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VW, Libor, Fifa: Kultur des Betrugs?

Wenn die Öffentlichkeit der Art und Weise zu misstrauen beginnt, wie Eigentum heute erworben wird, wird sie sich vom Marktmodell abwenden und nach Alternativen suchen. Ein Kommentar von Victoria Curzon Price.

Victoria Curzon Price
«Wirtschaft gründet auf einem Mindestmass an gegenseitigem Vertrauen.»

Der Reigen aufsehenerregender Skandale nimmt kein Ende. Volkswagen (VOW 138.5 27.06%) etwa: Die Affäre zieht immer weitere Kreise. Wird der Konzern sie überleben? Auch nur anzudeuten, eines von Deutschlands prestigereichsten Unternehmen könnte pleitegehen, ist undenkbar – ein Unternehmen, das noch vor wenigen Wochen der Inbegriff Deutschlands weltweit unangefochtener moralischer und technologischer Spitzenstellung war, von jeglichem Skandalverdacht unberührt. Und dennoch: Das schiere Ausmass des Betrugs rund um manipulierte Schadstoffemissionswerte – 11 Mio. Wagen müssen zurückgerufen und modifiziert werden, von Milliarden aus Bussen und Klagen ganz zu schweigen – ist ebenso unerhört wie das Vorgehen verwerflich.

Trotzdem scheinen viele Leute der Meinung zu sein, das Problem werde aufgebauscht. Gemäss einer Online-Umfrage (vgl. Julia Loehr, «The Guardian» vom 20. Oktober) haben 55% der Deutschen nach wie vor «grosses Vertrauen» in VW. Eine deutliche Mehrheit (63%) glaubt, in einem Jahr werde die Affäre vergessen sein, und 60% rechnen nicht mit bleibendem Schaden für das Image des Landes. Überwältigende 91% gehen davon aus, dass andere Autohersteller ebenso getrickst haben und der Volkswagen-Konzern bloss als Erster erwischt wurde.

Neue Skandale nur eine Frage der Zeit

Haben sich alle gleichermassen schuldig gemacht, trägt keiner wirklich Schuld. Dieses Argument verwenden auch die etwas über zwanzig in den Libor-Skandal verwickelten Banken. Die Affäre schlug 2012 hohe Wellen. Bloss: Die Insider, Banken ebenso wie der Regulator, schienen nicht im Geringsten überrascht. Dass Deutsche Bank (DBK 8.797 -0.32%) im Juni 2015 von der Bank of England wegen Manipulation des Libor-Satzes und «wiederholter Irreführung des Regulators» mit 2,5 Mrd. $ gebüsst wurde, erschütterte die Märkte nicht. Dass UBS (UBSG 11.14 0.04%) einer ähnlich hohen Busse nur deshalb entging, weil sie die Aufsichtsbehörden selbst über das Libor-Kartell informiert hatte, scheint niemanden zu schockieren. Dabei müssen die Summen, um die es in diesem Skandal (de facto handelt es sich um Diebstahl) geht, enorm sein – der Libor ist ein Referenzwert für unzählige Transaktionen weltweit. Mit Insider-Informationen und dem Manipulieren des Libor strichen Banken und Händler hohe Gewinne ein, auf Kosten der Allgemeinheit. Die Milliardenbussen dürften im Vergleich dazu ein Klacks sein. Wenn das Gewinnmachen so leichtfällt und keine ernsthafte Strafe droht, dürften weitere solche Skandale nur eine Frage der Zeit sein.

Der Fifa-Skandal, das Doping im Radrennsport, in der Leichtathletik, wohl auch in den meisten anderen Sportarten, all das sind nur weitere Facetten des gleichen Problems, ebenso die immer weiter um sich greifende Cyber-Kriminalität. Man kann sich kaum des Eindrucks erwehren, dass sich in der heutigen Welt eine Kultur des Betrugs breitmacht. Da ist es nur ein kleiner Schritt zum Gedanken, Betrug sei in der gesamten Wirtschaft gang und gäbe – und zum Vorwurf, verantwortlich dafür sei der moderne Kapitalismus.

Sollte dem tatsächlich so sein, haben wir ein gewaltiges Problem. Wirtschaft und Handel gründen auf einem Mindestmass an gegenseitigem Vertrauen. Setzt sich die Überzeugung durch, Gewinne seien jeweils das Resultat von betrügerischem Verhalten, werden die Menschen die Legitimität des Marktes überhaupt in Frage stellen, bilden dort die Gewinne doch die Richtschnur für jegliche Investitionen und Veränderungen.

Im 18. Jahrhundert begründeten John Locke und David Hume ein Argumentarium, das das Eigentum an weltlichen Gütern – über freiwillige Verträge und Naturrecht – legitimiert. Die seither entstandene Vielfalt an Wirtschaftsbranchen hat den Stellenwert von Eigentumsrechten und die Rolle, die sie für das harmonische Funktionieren einer prosperierenden Gesellschaft spielen, noch gestärkt. Dass privates Eigentum mit rein utilitaristischen Argumenten begründet wird, tut seiner Bedeutung keinen Abbruch. Das gescheiterte Experiment, in der Sowjetunion das Eigentum in der Hand des Staates zu vergesellschaften – mit einem Polizeistaat und Zigtausenden Todesopfern als Resultat –, sollte Warnung genug sein für all diejenigen, die damit liebäugeln, das Konzept auf privatem Eigentum basierender Märkte durch etwas anderes zu ersetzen. Die Abkehr vom Recht auf privates Eigentum im Kommunismus hatte den Moralkodex ganzer Generationen verändert: Betrug, Diebstahl und Begünstigung schienen das einzige verlässliche Mittel, um dem kollektivistischen System irgendetwas, selbst das zum Überleben Nötige, abzuringen. Eine ähnliche Tendenz zeigt sich in unseren Systemen der sozialen Wohlfahrt: Missbrauch ist gang und gäbe.

Die heute um sich greifende Kultur des Betrugs unterminiert den Kapitalismus nicht minder als einst der Marxismus. Freie Märkte weckten ohnehin schon immer Vorbehalte. Sollte sich in der öffentlichen Meinung der Eindruck unmoralischen Gebarens verfestigen, könnte das der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt. Tragisch dabei: Gegen solch unmoralisches Gebaren ist kein System gefeit. Besonders weit verbreitet ist es jedoch dort, wo am Ursprung von Einkommen, Regulierung und Vorteilen der Staat steht – der Mensch neigt nun mal dazu, Allmenden zu missbrauchen und Regulierungen zu umgehen.

Die Kriterien für legitimes privates Eigentum sind simpel: Der Mensch erwirbt Eigentum, indem er sich, mit seiner Arbeit, einen Teil der Natur aneignet (Locke), durch Vererbung oder freiwilligen Tausch (Hume) – ohne zu Gewalt, Betrug oder unfairer Vorteilnahme zu greifen. Was uns besonders interessiert, ist dieser dritte Aspekt. Aneignung durch Gewalt oder Betrug ist eindeutig eine Straftat und wird vom Gesetz geahndet. Der Rückgriff auf unfaire Vorteilnahme aber ist schwieriger zu definieren. In seiner schlimmsten Ausprägung steht er für Korruption, in den meisten Ländern ebenfalls strafbar. Darunter fällt aber auch das Lobbying in Politik und Verwaltung. Es mag nicht als illegal gelten. Der Blickwinkel der Public-Choice-Theorie legt jedoch nahe, dass es sich de facto um eine Form von Diebstahl handelt.

Erschreckend wirksames Lobbying

Die Public-Choice-Theorie erklärt, warum politische Entscheidungen oft nachweislich nicht zum Wohl der Allgemeinheit gefällt werden, sondern zugunsten einiger weniger privilegierter Wirtschaftsakteure. Indem sie die Last von Steuererhöhungen oder Regulierungen auf die breite Bevölkerung verteilen und ihre Vorteile einigen wenigen angedeihen lassen, können politische Entscheidungsträger sich die Unterstützung dieser wenigen sichern, ohne den Rückhalt der Masse zu verlieren.

Ein jüngeres Beispiel sind die Reformen der internationalen Bank- und Finanzbranche nach dem Subprime-Debakel. Der Bankensektor hat in der Politik erfolgreich lobbyiert, sodass die wenigen Massnahmen, die beschlossen wurden, kaum eine Verhaltensänderung herbeiführen werden. Ihre Komplexität verunmöglicht es der Öffentlichkeit zudem, sie zu überblicken, und bewirkt, dass die Regulierten bei ihrer Suche nach Schlupflöchern dem Regulator stets einen Schritt voraus sein werden. In der Zwischenzeit wird der Bankensektor weiterhin enorme Profite einstreichen – und in der nächsten Krise wird der Steuerzahler erneut zur Rettung gescheiterter Banken einspringen müssen.

Das legitime Recht auf Eigentum ist das Fundament, auf dem Märkte operieren. Ohne privates Eigentum ist ein funktionierender Markt nicht denkbar. Doch wenn die Öffentlichkeit der Art und Weise zu misstrauen beginnt, wie Eigentum heute erworben wird, wird sie sich vom Marktmodell abwenden und nach Alternativen suchen. Nichts anderes beobachten wir meiner Meinung nach derzeit in Griechenland und, jüngst, in Portugal: Die Menschen haben sich dafür ausgesprochen, das Zepter wieder dem Staat zu übergeben.

Leser-Kommentare

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Norbert Gächter 15.12.2015 - 15:14

Die Banken stecken die Strafen leicht weg. Einzig die “Einbuchtung” der Verantwortlichen
würde den Betrug stoppen.

Peter Martin Wigant 15.12.2015 - 22:04
Liebe FuW, Die Strafen die gegen fehlbare Unternehmen verhängt werden und die so locker weggesteckt werden, treffen nicht die fehlbaren und oft überbezahlten ‘Manager’, nein sie treffen die Aktionäre, die Inhaber der Firmen. Kerker für die Missetäter ist wohl die einzige Sprache die verstanden würde. Ich habe im Rahmen meiner Tätigkeit eine Reihe von Vorträgen über Ethik im Geschäftsleben gehalten.… Weiterlesen »
Jürgen Lahodny 16.12.2015 - 07:47

Sehr guter Artikel !

Klaus Plessnig 16.12.2015 - 11:54
Endlich wird das einmal richtig verstanden: Nicht der Markt ist das Problem, sondern die Manipulation dessen durch Machtkonzentrationen und synthetischer Komplexität, die ein freies Wirken der Marktkräfte verhindern. Verschlimmert wird das in weiterer Folge dadurch, dass nach eingetretenem Schaden keine Bereinigung durch den Markt selbst erfolgen kann, da zentralistisch eingegriffen und überreguliert wird und die Verfügungsgewalt (der Verantwortlichen) in den… Weiterlesen »