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Von wegen Sonderfall Schweiz

Mathias Binswanger

Sperrstunde und Auflagen, aber kein Lockdown: Lina’s Bar in Winterthur bleibt während der zweiten Corona-Welle offen.
Foto: Alexandra Wey (Keystone)

Im Moment stecken wir bekanntlich in der zweiten Welle der Covid-19-Pandemie. Begleitet wird diese durch eine Empörungswelle mit Vorwürfen an die Politik. Dem Bundesrat und den Kantonen wird Versagen, Unterlassung, Mangel an Strategie sowie Opferung von menschlichen Leben zugunsten wirtschaftlicher Interessen vorgeworfen. Der Blick schreibt von einem hohen Preis des Schweizer Weges. Und die NZZ spricht vom «Sonderfall» Schweiz, der selbst im Ausland für Aufsehen sorge.

Doch ist die Schweiz wirklich ein Sonderfall? Hat die Schweiz im Unterschied zu ihren Nachbarn Menschenopfer auf dem Altar der Wirtschaft gebracht? Betrachten wir die Entwicklung der Todesfälle pro 100‘000 Bewohner, so sehen wir, dass davon keine Rede sein kann. Die Todesfälle sind etwa gleich hoch wie in Frankreich, Italien oder Österreich.

Überall haben die Todesfälle seit Oktober exponentiell zugenommen und liegen heute etwa auf demselben Niveau. Der eigentliche Sonderfall ist Deutschland, wo – wie schon in der ersten Welle – eine wesentlich geringere Anzahl von Todesfällen zu beobachten ist. Würden wir allerdings hierzulande nur die Deutschschweizer Kantone zählen, dann wäre der Verlauf in diesem Teil der Schweiz gar nicht so verschieden von Deutschland.

Eher gerechtfertigt ist es, von einem Sonderfall Schweiz zu sprechen, wenn wir die wirtschaftlichen Auswirkungen betrachten. Da in den meisten Kantonen ein zweiter Lockdown vermieden wurde, ist die Krise weniger gravierend als in den Nachbarländern.

Neue Daten zur wöchentlichen Wirtschaftsaktivität des SECO zeigen, dass die Wirtschaftsaktivität seit August ziemlich konstant 2% tiefer liegt als im Vorjahr. Ein Wert, der sich auch in der ersten Novemberwoche nicht verändert hat. Anders ist das in Österreich. Dort ist die Wirtschaftsaktivität seit Beginn des Teil-Lockdowns wieder auf rund 7% unter den Wert in der gleichen Woche 2019 gefallen.

Andere Massnahmen, andere wirtschaftliche Auswirkungen

Die negativen wirtschaftlichen Auswirkungen von Lockdowns lassen sich auch innerhalb der Schweiz beobachten. Wie die NZZ schreibt, lassen sich in der Schweiz drei Modelle unterscheiden. Der Kanton Genf hat seit Anfang November einen «harten» Lockdown verfügt, wo der Einzelhandel bis auf die Grundversorgung wieder geschlossen wurde und wo auch Restaurants, Bars sowie Kultur- und Sportstätten den Betrieb einstellen mussten. Ein «mittleres» Modell lässt sich in anderen Westschweizer Kantonen wie der Waadt beobachten, wo der Einzelhandel grundsätzlich offen bleibt, aber Restaurants sowie Kinos, Theater, Museen und Fitnesscenter geschlossen sind. Der Rest der Schweiz begnügt sich abgesehen von ein paar Ausnahmen mit milderen Massnahmen und lässt die Gastronomie mit strengeren Auflagen und Sperrstunden weiterlaufen. Und Events mit bis zu 50 Menschen können immer noch stattfinden.

Bei der momentanen Empörungswelle über die Schweizer Corona-Politik bewegt man sich empirisch auf dünnem Eis.

Entsprechend unterschiedlich sind auch die wirtschaftlichen Auswirkungen. Dies lässt sich anhand von ebenfalls neuen Daten des Projektes «Monitoring Consumption Switzerland» erkennen. Betrachten wir die drei ersten Novemberwochen, dann sehen wir, dass die Veränderung von Zahlungen mittels Debitkarten gegenüber dem Vorjahr höchst unterschiedlich aussehen. Im Kanton Genf haben diese um 25% abgenommen, während sie in den anderen Westschweizer Kantonen im einstelligen Bereich gewachsen sind. In der übrigen Schweiz mit Ausnahme von Zürich lässt sich überall ein Wachstum im zweistelligen Bereich beobachten, das im Kanton Appenzell Inneroden sogar 43% beträgt.

Dazu muss man aber wissen, dass im Jahr 2020 im Vergleich zum Jahr 2019 wesentlich mehr mit Bankkarten als mit Bargeld bezahlt wird. Es wird davon ausgegangen, dass diese Corona-bedingte Veränderung der Zahlungsgewohnheiten bis zu 20% der Zunahme erklärt. Unter dieser Annahme wären die wirtschaftlichen Aktivitäten in Genf heute um rund 40% unter dem Vorjahresniveau und in den anderen Westschweizer Kantonen um die 10%. Im Rest der Schweiz (Zürich bleibt die Ausnahme) wäre das Niveau hingegen fast gleich hoch oder höher als im Vorjahr.

Wir können somit folgendes Fazit ziehen: Die momentane Empörungswelle über die Schweizer Corona-Politik mag zwar moralisch oder virologisch befriedigen. Aber empirisch bewegt man sich auf dünnem Eis. Die hier präsentierten Zahlen deuten darauf hin, dass die Zahl der Todesfälle pro 100‘000 Einwohner in der Schweiz sich etwa auf demselben Niveau wie in Frankreich, Italien und Österreich bewegt. Aber der wirtschaftlich Schaden ist deutlich geringer.