Meinungen

Vor einem Boom – ausser in Europa

Das globale Wachstum wird 2013 Schwung aufnehmen. Nicht jedoch in Europa. Die Schweizer Wirtschaft muss sich vermehrt auf Märkte in Asien und Amerika ausrichten. Ein Kommentar von Thomas Straubhaar.

Thomas Straubhaar
«In keiner anderen Weltregion werden so wenige Kinder geboren wie in Europa.»

Europa beschäftigt sich mit der Vergangenheit, die übrige Welt mit der Zukunft. So etwa lassen sich die Erwartungen der Weltwirtschaft an die nächsten Monate zusammenfassen. Europa korrigiert langsam und mühsam die Geburtsfehler des Euros – nämlich, dass vor zwanzig Jahren eine Währungsunion ohne Fiskalunion vereinbart wurde, was die Schulden des einen Mitgliedlands zum Problem aller anderen hat werden lassen. Noch ist keineswegs sicher, ob und wann die Reparaturarbeiten gelingen. Entsprechend den Sorgen um den Euro dominiert in Europa Pessimismus. Wer sich davon anstecken lässt, wird jedoch die Rückkehr des Booms verpassen. Denn die übrige Welt hat die Rezession überwunden. Sie wird im kommenden Jahr ökonomisch Schwung aufnehmen. Mit einer amerikanischen Wachstumslokomotive an der Spitze und Lateinamerika im Schlepptau.

Wie sehr Europa rückwärts und die übrige Welt vorwärts orientiert ist, lässt sich an der Geburtenentwicklung ablesen. In keiner anderen Weltregion werden so wenige Kinder geboren wie in Europa. Während in der EU die Zahl der Geburten auf weniger als 160 pro 100 Frauen gesunken ist, liegt sie in Nordamerika bei 206, in Lateinamerika sogar bei 220. Demografisch schrumpft und altert Europa, die USA wachsen und bleiben jung. Wichtiger noch: Die Geburtenentwicklung sagt mehr aus über eine Gesellschaft als alle ökonomischen Indikatoren. Offenbar dominiert in Europa eine Zukunftsangst, die junge Menschen abschreckt, Eltern zu werden.

Ganz anders in den USA, mit einer Geburtenhäufigkeit von 210 – einem der höchsten Werte für ein Industrieland und nur wenig unter dem Spitzenreiter Island mit einem Wert von 220. Allein schon die ausserhalb Europas noch lange steigenden Bevölkerungszahlen werden der Weltwirtschaft nachhaltigen Schub geben.

In den USA hat Barack Obama noch in der Wahlnacht dem Land versprochen, dass die besten Zeiten erst kommen werden. Das klingt zwar vollmundig – gerade auch in Erinnerung an die gescheiterte «Yes, we can»-Strategie der ersten Legislatur, die im Endeffekt zu vielen sozialen Enttäuschungen und nur wenigen strukturellen Verbesserungen geführt hat. Aber in der Tat zeichnet sich ab, dass die ökonomische Krise Republikaner und Demokraten zusammenrücken lässt. Das fiskalische Kliff soll in letzter Minute umschifft werden. Präsident und Kongress wollen die grossen Herausforderungen gemeinsam angehen. Auch wenn das Bruttoinlandprodukt real vorerst nur wenig mehr als 2% wachsen dürfte, wird in der zweiten Jahreshälfte das Tempo schneller werden.

USA werden energieautark

Getrieben wird der dynamische Aufschwung von einem Energieboom. Noch in der laufenden Dekade dürften die USA bei Öl und Gas unabhängiger Selbstversorger und im nächsten Jahrzehnt sogar zu einem Energieexporteur werden. Anders als in Europa, wo Energie über längere Zeit sehr viel teurer werden dürfte, wird Energie in USA billiger. Das wird die relative Wettbewerbsfähigkeit amerikanischer Betriebe gegenüber europäischen Konkurrenten verbessern und mit zu einer Reindustrialisierung Amerikas beitragen. Das muss für schweizerische Firmen keine schlechte Nachricht sein. Für intelligente Prozesslösungen (die in den USA oft noch eher arbeits- und weniger kapitalintensiv ausgerichtet sind), moderne Investitionsgüter oder Anlagen wird sich die amerikanische Nachfrage verstärken.

China hat mit Xi Jinping einen neuen KP-Chef und mit Li Keqiang einen neuen Ministerpräsidenten. Die neue Führung wird die dramatischen Transformationsprobleme anpacken müssen, vor denen das Land steht. Es gilt, neben der Exportwirtschaft die Binnennachfrage als zweites Standbein des ökonomischen Aufholprozesses zu stärken. Das dürfte – auf hohem Niveau von rund 8% – das Wachstum etwas verlangsamen. Doch auch hier gilt, dass als schweizerischer Hersteller im Rennen bleibt, wer kluge Systeme, innovative Produkte oder High-Tech-Güter anzubieten hat.

Nimmt man die günstige Entwicklung Osteuropas, Russlands, der Türkei und Lateinamerikas mit Brasilien als Zugpferd dazu, zeigt sich, dass die Weltwirtschaft die konjunkturelle Talsohle hinter sich lassen und im kommenden Jahr mit zunehmender Geschwindigkeit Fahrt gewinnen wird. Deshalb ist 2013 die Lage für die exportorientierte Schweizer Wirtschaft deutlich besser als die düstere Stimmung, die von den rezessiven Tendenzen in Europa geprägt wird.

Auch drei Jahre nach Ausbruch der Eurokrise lähmt der Kampf um die gemeinsame Währung alle Anstrengungen, die europäischen Volkswirtschaften auf einen nachhaltigen Wachstumskurs zu bringen. Konjunkturelle und strukturelle Schwächen überlagern sich. Ausserhalb Deutschlands hat der Euroraum bestenfalls den Anfang einer langen Stagnationsperiode hinter sich gebracht. Griechenland taumelt unverändert am Abgrund, Portugal, Spanien und Italien stehen alles andere als auf sicherem Grund. Und Frankreich erweist sich immer mehr als tickende Zeitbombe, deren Explosion Europa im Mark treffen und den Euro wohl zerbrechen würde. In jedem dieser Länder wird 2013 die Arbeitslosenrate weiter steigen – in Griechenland und Spanien auf über 25%, in Portugal auf 16%, in Italien und Frankreich auf rund 11%.

Eine Besserung der misslichen Beschäftigungslage ist nicht wirklich in Sicht. Im Gegenteil: Unverzichtbare strukturelle Reformen werden in Südeuropa und Frankreich noch über Jahre nicht konkurrenzfähige Betriebe zum Aufgeben zwingen. Nur über Lohnzurückhaltung und Rationalisierung lassen sich die Arbeitsproduktivität verbessern und die Lohnstückkosten verringern – in einem fixen Wechselkursregime wie der Euro-Währungsunion gibt es keinen dritten Weg, um wieder wettbewerbsfähig zu werden. Entsprechend werden in Frankreich und Südeuropa die Arbeitslosenzahlen noch lange hoch, die Reallohnentwicklung rückläufig und insgesamt die Stimmung schlecht bleiben.

Euroland in der Zerreissprobe

Steigende Arbeitslosenquoten und sinkender Lebensstandard sind der Nährboden, auf dem Frustration, Zorn, Fatalismus und Resignation gedeihen, die rasch zu sozialen Spannungen, Protest, Gewalt und Widerstand gegen die Obrigkeit führen können, was alte Probleme nicht löst, sondern neue schafft. Pessimismus, Zerfallserscheinungen, alte Verletzungen und neue Nationalismen treiben einen Keil zwischen die Euroländer und drohen den Kontinent in Teile zu spalten. Nation, Religion und Ethnizität mobilisieren die Bevölkerungen. Die europäischen Defizite und nicht die Benefize, nicht was Europa ist oder noch werden soll, sondern was es nicht ist, dominiert die Diskussion. Daraus wird ersichtlich, wie tief die europäische Krise ist, wie wenig bis anhin zur Verbesserung geschafft wurde, wie viel zu tun bleibt und wie lange die Rückwärtsorientierung anhalten wird.

Für die Schweizer Wirtschaft wird es zentral sein, sich von der europäischen Entwicklung abzukoppeln. Der 2013 zurückkehrende Boom wird aus den aufstrebenden Volkswirtschaften Asiens, Amerikas und des Nahen Ostens kommen, nicht aber aus Europa. Für die Erfolge der schweizerischen Exportindustrie sind nicht mehr vor allem die Nachbarländer verantwortlich. Sie bleiben natürlich weiterhin wichtig, doch nur für das Niveau, nicht für die Dynamik. Die wird von Ländern verursacht, die der Schweiz in jeder Beziehung immer weiter entfernt sind: geografisch, sprachlich, kulturell und gesellschaftlich.

Somit hat, wer Erfolg haben will, keine Wahl: Er muss mit immer mehr Gliedern seiner Wertschöpfungskette die Schweiz verlassen. «Geh weg oder stirb» ist oft die Wahl, vor der schweizerische Unternehmen stehen. Das gilt nicht nur für den Umsatz, sondern zunehmend für Teile des Herstellungsprozesses von Investitionsgütern oder für industrielle Dienstleistungen. Wer 2013 den Sprung in ferne Welten wagt, wird vom Boom profitieren können und gute Chancen auf ein erfolgreiches Jahr haben.

Leser-Kommentare

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Holger Hoffmeyer 22.12.2012 - 18:22
sehr geehrter herr straubhaar. sie haben sicherlich recht damit, dass hinsichtlich der geburtenentwicklung die usa vorteile gegenueber europa haben. gleichfalls auf dem energiesektor durch den ausbau der schiefer gas und auch oel gewinnung. auch auf diesem gebiet hinkt europa hinterher. gegenueber dem grossen, sich entwickelnden land china haben die usa auch bei der entwicklung des alters der bevoelkerung ihre vorteile,… Weiterlesen »