt aus. Wir sind geprägt von einer goldenen Ära, die von den frühen Achtzigerjahren bis zum Ausbruch der Finanzkrise 2008 dauerte, und ignorieren die Zeit davor. Das verleitet zu falschen Annahmen über die Zukunft. Wir glauben, dass es ein natürliches Gleichgewicht gibt, zu dem die Geldpolitik binnen weniger Jahre zurückkehren muss. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt hingegen genau das Gegenteil. Der sogenannte Ausnahmezustand kann sehr lange anhalten. Eine baldige Normalisierung ist alles andere als ein Naturgesetz.

Es reicht schon, die Sechziger- und Siebzigerjahre in den Blick zu nehmen. Damals lagen die Realzinsen über mehrere Jahre tief im Negativen. Viele Länder operierten mit gespaltenen Devisenmärkten und Kapitalkontrollen. Die Geschäftsbanken mussten sich Kreditbeschränkungen und Obergrenzen für Sparzinsen gefallen lassen. Manche Notenbank zögerte, die Zinsen zu erhöhen, weil sie Angst vor einem Konjunktureinbruch hatte. Erst gegen Ende der Siebzigerjahre, als die Inflation vollends aus dem Ruder zu laufen drohte, trauten sich die Behörden, unpopuläre Massnahmen zu ergreifen.

Was ist Ausnahme, was ist normal?

Überblickt man die vergangenen hundert Jahre, wird es noch schwieriger, zwischen Ausnahmezustand und Normalität zu unterscheiden. Von 1914 bis 1920 herrschte Inflation, weil die Zentralbanken gezwungen wurden, die Kriegskosten mit der Notenpresse zu finanzieren. Dann folgten rund zehn Jahre, in denen die Zinspolitik einigermassen zuverlässig funktionierte, bis dann in den Dreissigerjahren die Situation vollends aus dem gewohnten Rahmen fiel. Die Geldpolitik wurde von den Finanzministerien usurpiert, die alles daransetzten, die Refinanzierungskosten des Staates so günstig wie möglich zu halten. Das Ergebnis war, dass die Nominal-und die Realzinsen von Mitte der Dreissiger- bis Mitte der Fünfzigerjahre äusserst niedrig blieben. Einige Notenbanken wurden darüber hinaus gezwungen, Staatsschulden auf ihre Bilanz zu nehmen.

Auch das Bankensystem wurde in den Dienst der Staatsfinanzierung gestellt. In manchen Ländern wurden die Geschäftsbanken gezwungen, einen bestimmten Anteil der Staatsanleihen zu kaufen. Das Ziel der Staaten bestand darin, mit allen möglichen Instrumenten die aus dem Krieg ererbten Schulden auf ein erträgliches Mass zu reduzieren. Und die Strategie funktionierte: Der Anteil der Staatsschulden am Bruttoinlandprodukt (BIP) lag zu Anfang der Siebzigerjahre in den meisten Ländern unter 50%. Wegen dieser historischen Erfahrung der Finanzrepression findet die unkonventionelle Politik heute immer mehr Anhänger in den Zentralbanken und den Finanzministerien.

War es wenigstens in der fernen Vergangenheit besser, als die Währungen auf Metall beruhten? Nur auf den ersten Blick. Es gab zwar den klassischen Goldstandard von 1873 bis 1914, der mit Erfolg Stabilität und Wachstum garantierte, doch selbst Metallwährungssysteme vermochten keinen unüberwindbaren Riegel gegen schädliche geldpolitische Massnahmen zu bilden. Seit den Tagen des babylonischen Herrschers Hammurabi, der die Silberwährung zum ersten Mal schriftlich verankerte, praktizierten Kaiser, Könige und Fürsten immer wieder Münzverschlechterung, um ihre Finanzmittel zu mehren. Sie schreckten auch nicht davor zurück, die Gläubiger zu enteignen, auszuweisen oder umzubringen, wenn sie glaubten, die Staatsräson erfordere dies.

Ein berühmtes Beispiel ist  Philipp der Schöne, König von Frankreich von 1285 bis 1314. Seine Regentschaft war alles andere als schön, denn sein oberstes Ziel war, das eigene Herrschaftsgebiet durch Kriege zu vergrössern. Zur Finanzierung des Militärs erhöhte er zunächst die Steuersätze für Adlige, Kleriker und Untertanen. Als dies nicht mehr ausreichte, verminderte er den Metallgehalt der Münzen. Als die Untertanen sich weigerten, weiterhin seine Münzen zum geprägten Nennwert zu benutzen, weil sie der königlichen List auf die Schliche gekommen waren, zwang Philipp sie mit polizeilichen Mitteln dazu. Hungerrevolten als Folge explodierender Brotpreise schlug er brutal nieder. Als diese Massnahme nicht mehr griff, enteignete der König seine Gläubiger. Schliesslich wies er sämtliche Juden aus Frankreich aus, etwa 100 000 an der Zahl, und zerschlug den Templerorden. Auch die italienischen Gläubiger, damals als «Lombarden» bezeichnet, weil sie meist aus Norditalien stammten, wurden enteignet und ausgewiesen.

Schützenhilfe bekam Philipp der Schöne vom Papst. Es war nämlich genau in dieser Epoche, dem Hochmittelalter, als die Kirche das Zinsverbot besonders restriktiv handhabte. Natürlich spielte die christliche Tradition eine Rolle. Im Zweiten Buch Mose heisst es zum Beispiel: «Falls du meinem Volk, dem Elenden bei dir, Geld leihst, dann sei gegen ihn nicht wie ein Gläubiger; ihr sollt ihm keinen Zins auferlegen.» Aber die Anwendung der Wuchergesetzgebung durch die Päpste war abhängig von der Höhe der Staatsdefizite. Wenn es für die Fürsten eng wurde, fiel die Überwachung des Kreditgeschäfts besonders scharf aus. Damit einher gingen die Enteignungswellen gegen jüdische Geldverleiher. Auch hier stand der Papst unterstützend zur Seite.

Man kann also die Geschichte seit Babylon drehen und wenden, wie man will. Zurück bleibt immer die ernüchternde Beobachtung: Wenn der Staat wegen steigender Staatsschulden in die Defensive gerät, entwickelt er grosse Fantasie beim Eintreiben der notwendigen Finanzmittel. Er erfindet immer neue Begründungen, nützt die Unklarheiten der Gesetzgebung aus und schreckt vor Tabubrüchen nicht zurück.

Draghi argumentiert wie die Päpste

Die Diskussion über die Abschaffung der 500-€-Banknote kann Währungshistoriker deshalb kaum überraschen. Die offizielle Begründung der EZB lautet, damit lasse sich Kriminalität wirksamer bekämpfen. Im Februar erklärte EZB-Präsident Draghi vor dem Europäischen Parlament: «Seien Sie versichert, dass wir entschlossen sind, diese hochwertigen Banknoten nicht zu einem Instrument für Kriminelle werden zu lassen.» Jeder Kriminalitätsexperte weiss, dass dies nur ein Tropfen auf den heissen Stein ist. Das eigentliche Ziel ist ein ganz anderes und ist jedem bekannt, der die Probleme der Eurozone kennt: Es geht darum, die Flucht ins Bargeld zu verteuern, damit die Negativzinsen besser wirken.

Der moralische Impetus hinter Draghis Worten erinnert an die Argumentation zu Zeiten des Zinsverbots. Die Päpste taten so, als ob sie die Untertanen vor dem Unheil schützen wollten, dabei hatten sie ganz irdische Interessen im Blick. Unterstützt wurden sie von einer Schar von Theologen, die Geistesakrobatik betrieben, um den finanzpolitischen Opportunismus der Kirche mit überzeitlichen Geboten in Eintracht zu bringen. Thomas von Aquin, einer der klügsten Denker seiner Zeit, tat sich in dieser Disziplin besonders hervor. Immerhin gestand er den Kaufleuten eine Entschädigung für das eingegangene Risiko zu, doch wenn es um die finanzpolitischen Ansprüche von Fürsten ging, verteidigte er das Zinsverbot bis ins Letzte.

So kommt, wer nicht nur die jüngste Vergangenheit, sondern auch die langfristige Entwicklung berücksichtigt, zum Schluss: Die Vergangenheit ist auch nicht mehr, was sie einmal war.

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