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Alle Antworten zur Deutschen Bank

Der Markt zweifelt an der Robustheit des Finanzinstituts. Wie steht es wirklich um die Bank? «Finanz und Wirtschaft» präsentiert die Antworten auf die brennendsten Fragen.

Jeffrey Hochegger und Mark Dittli

Die Deutsche Bank (DBK 6.359 -1.73%) wankt. Der Aktienkurs des grössten Finanzinstituts Deutschlands ist innerhalb von drei Wochen um 20% eingebrochen. Auslöser der Kursschwäche war Mitte September die Nachricht, wonach der Bank wegen Verfehlungen im Verkauf von verbrieften Wohnhypotheken in den USA eine Busse von bis zu 14 Mrd. $ drohe. Eine kurzzeitige Panikwelle provozierte am Donnerstag eine Meldung der Agentur Bloomberg, wonach sich mehrere Hedge Funds von der Bank abgewendet hätten. John Cryan, CEO der Deutschen Bank, bekräftigte umgehend, Solvenz und ­Liquiditätslage des Instituts seien robust. «Zu keinem Zeitpunkt in den vergangenen zwei Jahrzehnten war die Deutsche Bank, was ihre Bilanz angeht, so sicher wie heute», schrieb er am Freitag in einer internen Mitteilung.

Trotzdem: Die Sorgen bleiben. Marktteilnehmer ziehen Parallelen zu 2008, als sich immer mehr Gegenparteien von Lehman Brothers abwandten und die US-Investmentbank am 15. September 2008 schliesslich kollabierte. Die Preise für Kreditausfall-Versicherungen (Credit Default Swaps) für die Obligationen der Deutschen Bank stehen auf einem Niveau, das sie letztmals auf dem Höhepunkt der Eurokrise in den Jahren 2011 und 2012 erreicht hatten. Die Kurse von Pflichtwandelanleihen (Coco Bonds) sind eingebrochen.

Wie steht es tatsächlich um die Stabilität der Deutschen Bank? Wird eine Kapitalerhöhung nötig sein, muss gar der Staat einspringen? Oder sind die Ängste völlig übertrieben? «Finanz und Wirtschaft» präsentiert die Antworten auf die brennendsten Fragen:

Wieso gerät die Deutsche Bank gerade jetzt in den Fokus?
Auslöser der Ängste ist eine Mitte September bekannt gewordene Vergleichsforderung der US-Justizbehörde (DoJ) in Höhe von 14 Mrd. $ im Zusammenhang mit dem Geschäft für verbriefte US-Wohnhypotheken. Anleger fürchten sich seither vor einer Kapitalerhöhung; da diese zu einer erheblichen Verwässerung der Altaktionäre führen würde, geriet der Aktienkurs unter Druck. Die Probleme der Bank riefen zudem Spekulanten auf den Plan: In den vergangenen zwei Wochen hat sich die Anzahl Leerverkäufer – Investoren, die gezielt auf eine negative Kursentwicklung setzen – verdoppelt.

Woher kommt diese Bussenforderung?
Damit sollen zivilrechtliche Ansprüche beigelegt werden, die das DoJ wegen der Platzierung von hypothekengedeckten Wertpapieren (Residential Mortgage Backed Securities, RMBS) und damit zusammenhängender Verbriefungstransaktionen der Bank zwischen 2005 und 2007 möglicherweise erheben wird.

Wird die Deutsche Bank tatsächlich eine derart hohe Busse bezahlen müssen?
Vermutlich nicht. Auf Basis ähnlicher Vergleiche des DoJ gehen Analysten von deutlich niedrigeren Zahlungen aus. Goldman Sachs (GS 196.2 -3.07%) hat für den gleichen Fall 5 Mrd. $ bezahlt, Citigroup (C 61.95 -3.07%) 7 Mrd. $. Analysten rechnen mit 5 bis 10 Mrd. $. Am Freitagabend zum Zeitpunkt des Redaktionsschlusses dieser Zeitung kursierte die unbestätigte Meldung, wonach die Busse bloss 5,4 Mrd. $ betragen werde.

Sind damit alle Bussen vom Tisch?
Nein. Die Bank steht auch noch unter Geldwäschereiverdacht. Sie untersucht Aktienhandelsgeschäfte zwischen Kunden und der Deutschen Bank in Moskau und London, die sich gespiegelt haben.

Kommen auch auf UBS (UBSG 10.345 -0.91%) und Credit Suisse (CSGN 11.225 -1.01%) noch derartige Bussenforderungen zu?
Ja, die Schweizer Grossbanken haben noch keinen Vergleich mit dem DoJ wegen RMBS-Rechtsfällen geschlossen. Analysten gehen von Bussen von je gut 2,5 Mrd. $ aus. Credit Suisse hat per Ende 2015 für Rechtsstreitigkeiten Rückstellungen von 1,6 Mrd. Fr. ausgewiesen. Wie viel davon für RMBS reserviert ist, legt sie nicht offen. Bei UBS beliefen sich die Rückstellungen zur Jahresmitte 2016 auf 2,7 Mrd. Fr. Davon sind 988 Mio. Fr. für Fälle im Bereich RMBS.

Hat der Kursverlust direkte Auswirkungen auf die Bilanzqualität der Deutschen Bank?
Nein. Er zeigt die grosse Verunsicherung der Anleger. Ein Kursverlust der Aktien schädigt die Bilanz aber nicht.

Ist die Deutsche Bank noch solvent?
Ja. Es gibt momentan keine Anzeichen, dass die Deutsche Bank ihren Verbindlichkeiten nicht nachkommen kann.

Was bedeutet eigentlich Solvenz?
Solvenz ist die Fähigkeit, Verbindlichkeiten bei Fälligkeit zu bezahlen.

Ist sie auch noch solvent, wenn sie 14 Mrd. $ Busse bezahlen müsste?
Ja. Per Ende Juni wies die Deutsche Bank in ihrer Bilanz ein Common Equity Tier 1 (CET1) Capital von 43,5 Mrd. € aus. Das entspricht auf risikogewichteter Bilanzbasis einer Eigenkapitalquote (CET1) von 10,8%. Die Bank hat für Rechtsstreitigkeiten Rückstellungen von 5,5 Mrd. € gebildet. Auch mit einer höheren Busse und einem entsprechenden Verlust hätte sie immer noch genug Eigenkapital, um die regulatorischen Anforderungen zu erfüllen.

Ist sie genügend robust kapitalisiert?
Das ist Ansichtssache. Mit einer CET1 Ratio von 10,8% erfüllt sie zwar die Anforderungen, zählt im internationalen Vergleich aber zu den schwächsten Banken. Die harte, ungewichtete Eigenkapitalquote (Leverage Ratio) beträgt nur 3,4%. Mit anderen Worten: Die Bilanz besteht aus 96,6% Fremdkapital. Nun rächt es sich, dass die Bank es jahrelang versäumt hat, ihre Kapitalbasis proaktiv aufzubauen.

Ist sie genügend liquide?
Ja. Gegenwärtig betragen die Liquiditätsreserven in der Bilanz nach öffentlichen Aussagen von CEO John Cryan mehr als 215 Mrd. €. Die Deutsche Bank hat zudem Zugang zum sogenannten Liquidity Backstop der Europäischen Zentralbank. Als Geschäftsbank hat das Institut, solange es solvent ist, für seine Liquiditätsbedürfnisse Zugang zur Zentralbank.

Kann die Deutsche Bank, ähnlich wie Lehman im September 2008, kollabieren?
Theoretisch schon. Allerdings ist es unwahrscheinlich. Die Verflechtungen der Bank im globalen Finanzsystem und damit die Folgen eines Kollapses wären verheerend. Sollte das Eigenkapital wegen erlittener Verluste tatsächlich zu knapp werden, kann die Bank zu Sanierungsmassnahmen gezwungen werden. Das bedeutet die Wandlung von Pflichtwandelanleihen und/oder eine Kapitalerhöhung.

Muss der Staat die Bank retten?
Er muss nicht. Aufgrund der wirtschaftlichen Verflechtungen ist aber davon auszugehen, dass Berlin im absoluten Notfall dennoch rettend eingreifen wird, um eine Ansteckung des Wirtschafts- und Finanzsystems zu vermeiden.

Was sagt die Bundesregierung in Berlin?
Medienberichten zufolge schliesst Bundeskanzlerin Angela Merkel Staatshilfe kategorisch aus. Eine offizielle Stellungnahme gibt es nicht.

Was signalisiert der Markt?
Primär einen Vertrauensverlust. Die Deutsche Bank wurde im internationalen Finanzsystem als schwaches Glied identifiziert. Gegenparteien – andere Banken, Kunden, kurzfristige Kreditgeber wie Money Market Funds – könnten aus Risikoüberlegungen zum Schluss kommen, ihr Exposure zu der Bank zu limitieren. Obligationäre des Instituts können versuchen, das Risiko eines Zahlungsausfalls über Credit Default Swaps (CDS) abzusichern. Die Prämien für diese CDS sind deutlich gestiegen.

Was sind Credit Default Swaps?
Credit Default Swaps (CDS) sind Derivate, mit denen professionelle Anleger das Ausfallrisiko von Anleihen absichern können. Wie bei einer Versicherung bezahlen sie dafür eine Prämie. Deren Höhe hängt von der Wahrscheinlichkeit eines Zahlungsausfalls ab. Der Verkäufer des CDS ist verpflichtet, bei einem Zahlungsausfall dem Versicherungsnehmer den Nominalwert der geplatzten Anleihe auszuzahlen. Die CDS-Prämie für eine fünfjährige Absicherung von nachrangigen Anleihen der Deutschen Bank ist auf 530 Basispunkte gestiegen. Wer sich also gegen den Zahlungsausfall absichern will, bezahlt derzeit 5,3% pro Jahr. Bei einer Anleihe von 1 Mio. $ kostet die Versicherung demnach 53 000 $ pro Jahr. Das zeigt, wie gross die Angst vor einem Bankrott ist.

Könnten Coco Bonds ausgelöst werden?
Wenn die Kernkapitalquote (CET1) unter 5,125% fällt, findet eine Zwangswandlung statt. Von diesem Wert ist die Eigenkapitaldecke der Bank derzeit aber weit entfernt.

Könnten Couponzahlungen auf Coco Bonds gestrichen werden?
Ja. Ebenfalls, wenn die Eigenkapitaldecke unter eine vordefinierte Schwelle fällt.

Was sind Coco Bonds?
Coco (Contingent Convertible) Bonds sind Pflichtwandelanleihen. Sie sind eine Form von Fremdkapital, das automatisch in Eigenkapital gewandelt wird, sobald die Eigenkapitalquote der Bank unter eine vordefinierte Schwelle fällt. Coco Bonds dienen somit als Solvenzpuffer.

Stellt die Deutsche Bank ein Risiko für das Weltfinanzsystem dar?
Ja. Das Financial Stability Board hat sie als eine der dreissig global systemrelevanten Banken (G-SIFI) identifiziert. Der Internationale Währungsfonds (IWF) bezeichnet die Deutsche wegen ihrer grossen Verflechtung über ausstehende Derivate in einer Studie als riskanteste Bank der Welt, gefolgt von HSBC (5 587.6 -0.74%) und Credit Suisse.

Gilt das auch für UBS und Credit Suisse?
Ja. Beide sind als global systemrelevante Banken identifiziert. Zu Credit Suisse kreisen im Markt immer wieder Sorgen um die Frage, ob sie ausreichend kapitalisiert ist. Im direkten Vergleich ist UBS solider kapitalisiert und hat das riskante Investment Banking bereits deutlicher reduziert.

Hat die Führung der Deutschen Bank etwas falsch gemacht?
Ja. Sie hat es während Jahren versäumt, auf ein weniger riskantes Geschäftsmodell zu setzen und die Eigenkapitaldecke ihrer Bilanz proaktiv zu stärken.

Könnte die Bank übernommen werden?
Theoretisch ja. Die Aktien sind aktuell mit einem Kurs-Buchwert-Verhältnis von 0,25 bewertet. Das heisst, die ganze Bank kann zu einem Viertel des Eigenkapitals erworben werden. Auch der Börsenwert von 15 Mrd. € ist kein Hindernis für einen Käufer.

Soll man als Investor die Aktien kaufen?
Im gegenwärtigen Aktienkurs ist zweifellos enorm viel Angst eingepreist. Verfliegt diese Angst – etwa weil die Busse in den USA deutlich geringer ausfällt –, wird der Aktienkurs steigen. Realistischerweise muss man jedoch eingestehen, dass die Bilanzrisiken einer derart komplexen Grossbank für Aussenstehende nur sehr schwer analysierbar sind. Sollte die Deutsche Bank zu Sanierungsmassnahmen – beispielsweise über eine grosse Kapitalerhöhung – gezwungen werden, können die Altaktionäre einen Grossteil ihres Einsatzes verlieren. Ein Kauf zum heutigen Zeitpunkt ist daher hoch spekulativ.

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