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Vorteile wiegen Nachteile in den meisten Fällen nicht auf – Altlasten werden oftmals unterschätzt – Neugründung ist der bessere Weg

Martin Siegrist

Von René Rudischhauser
und Toni Junas

Wer eine Geschäftstätigkeit aufnehmen will, gründet in der Regel ein neues Unternehmen. Dabei fällt die Wahl der Rechtsform zumeist auf eine Aktiengesellschaft (AG) oder eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung (GmbH). Erstere bleibt in der Schweiz die meistverbreitete Form der Kapitalgesellschaft, auch wenn die Zahl der GmbH rasant steigt. Ende Dezember 1999 bestanden gemäss dem Eidgenössischen Handelsregister 171057 Aktiengesellschaften, aber nur 38579 GmbH.
Eine weitere Möglichkeit, Inhaber einer AG oder GmbH zu werden, besteht im Erwerb einer bestehenden Firma. Wer eine aktive Gesellschaft mit Substanz übernimmt, beabsichtigt üblicherweise, deren Geschäftstätigkeit fortzuführen. Vielfach werden aber inaktive Firmen gehandelt, die nur aus ihrer rechtlichen Hülle, dem so genannten Mantel, bestehen. Dabei wird zwischen Mänteln von vormals aktiven und heute stillgelegten Unternehmen unterschieden und solchen, die nach ihrer Gründung (noch) nicht aktiv geworden sind.

Nutzen für Veräusserer

Letztere haben keine geschäftliche Vergangenheit, weshalb ihr Kauf keine speziellen Risiken birgt. Da sie von den Gründern meist bewusst auf Vorrat produziert werden, haben sie den Vorteil, dass sich ein Käufer die Zeit für die Gründung spart. Dies ist jedoch ein schwaches Kaufargument. Denn eine reguläre Gründung ist in zwei bis drei Wochen, bei Bedarf auch innert Wochenfrist, realisierbar. Mehr Vorzüge bieten Aktienmäntel von einstmals aktiven Firmen, auch wenn sie geringer sind als oftmals angenommen.
Ein Mantelverkauf bringt dem Veräusserer wesentliche Vorteile: Die umfangreichen Liquidationsformalitäten des Obligationenrechts sowie die Liquidationskosten entfallen, und der Erlös ist rasch verfügbar. Zudem realisiert der Verkäufer oft einen einträglichen Mehrertrag durch die Bereitschaft des Käufers, für echte oder vermeintliche Vorteile, die ihm der Mantel bietet, einen «adäquaten» Preis zu bezahlen.
Demgegenüber bleibt des Verkäufers Hoffnung auf einen steuerfreien Kapitalgewinn Illusion, da der Mantelhandel gemäss dem Stempelsteuergesetz als Liquidation mit nachfolgender Neugründung gewertet wird. Der Altaktionär muss mit Einkommenssteuern für den das Grundkapital übersteigenden Verkaufserlös rechnen, und in der alten Firma fällt die Liquidationsgewinnsteuer für die stillen Reserven an. Zudem ist für den das Grundkapital übersteigenden und dem Altaktionär ausgeschütteten Verkaufserlös die Verrechnungssteuer von 35% an die Eidgenössische Steuerverwaltung abzuliefern, da es sich um eine Liquidationsdividende handelt.
Der Käufer eines Aktienmantels hofft, die Gründungskosten und -formalitäten zu sparen. Dies ist jedoch kaum relevant, da auch ein Mantelkauf mit Formalitäten und Kosten, z.B. für Treuhänder, Urkundspersonen und für Änderungen im Handelsregister, verbunden ist.
Ein Käufer kann hingegen die Einzahlung des Aktienkapitals umgehen, da gesetzlich keine Pflicht besteht, einen erworbenen kapitallosen Aktienmantel mit neuen Mitteln zu alimentieren. Dieser Vorteil ist insofern zu relativieren, als der Gesellschaft immer wieder Kosten erwachsen, die Barmittel erfordern (z. B. für Buchhaltung, Revision, Steuern oder Versicherungen). Fehlen sie, werden die Aktionäre Beiträge einschiessen müssen. Trotzdem bleibt der Nutzen, dass das Kapital schrittweise eingebracht werden kann.

Zeitgewinn wird überbewertet

Ein Interessent erhofft sich durch den Erwerb eines Aktienmantels zudem einen Zeitgewinn. Doch ein überlegter Käufer wird einige Zeit darauf verwenden, die Vergangenheit der Firma zu prüfen, deren Mantel er zu kaufen beabsichtigt. Da solche gewissenhaften Abklärungen nicht nur Geld, sondern auch Zeit brauchen, wird der durch einen Mantelkauf resultierende Zeitvorteil meistens überbewertet.
Gerne erweckt der Käufer nach aussen den Eindruck, sein so erworbenes Unternehmen habe Tradition und Kontinuität. Dieses Ansinnen kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass im Handelsregister(auszug) einiges auf einen Mantelhandel hinweist, wie beispielsweise die Änderung des Firmenzwecks, ein neues Domizil oder eine andere Revisionsstelle.
Oft wird vergessen, dass die Vergangenheit der Firma negative Folgen haben kann: Selbst Jahre nach dem Mantelhandel können Verpflichtungen der alten Firma auftauchen, wie beispielsweise offene Garantieverpflichtungen oder Steuernachforderungen wegen zeitverschobenen Abschlusses der Veranlagung, für die im Aussenverhältnis alleine die neue Firma haftet. Zwar bekunden die alten Eigentümer oftmals schriftlich, ihre Nachfolger gegenüber solchen Verpflichtungen schadlos zu halten. Probleme sind aber dann vorprogrammiert, wenn die Verkäufer dies gar nicht mehr wollen oder können oder wenn deren Belangung mit zu grossem Aufwand verbunden ist, da die früheren Besitzer inzwischen im Ausland wohnen.
Der Kauf eines Aktienmantels kann hingegen Sinn machen, um einen zugkräftigen Firmennamen zu übernehmen. Entscheidend ist, ob dieses Käufermotiv die vielfältigen Nachteile aufzuwiegen vermag und ob der für den Namen bezahlte Preis dem erwarteten Nutzen entspricht. Demgegenüber bringt es wenig, einen Aktienmantel zu erwerben, um die Emissionsabgabe zu umgehen. Denn auch Neugründungen bis 250000 Fr. Aktienkapital sind von der Emissionsabgabe befreit.
Ein Käufer erhofft sich oft Steuervorteile, indem er die Verluste der alten Firma mit den Gewinnen der neuen Gesellschaft verrechnen möchte. Ein Mantelhandel im Stempelsteuergesetz wird jedoch als «Liquidation mit nachfolgender Neugründung» gewertet, was eine Gegenwartsbemessung auslöst. Damit ist eine Verrechnung von Verlustvorträgen mit zukünftigen Gewinnen ausgeschlossen und wird von den Steuerbehörden nicht akzeptiert. Auch das Motiv, eine auf die Firma eingetragene Konzession zu erlangen, steht auf schwachen Füssen. Denn die Stilllegung der Aktivitäten der alten Gesellschaft hat mit grösster Wahrscheinlichkeit einen Entzug der Konzession zur Folge.
Ein Vorteil ergibt sich jedoch dadurch, dass die persönliche Gründerhaftung ausgeschlossen werden kann. So entfällt durch die Verwendung eines Aktienmantels die im Obligationenrecht den Gründern einer neuen Aktiengesellschaft auferlegte persönliche und solidarische Haftung. Aber auch mit Neugründungen kann diese Haftung ausgeschlossen werden, wenn Geschäfte in der Gründerzeit bis zur Eintragung ins Handelsregister mit der Bedingung verknüpft werden, dass sie nur gültig sind, sofern die Firma gegründet und ins Handelsregister eingetragen wird.
Der Erwerb eines Aktienmantels bringt dem Käufer mehrheitlich Nachteile und Risiken. Deshalb ist es kaum verständlich, wieso sich immer wieder Käufer finden, die – vielfach ohne genaue Kenntnis der Vor- und Nachteile – den Erwerb eines Aktienmantels einer Neugründung vorziehen. Auch steuerlich gesehen hat der Käufer keinerlei Vorteile, und andere Lockargumente sind unzutreffend. Es lauern vielmehr zusätzliche Gefahren. So kann der Handelsregisterführer, der von der Veräusserung eines Aktienmantels erfährt, die Löschung von Amtes wegen anordnen.

Alte Gesellschaft genau prüfen

Wer trotzdem für die Geschäftstätigkeit auf einen Mantel zurückgreift, darf auf einen gründlichen Check der alten Gesellschaft nicht verzichten und muss der früheren Verwaltung eine Schadloserklärung abverlangen. Das kann dennoch zu Ärger und Kosten führen, falls sich der Käufer vom Willen und der Fähigkeit des Garantiegebers, die Verpflichtungen für Forderungen von Dritten gegenüber der alten Firma zu erfüllen, nicht restlos überzeugt hat oder zu Unrecht überzeugen liess.
Der Käufer muss sich bewusst sein, dass die neue Firma noch Jahre nach dem Mantelhandel mit Forderungen belangt werden kann, die die alte Unternehmung betreffen. Er muss voll darauf vertrauen können, dass der Altaktionär den entsprechenden Verpflichtungen nachkommt. Der Entscheid für eine Neugründung dürfte in vielen Fällen der weisere sein.

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