Meinungen

Von wegen Atomausstieg

Die weltweite Kernkraftkapazität steigt – heute und in Zukunft. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Peter Morf.

«Das Verbot des Baus neuer Kernkraftwerke wirkt faktisch wie ein Technologieverbot.»

Triumphierend halten die Gegner der Kernkraft und die Befürworter der Energiestrategie 2050 jeweils fest, die Kernenergie befinde sich weltweit auf dem Rückzug. Das würde im Wortsinn bedeuten, dass die Zahl der Kernkraftwerke stetig abnimmt und die Leistung des globalen Parks an Kernkraftwerken sinkt. Die neuesten, vom Nuklearforum publizierten Zahlen beweisen das Gegenteil.

Im vergangenen Jahr sind zehn Kernkraftwerke neu in Betrieb genommen worden, deren sieben sind umgekehrt stillgelegt worden. Die installierte Leistung ist 1,7% gestiegen, der Anteil der Kernkraft an der globalen Stromerzeugung blieb konstant auf rund 11%. Insgesamt waren Ende 2015 weltweit 442 Reaktoren in Betrieb (inklusive derjenigen Kraftwerke in Japan, die wieder in Betrieb gehen sollen). Zudem  befinden sich derzeit 66 Einheiten in Bau und rund 150 in Planung.

Das ist zunächst eine gute Nachricht für das globale Klima. An der Klimakonferenz in Paris wurde zum wiederholten Mal Alarm geschlagen, der Verbrauch von fossilen Brennstoffen bzw. der Ausstoss von CO2 müsse radikal reduziert werden. Da wird die Elektrizität aus Kernkraftwerken, die nahezu kohlenstofffrei produziert wird, zu einem Teil der Lösung des globalen Klimaproblems. Es ist denn auch kein Zufall, dass gerade die riesigen Umweltsünder Indien und China verstärkt auf die Kernenergie setzen. Allein in China sind derzeit 21 Kernreaktoren im Bau und 43 geplant.

In eigenartigem Kontrast dazu bewegen sich Deutschland und die Schweiz, die der Kernenergie abgeschworen haben. Als Konsequenz wurden und werden in Deutschland Kohlekraftwerke wieder hochgefahren, und die Schweiz nimmt entweder den Bau von Gaskraftwerken oder vermehrten Stromimport ins Visier.

Die Schweiz geht so weit, den Bau weiterer Kernkraftwerke zu verbieten – gerade mit Blick auf die Klimaproblematik ein widersinniger Schritt. Und dieses Verbot wirkt faktisch wie ein Technologieverbot. Daran ändern auch die steten Beteuerungen von Energieministerin Doris Leuthard nichts, die Schweiz wolle keine Technologie- oder Denkverbote. Mit der Energiestrategie werden genau solche installiert, auch wenn sie nicht explizit im Gesetz erwähnt sind.

Das ist umso absurder, als vielversprechende neue Technologien schon recht weit entwickelt sind. Das gilt etwa für den sogenannten Salzschmelzereaktor. Er hat zwei entscheidende Vorteile: Er kann in herkömmlichen Kraftwerken abgebrannte Brennstäbe weiter nutzen, seine Ausbeute an Energie ist ungleich besser. Zudem arbeitet er nicht mit Überdruck, entsprechende Probleme entfallen.

Mit der Energiestrategie 2050 ist die Schweiz auf dem besten Weg, sich von derartigen Entwicklungen abzukoppeln. Global läuft der Trend in die entgegengesetzte Richtung. Es wird ohne ideologische Scheuklappen an Technologien geforscht, die enormes Potenzial bergen. Dass es auch da Rückschläge geben wird, ist normal. Aber das ist kein Grund, sich selbst ohne Not von diesen Entwicklungen auszuschliessen.