Märkte / Makro

Vorbild China für die SNB

Thomas Stucki, Chefstratege von Hyposwiss Privatbank und früher in den Diensten der Nationalbank, hält mittelfristig eine gesteuerte Aufwertung des Frankens nach chinesischem Muster für wahrscheinlich.

So viel wie die Wechselkursgrenze des Frankens zum Euro der Schweizer Wirtschaft geholfen hat und noch immer hilft, so wenig lässt sich die Währungsanbindung auf unabsehbare Zeit aufrechterhalten. Die Schweizerische Notenbank (SNB (SNBN 5'100.00 +0.39%)) hat den Kampf gegen die Währungsspekulation gewonnen. Hedge Funds sind nicht mehr am Markt mit dem Versuch, den Franken-Euro-Peg zu sprengen und damit ein Vermögen zu verdienen, wie Thomas Stucki, CIO der Hyposwiss Privatbank, an einem Mediengespräch zum Finanzmarktausblick 2013 erklärt. Die Währungssituation hat sich beruhigt. Doch Fakt ist ebenso, dass aufgrund der massiven Eurokäufe der Notenbank die Währungsreserven ungewohnt deutlich gestiegen sind, auf rund 72% des schweizerischen Bruttosozialprodukts, mehr als in China.

Die Schweiz ist das Land mit den fünftgrössten Devisenreserven der Welt, knapp hinter Russland, und wird dieses in absehbarer Zeit überholen. Die Nationalbank ist damit einer der grössten Vermögensverwalter weltweit. Das könnte einen mit Stolz erfüllen, wenn es für die Devisenreserven von fast 500 Mrd. $ eine absolut sichere Anlage gäbe, aber der aktuelle Anlagenotstand betrifft gerade solch hohe Beträge. Davon abgesehen ist die Vermögensverwaltung nicht die prioritäre Pflicht einer Notenbank. Und, hält Thomas Stucki fest: Eine lang andauernde Anbindung des Frankens an den Euro würde der Schweiz unerwünschte Inflations- und damit Zinsrisiken bescheren, was nicht im Interesse der Volkswirtschaft und damit auch der Notenbank sei.

Ausstieg bis spätestens 2015

Wie aber kommt man von der Euroanbindung los, ohne damit neue Turbulenzen zu verursachen? Und wann könnte dieser Zeitpunkt sein? Stucki hält ein Datum 2014 oder spätestens 2015 für realistisch. Die Gedanken zum Ausstieg packt er deshalb schon in den Ausblick fürs nächste Jahr ein, weil das Thema seiner Meinung nach, und damit steht er nicht allein, auch in naher Zukunft immer wieder diskutiert werden wird.

Vier Szenarien sieht der Hyposwiss-Anlagechef: Die Lage im Euroraum entspannt sich, der Euro steigt zum Franken, und die Untergrenze kann aufgelöst werden. Einen solchen Verlauf hält er auf absehbare Zeit für unwahrscheinlich. Ebenso unwahrscheinlich ist für ihn das zweite Szenario, die Unruhe in der Eurozone bleibt, der Euro bewegt sich nahe der Untergrenze, und die Nationalbank belässt den Franken gleichwohl dem Markt.

Die Idee des «Crawling Peg»

Realistischer ist, dass die SNB eine neue Untergrenze etwa bei 1.15 oder 1.10 festlegt – in den Augen von Stucki möglich, aber weniger wahrscheinlich als das vierte Szenario, auf das er sich festlegen würde: Die Nationalbank geht zu einer gesteuerten Aufwertung des Frankens gegenüber einem Währungskorb (Crawling Peg) über – ähnlich dem Muster von China. Die Volksrepublik lässt ihre Valuta sich gegenüber einem Währungsbasket schrittweise aufwerten, im Bereich von wenigen Prozenten pro Jahr. Das würde es der (Export-)Wirtschaft ermöglichen, sich sukzessive und nachhaltig der neuen Währungssituation anzupassen.

Insgesamt erwartet Hyposwiss 2013 kein spektakuläres Jahr. Dank den Anleihenstützungskäufen der Europäischen Zentralbank Ruhe und höchstens minimale Inflationsgefahren, mehr oder minder Ruhe an der Zins- und der Währungsfront, ein fortgesetztes «Durchwursteln» in der Eurozone, eine wirtschaftliche Besserung in den USA . Die Fiscal Cliff wird in den Augen von Stucki vermieden, weil keine der involvierten Parteien einen Sturz Amerikas in die Rezession risikeren will.

Die Aktienmärkte würden starke Kursausschläge aufweisen, per saldo 2013 aber leicht höher schliessen, «ich würde sagen 5%», prophezeit Stucki. Das Schwergewicht im Aktienportfolio würde er auf zyklische Titel legen und den US-Markt, obschon höher bewertet als Europa, bevorzugen. Neutral ist das Urteil für Gold. Die tiefen Zinsen würden dafür sorgen, «dass der Goldpreis stabil bleibt».