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Vorsicht vor der Kristallkugel

Die Prognostiker sollten ihre Modelle von heute erweitern und vernünftige, auf klar formulierten Voraussetzungen basierende Szenarien erarbeiten. Ein Kommentar von Charles Wyplosz.

Charles Wyplosz
«Mit Unsicherheit umzugehen, ist letztlich eine Kernaufgabe der Finanzmärkte, und sie sind dafür gerüstet.»

Kaum eine Woche bevor Kabul in die Hände der Taliban fiel, waren die Geheimdienste noch davon ausgegangen, dass es ein Jahr oder länger dauern würde, bis dies geschieht. Als die Covid-Krise ausbrach, waren sich die Prognostiker unsicher, ob die Inflation steigen oder sinken würde. Sie sank, ein wenig. Nun steigt sie, aber sie sind sich sicher, dass das innerhalb von sechs Monaten abklingen wird. Wenn die Politik sich auf solche Prognosen verlässt, haben wir ein ernstes Problem.

Ich glaube nicht, dass die Analytiker bei den Geheimdiensten solch ausgeklügelte Modelle nutzen, wie Ökonomen sie für ihre Vorhersagen routinemässig beiziehen. Eines haben sie aber gemeinsam: Sie analysieren die heute verfügbaren Informationen, um einen Blick in die Zukunft zu erhalten. Weil die verfügbaren Informationen lückenhaft und unsicher sind, ist auch jegliche Schlussfolgerung daraus unsicher. Zudem beruht die Analyse auf den Kenntnissen derjenigen, die sie durchführen, über ihr Fachgebiet, was alles andere als präzise ist. Das vergrössert die Unsicherheit noch einmal. Gemäss Wahrscheinlichkeitstheorie sollte eine Vorhersage keine Punktprognose sein – wann werden die Taliban Kabul einnehmen, wie hoch ist die Inflation in einem Jahr –, sondern eine Bandbreite von Szenarien darstellen. Manchmal lassen sich ihnen Wahrscheinlichkeiten zuordnen, manchmal nicht.

Bei der Bestimmung der Wahrscheinlichkeit eines künftigen Resultats stützt man sich in der Regel auf relevante Informationen aus der Vergangenheit. Nun ist es aber so, dass die Taliban Kabul in der Vergangenheit bloss ein einziges Mal erobert hatten, und erst noch unter völlig anderen Umständen als heute: Die damalige afghanische Armee war nicht von den USA ausgebildet worden und wurde auch nicht von ihnen unterstützt. Was Inflation angeht, haben wir zwar vielfältige Erfahrungen mit früheren Pandemien, allerdings war das Währungssystem damals ein komplett anderes, und eine Fiskalpolitik existierte de facto nicht. Den Teuerungsprognosen Wahrscheinlichkeiten zuzuordnen, ist deshalb unmöglich. Unter diesen Umständen ist jede Prognose so gut wie jede andere – und alle sind nicht mehr als Spekulation, ob nun Wunschdenken, Angstmacherei oder schlicht ein Schuss ins Blaue.

Herdenverhalten führt zu Konsens

Man sollte meinen, dieser Grad an Unsicherheit würde zu einem breiten Spektrum sich widersprechender Vorhersagen führen. Zu beobachten ist hingegen ein erstaunliches Mass an Konsens. Militärische und politische Nachrichtendienste werden von den politischen Entscheidungsträgern gar meist zur Konsensfindung angehalten. Der eine oder andere Punkt mag sich noch ändern, doch letztlich werden die Entscheidungen auf der Basis der Konsensmeinung getroffen – einer Konsensmeinung, deren Wahrscheinlichkeit, richtig zu sein, gegen null geht. Auch in der Wirtschaft wünschen öffentliche und private Kunden einen Konsensbefund, und die Prognostiker fügen sich. Dieses Herdenverhalten ist plausibel. Ein Prognostiker, der der gleichen Meinung ist wie alle anderen, wird genauso falschliegen wie alle anderen, sticht also nicht negativ hervor.

Wer sich getraut, eine andere Ansicht zu vertreten, hat ebenso eine verschwindend kleine Chance, recht zu haben, bzw. eine fast 100%ige Wahrscheinlichkeit, falschzuliegen. Damit steht er aber als «schlechter» Prognostiker im Fokus, während diejenigen, die sich der Konsensmeinung anschliessen, individuell nicht negativ auffallen. Der Konsens bietet für alle einen Selbstschutz – allerdings zum Preis, dass er die Fehlbarkeit der gesamten Zunft blosslegt. Es fragt sich, warum die Branche dennoch gedeiht. Die Antwort ist simpel: Auch die Kunden wollen den Konsens, um selbst ebenfalls auf der sicheren Seite zu sein. Niemand kann US-Präsident Joe Biden einen Vorwurf daraus machen, dass er mit irrigen Prognosen versorgt wurde, und ebenso wenig können Sie Ihrem Portfoliomanager oder einer Notenbank eine Entscheidung vorhalten, die sich «überraschend» als fehlgeleitet erweist.

Diese Beobachtungen sind weder neu noch originell, aber sie muten nihilistisch an. Die Vorstellung, dass es wichtige Dinge gibt, die sich nicht vorhersagen lassen, widerstrebt uns: Der Mensch hat das Bedürfnis, zu wissen, und so ist ihm selbst eine möglicherweise falsche Antwort lieber als gar keine. Ein Experte sagt nur ungern «Ich weiss es nicht» – aus Furcht, das werde als Zeichen gewertet, er sei kein Experte. Das reicht weit über den Bereich ökonomischer und politischer Prognosen hinaus. Der Patient fordert vom Arzt Antworten, die Bürger wollen von Politikern wissen, wann die Massnahmen zur Pandemiebekämpfung aufgehoben werden.

Manche Prognosen sind nicht genehm

Paradoxerweise gestalten sich langfristige Prognosen manchmal einfacher als solche auf kurze Sicht. So ist es zum Beispiel wahrscheinlich, dass die Inflation in zehn Jahren nahe am Ziel der Notenbanken von 2% liegt. Dann werden wir die Pandemie und die von akuter Unsicherheit geprägte Phase im Nachgang der Pandemie hoffentlich hinter uns gelassen haben, es werden also wieder gewohnte Rahmenbedingungen herrschen, sodass die Notenbanken wieder effektiv agieren können. Ebenso haben die Klimaforscher vor rund vierzig Jahren den Klimawandel mit beachtlicher Genauigkeit vorhergesagt.

Bloss sind solche Prognosen nicht das, was wir wollen: Die meisten Anleger und Portfoliomanager wollen wissen, wie sich die Teuerung in den kommenden zwölf Monaten entwickeln wird. Die Politiker – die den Finanzmärkten nur zu gern vorwerfen, sie seien kurzfristig orientiert – wollten in den Siebzigerjahren nichts über den Klimawandel hören, allein schon deshalb, weil ihre Wähler nicht bereit waren, wegen etwas so weit Entferntem Opfer zu bringen, obwohl nur schon moderate Massnahmen damals die Lage heute deutlich verbessert hätten.

Aber wir sind nicht zum Nihilismus verdammt. In den nächsten paar Jahren sollten die Prognostiker alles daransetzen, ihre praktisch wertlosen Modelle von heute zu erweitern. Es gilt, vernünftige, auf klar formulierten Voraussetzungen basierende Szenarien zu erarbeiten, statt sich auf ihre «Black Boxes» zu verlassen, die unzählige nicht fundierte Annahmen implizieren. Wer diese «weichen» Prognosen – Szenarien – nutzt, sollte sich im Klaren sein, dass die darauf fussenden Entscheidungen vorläufig sind, und bereit sein, sie anzupassen, wenn neue Informationen auftauchen. So sollten etwa die Notenbanken aufhören, ihre (an sich durchaus nützliche) Forward Guidance als verpflichtenden Plan zu betrachten.

Wir wissen wenig über die Zukunft

Besser wäre es, sie würden die verschiedenen Szenarien darlegen und erläutern, wie sie darauf zu reagieren gedenken. In den letzten Jahren haben es sich die Notenbanker zur Gewohnheit gemacht, detailliert über ihre Absichten zu informieren und so die Unsicherheit zu vermindern, um den Finanzmarkt bei der Preisfindung zu unterstützen. Das war förderlich für die Finanzmarktstabilität. Doch in der gegenwärtigen Lage dürfen Zentralbanken keine präzisen Absichten verfolgen, was bedeutet, dass sie die Unsicherheit nicht verringern können. Mit mehr Ungewissheit konfrontiert zu sein, wird den Märkten nicht gefallen, aber sie müssen sich damit abfinden, dass das die Realität ist.

Auch Regierungen sollten davon absehen, fiskalpolitische Schritte anzukündigen, die sie auf eine politische Position verpflichten, die sie später vielleicht bereuen müssen. Haushaltsdefizite so bald wie möglich abzubauen, mag unter gewissen Umständen angemessen sein, sich unter anderen – ebenso plausiblen – Umständen aber als verfrüht herausstellen. Auch hier werden die Märkte die Ungewissheit nicht goutieren, was zu höheren Risikoprämien führen kann. Doch so bedauerlich das sein mag, es ist bloss eine Folge der Tatsache, dass wir heute nun mal viel weniger über die Zukunft wissen als üblich.

Mit Unsicherheit umzugehen, ist letztlich eine Kernaufgabe der Finanzmärkte, und sie sind dafür gerüstet. Sollte das in einer gefährlichen Instabilität münden, haben die Notenbanken das Rüstzeug, um zu intervenieren. Sie wären besser beraten, zu erläutern, wie sie reagieren wollen, wenn ein solches Szenario eintritt, als zu versuchen, die – unausweichliche – Unsicherheit zu eliminieren.

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