Meinungen

Vorwärtsmachen

Das Gesundheitssystem muss rasch digitalisiert werden. Ein Kommentar von Arno Schmocker.

«Just das Teilen von digitalisierten Daten hat es ermöglicht, in Rekordzeit wirksame Covid-19-Impfstoffe zu entwickeln.»

Seltene Einmütigkeit im Parlament: Im Ständerat ist eine Motion des Obwaldner Mitte-Ständerats Erich Ettlin zur digitalen Transformation des Gesundheitswesens ohne Gegenstimme angenommen worden. Links wie rechts waren sich mit dem Motionär einig, der Bundesrat solle in dieser Frage «die Zügel in die Hände nehmen». Mithilfe einer Taskforce, die das Know-how von Wissenschaft, Versicherern, Leistungserbringern, Ärzten, Patientenorganisationen und Industrie einbezieht, soll er eine nationale Digitalstrategie entwickeln.

Die Schweiz ist keine Vorreiterin in Sachen Digitalisierung von Patientendaten und Arzneirezepten. Auch Ferndiagnosen durch Telemedizin werden kaum gestellt. Im «Digital-Health-Index 2018» der Bertelsmann-Stiftung landete sie unter 17 untersuchten OECD-Industrienationen auf dem viertletzten Platz. Bloss die beiden volkswirtschaftlichen Schwergewichte Deutschland und Frankreich sowie Polen waren ähnlich weit im Rückstand.

Inzwischen hat namentlich Deutschland aufgeholt, ab Anfang nächsten Jahres gilt dort das elektronische Rezept im ganzen Land. Die Schweiz hingegen, das hat sich während der Pandemie bestätigt, tritt an Ort. Fast jeder Kanton bastelt an einer eigenen Lösung herum. Im Grundsatz längst beschlossen, geht die Umsetzung des elektronischen Rezepts im Schneckentempo voran.

Föderalismus in Ehren, aber in der Digitalisierung des Gesundheitswesens verspricht Zentralisierung mehr Erfolg. Dänemark etwa hat es vorgemacht. Im skandinavischen Land hat das Gesundheitsministerium, teilweise in Zusammenarbeit mit privaten Anbietern, eine zentrale Datenplattform aufgebaut. Sie bietet Zugang zu elektronischen Krankheitsregistern und Patientenakten sowie die Möglichkeit zum Austausch von Daten. Eine Behörde wacht über den Zugang zum System, ein Gesetz regelt die Datennutzung. So schwierig kann es nicht sein.

Eine Digitalisierung des Gesundheitswesens böte nicht nur eine bessere Basis für politische Entscheide, sondern verspricht auch hohes Sparpotenzial. Fax und unleserlich von Hand geschriebene Medikamentenrezepte hätten ausgedient. Das Beratungsunternehmen McKinsey beziffert das Sparpotenzial in einer gemeinsamen Studie mit der ETH Zürich auf 8 Mrd. Fr. – nahezu zwölf Prozent der Gesamtkosten.

Daten spielen eine zentrale Rolle im medizinischen Fortschritt. Der Pharmaindustrie ermöglicht ein vernetztes Informationssystem das Auswerten von (selbstverständlich anonymisierten) Patienteninformationen. Medikamente können so auf der Basis von klinischen Studien und Erfahrungen aus der medizinischen Praxis entwickelt werden, effizienter und genauer auf den Patienten zugeschnitten.

Just das Teilen von digitalisierten Daten hat es ermöglicht, in Rekordzeit wirksame Covid-19-Impfstoffe zu entwickeln. Mit dem Fehlen einer vernetzten Infrastruktur im Gesundheitswesen vergibt die Schweiz Chancen. Gut, dass das Parlament der Landesregierung Beine macht.

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