Meinungen

Vorzüge der Berufslehre auf dem Prüfstand

Die Berufslehre nimmt einen wichtigen Platz im schweizerischen Bildungssystem ein und wird dies auch künftig tun, doch bei Lichte betrachtet hat sie ihre Schwächen. Ein Kommentar von George Sheldon.

George Sheldon
«Vielleicht sollte einmal über duale Hochschulen nachgedacht werden, die in Deutschland grossen Erfolg geniessen.»

In keinem Land mit einer Lehrberufstradition werden die Vorzüge der Berufslehre so hoch gepriesen wie in der Schweiz. Es ist natürlich unbestritten, dass eine Berufslehre aufgrund ihrer Praxisnähe den Übergang von Jugendlichen in den Arbeitsmarkt erleichtert. Aber hierzulande erwecken Aussagen von Verbänden und Bildungsverantwortlichen zuweilen den Eindruck, dass die Schweiz gar ihren Wohlstand der Berufslehre zu verdanken habe. In Deutschland oder Österreich ist Ähnliches nicht zu vernehmen, obwohl sich auch dort ein Grossteil der Jugendlichen für eine Berufslehre entscheidet. Wie ist das zu erklären? Übersehen manche die vielfältigen Vorzüge eines Lehrabschlusses – oder verschwindet vielmehr, bei Lichte betrachtet, manch vermeintlicher Vorteil?

Beginnen wir mit der Jugendarbeitslosigkeit, die ein Berufslehrsystem angeblich niedrig hält. Als Beleg dient oft die Beobachtung, dass die Jugendarbeitslosigkeit in Ländern mit einem ausgebauten Berufslehrsystem vergleichsweise niedrig ist. Das stimmt, doch es beruht zum Teil auf einem statistischen Artefakt, das in der Definition der Arbeitslosenquote begründet liegt.

Eine Arbeitslosenquote gibt nämlich das Verhältnis der Zahl der Arbeitslosen zur Zahl der Erwerbspersonen wieder. Bei der Messung der Jugendarbeitslosigkeit beziehen sich beide Grössen ausschliesslich auf Jugendliche. Im Gegensatz aber zu anderen in der Ausbildung befindlichen Jugendlichen zählen Lehrlinge als Erwerbspersonen, da sie statistisch betrachtet als erwerbstätig gelten, was den Nenner der Arbeitslosenquote für Jugendliche anhebt. Gleichzeitig werden Lehrlinge aufgrund eines bestehenden Lehrvertrags aber selten arbeitslos, was den Zähler wiederum drückt. Es ist folglich schon aus rein statistischen Gründen zu erwarten, dass die Jugendarbeitslosenquote in Ländern mit einem ausgebauten Berufslehrsystem niedriger ausfällt.

Kein geringeres Risiko der Arbeitslosigkeit

Weiter ist zu beachten, dass es sich bei erwerbstätigen Jugendlichen in Ländern ohne eine Berufslehrtradition vermehrt um Bildungsabbrecher ohne jedwelchen Berufsabschluss handelt, die schlechte Aussichten auf dem Arbeitsmarkt haben. Es überrascht deshalb nicht, wenn dort die Jugendarbeitslosenrate höher ausfällt als hierzulande. Da werden doch Äpfel mit Birnen verglichen. Eine Studie von Avenir Suisse findet denn auch, dass der statistische Zusammenhang zwischen der Höhe der Jugendarbeitslosigkeit und der Verbreitung der Berufslehre verschwindet, wenn der Vergleich auf Kantone beschränkt bleibt.

Der frühere SP-Nationalrat Rudolf Strahm behauptet in seinem Buch «Die Akademisierungsfalle» (2014) gar, dass Erwachsene, die eine Lehre absolviert haben, einem dreimal kleineren Risiko unterlägen, arbeitslos zu werden, als andere. Dabei verwechselt er allerdings, wie im Übrigen auch einige Forscher hierzulande, die Arbeitslosenquote mit der Wahrscheinlichkeit, arbeitslos zu werden. Um Letztere zu berechnen, muss man wissen, wie häufig Personen in einem gegebenen Zeitraum arbeitslos werden. Darüber gibt eine Arbeitslosenquote aber keine Auskunft. Vielmehr gibt sie lediglich die Zahl der Personen an, die an einem gegebenen Stichtag arbeitslos waren. Die Arbeitslosenquote bezieht sich auf einen Zeitpunkt, das Arbeitslosigkeitsrisiko hingegen auf einen Zeitraum.

Zieht man nun aber das richtig gemessene Arbeitslosigkeitsrisiko als Gütekriterium heran, wirkt das Bild für die Berufslehre ernüchternd. Nach unseren Berechnungen beträgt die Wahrscheinlichkeit, im Laufe eines Jahres arbeitslos zu werden, bei einem Beschäftigten mit einem Hochschulabschluss 2% und bei einem Beschäftigten mit höchstens einem Lehrabschluss 6%. Hochgerechnet auf ein hypothetisches Berufsleben von 45 Jahren implizieren diese Zahlen, dass die Wahrscheinlichkeit, niemals arbeitslos zu werden, bei Hochschulabsolventen 43% und bei Lehrabsolventen 7% beträgt. Der Unterschied mag damit zusammenhängen, dass Arbeitskräfte mit einem Lehrabschluss verstärkt in der Produktion beschäftigt sind, die Konjunkturschwankungen stärker ausgesetzt ist. Faktum bleibt aber dennoch, dass die Beschäftigung und damit der Einkommensfluss bei Lehrabsolventen instabiler sind als bei Hochschulabsolventen.

Matura eröffnet mehr Möglichkeiten

Auch die künftigen Beschäftigungsaussichten für Arbeitskräfte mit höchstens einem Berufsabschluss sehen nicht allzu günstig aus. So nimmt ihr Anteil an der Beschäftigung hierzulande seit Jahren trendmässig ab. Eine neuere Studie der Eidgenössischen Hochschule für Berufsbildung in Zollikofen zeigt denn auch, dass in den vergangenen zwanzig Jahren der Anteil der Beschäftigten mit höchstens einem Lehrabschluss von 52 auf 36% gefallen ist, während der Anteil derjenigen mit einem Hochschulabschluss von 10 auf 29% gestiegen ist. Hinter diesem Trend stehen drei anhaltende Entwicklungen, die die Arbeitsmärkte aller modernen Industrienationen derzeit erfassen: der Rückgang der Zahl der gewerblich-industriellen Arbeitsplätze, die höheren Qualifikationsanforderungen der neuen Technologien und die Verlagerung der Beschäftigung zu den Dienstleistungsberufen (nicht -branchen) hin, die traditionell verstärkt von Hochschulabsolventen besetzt werden.

Der hohe Akademikeranteil mag überraschen, gegeben, dass sich typischerweise rund 60% eines Jahrgangs hierzulande für eine Berufslehre entscheiden. Wie ist die Differenz zu erklären? Der Hauptgrund liegt in der Zuwanderung hoch qualifizierter Arbeitskräfte aus dem Ausland. Lag der Akademikeranteil unter den einwandernden ausländischen Arbeitskräften über Jahrzehnte zwischen 10 und 15%, so schoss er Mitte der Neunzigerjahre auf 50% hoch und liegt seitdem stets darüber. Der Anteil der Einwanderer mit Lehrabschluss hingegen hat sich in dieser Zeit kaum bewegt und liegt weiterhin bei rund 15%. Das spricht nicht für einen wachsenden Bedarf an Lehrabsolventen.

Natürlich stellt ein Berufsabschluss keine Sackgasse dar. Gestützt auf eine Berufslehre kann man noch höhere Qualifikationen erwerben. Sicherlich hat dies auch zum Anstieg des Bildungsstands der Beschäftigten hierzulande beigetragen. Doch im Hinblick auf Bildungs- und Berufsoptionen ist eine Matura vorteilhafter. Damit steht einem nicht nur der Zugang zu sämtlichen Hochschularten offen, sondern ebenso zu einer Berufslehre. In Deutschland haben gar rund 30% der Lehranfangenden eine Studienberechtigung.

Theorie und Praxis verbinden

Der umgekehrte Weg zu einem Hochschulstudium über eine Lehre ist wesentlich anspruchsvoller und langwieriger. Der Übergang zu einem Bachelorstudium an einer Fachhochschule erfordert entweder noch ein Jahr für die Berufsmaturität oder drei Jahre in einer Höheren Fachschule: Zeit, die ein Abiturient schon für das Bachelorstudium verwenden kann. Der Zugang zu einer Uni oder einer ETH bleibt einem damit immer noch versperrt; dafür wird die volle Maturität benötigt, die entweder über ein weiteres Schuljahr mit Ergänzungsprüfungen oder durch den Abschluss einer Maturitätsschule für Erwachsene zu erwerben ist.

Selbstverständlich nimmt die Berufslehre trotz allem einen wichtigen Platz im schweizerischen Bildungssystem ein und wird dies auch künftig tun. Je nach der Art der Tätigkeit und der Veranlagung des Einzelnen kann eine Berufslehre die optimale Berufsqualifikation für Arbeitgeber und Arbeitnehmer sein. Doch vielleicht sollte einmal über duale Hochschulen nachgedacht werden, die in Deutschland grossen Erfolg geniessen. Das duale Bachelorstudium besteht im dreimonatigen Wechsel aus einem akademischen Studium und einem Praxisteil in einem Betrieb. So lassen sich auch Theorie und Praxis miteinander verbinden.