Meinungen

Vorsicht, Lemminge

Die Hochstimmung an den Finanzmärkten führt wieder einmal zu Herdenverhalten. Ein Kommentar von FuW-Redaktorin Sylvia Walter.

«Die Investoren sind offensichtlich fest entschlossen, eine Jahresendrally zu erleben.»

Die Stimmung an den Finanzmärkten hat eine deutliche Kehrtwende vollzogen. Von heute auf morgen scheinen sich die Rezessionssorgen verflüchtigt zu haben. Die Bullen dominieren erneut das Börsenparkett (lesen Sie hier mehr). Erstaunlicherweise reicht dafür oft ein einziger Datenpunkt aus der Realwirtschaft oder eine Aufhellung der Unternehmerstimmung von tiefem Niveau. Die Zinsstrukturkurve, die über die Sommermonate intensiv diskutiert wurde, ist als Thema ebenfalls von der Bildfläche verschwunden. In den USA liegen die Langfristzinsen heutzutage wieder leicht über den kurzfristigen Sätzen, wie es sich gehört. Die Phase der Inversion ist vorerst vorbei. Zwanzig Basispunkte liegen zwischen Wohl und Wehe.

Das Aufhebens um die Krümmung der Renditekurve ist schwer nachzuvollziehen, da die Zentralbanken seit der Finanzkrise massgeblich auf die Zinsen Einfluss nehmen. Diese wurden dadurch als legitimer Indikator ausgehebelt.

Und dann schafft es die deutsche Wirtschaft auch noch, mit einem Quartalswachstum von 0,08% aufzutrumpfen. Statt der erwarteten leicht negativen Zahl, die eine technische Rezession bedeutet hätte. Die Erleichterung ist gross. Die schlimmsten Konsequenzen des Handelskriegs scheinen schon überstanden. Die deutsche Autoindustrie lebt wieder auf. Die Investoren sind offensichtlich fest entschlossen, eine Jahresendrally zu erleben. Risiken werden ausgeblendet. Doch der Dezember 2018 hat eigentlich gelehrt, dass die Performance am Jahresende auch vernichtet werden kann. Aber offensichtlich fehlen auch Alternativen im Anlageuniversum.