Meinungen

Von Zahlen und Werten

Wegen der Digitalisierung besteht die Gefahr, dass sich die BIP-Zahlen zusehends von der Realität entkoppeln. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Sandro Rosa.

«Es ist nicht Sinn und Zweck des BIP, die Wohlfahrt zu messen.»

«Das Bruttosozialprodukt misst alles ausser dem, was das Leben lebenswert macht», proklamierte Robert F. Kennedy in seiner Rede an der University of Kansas im Jahr 1968. Diese Aussage ist zwar überspitzt, aber nicht ganz falsch. Zigarettenwerbung, Aufräumarbeiten nach einer Ölkatastrophe oder Waffenexporte – sie alle steigern das Bruttoinlandprodukt, ohne die Wohlfahrt der Bevölkerung zu erhöhen. Den Wert der Freizeit, die Qualität der Schulen oder den privaten Gemüseanbau berücksichtigt das BIP nicht.

Es ist aber auch nicht Sinn und Zweck des BIP, die Wohlfahrt zu messen. Das Konzept misst die in einem Land während eines Jahres erzielte Wertschöpfung. Wer sich für die Lebensqualität interessiert, kann alternative Indikatoren wie den Human Development Index konsultieren.

Problematisch wird es, wenn eine Kennzahl nicht das abbildet, was sie zu messen vorgibt. Wegen der Digitalisierung und neuer Ansätze wie der Sharing Economy besteht die Gefahr, dass sich die BIP-Zahlen zusehends von der Realität entkoppeln und kein korrektes Bild mehr von der wirtschaftlichen Entwicklung liefern. Der Ökonomieprofessor Thomas Straubhaar kommt zum ernüchternden Schluss: «Das BIP und seine Messverfahren sind von geringerer Aussagekraft denn je.»

Davon sind auch andere Wirtschaftsdaten betroffen: Ob Inflation, Arbeitslosenrate oder der Libor-Zins, der nach dem Manipulationsskandal nun immerhin abgelöst wird – bei all diesen Zahlen gibt es berechtigte Zweifel, ob sie ihren Zweck noch vollumfänglich erfüllen. Damit aber verfügen Wirtschaftsakteure nur noch über eine ungenügende Datengrundlage, was die Gefahr von Fehlentscheiden erhöht.