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Wachstumsqualität in der Chemie variiert

Nicht alle Branchenvertreter, die im ersten Halbjahr und im zweiten Quartal den Umsatz kräftig gesteigert haben, sind auch qualitativ gut gewachsen.

Grosse Teile der chemischen Industrie finden derzeit ein förderliches Umfeld mit gefälligem Wachstum der Wirtschaft und der industriellen Produktion vor.

Im Ausblick für das laufende Jahr geht Clariant (CLN 19.58 +1.66%) zudem von einer anhaltend freundlichen Wirtschaftslage aus, wobei gewisse Sorgen mit Blick auf die Zollstreitigkeiten und die Konjunktur nicht unerwähnt bleiben. Covestro und Evonik haben ihre Prognose angehoben, und Lanxess (LXS 65.34 +1.9%) peilt nun den oberen Rand der Bandbreite für das Wachstum des operativen Ergebnisses an.

Die günstigen Rahmenbedingungen spiegeln sich in der Halbjahresbilanz des Sektors. Die organische, über Mengen und Preise erzielte Umsatzsteigerung lässt sich sehen. In einer Auswahl europäischer Branchenvertreter, die teilweise oder ganz der Spezialchemie zuzuordnen sind, liegt sie zwischen 5% bei Lanxess und 14% bei Covestro.

Dazwischen liegen Clariant, Evonik und Solvay mit je 6, BASF (BAS 67.98 +2.09%) mit 7 und Ems-Chemie (EMSN 826.00 +0.73%) mit 8% (Summe aus der Mengen- und der Preiskomponente des Umsatzwachstums). Für das zweite Quartal gilt Ähnliches.

Doch in der Qualität des Wachstums zeigen sich Unterschiede. Wenn die Wirtschaft gut läuft, Nachfrage und Produktion steigen, dann sollte sich das in höheren Absatzmengen äussern. Wenn stattdessen die Volumen nur im niedrigen einstelligen Prozentbereich zunehmen, wie bei BASF, Evonik und Lanxess, wirft das Fragen auf.

Mengenmässig zu wenig

Natürlich hängt die Mengenentwicklung von der Zusammensetzung des Portfolios und von den bedienten Märkten ab, daneben unter anderem aber auch vom Innovationsgrad und vom Vertrieb. Wenn BASF für das Segment Performance Products einen Volumenrückgang meldet und gemäss Analystenurteil von HSCB in der Spezialchemie generell «weiterhin hinter den Erwartungen zurückbleibt», kann das nicht befriedigen.

Dasselbe gilt für Evonik, wo das Segment Resource Efficieny – Spezialchemieaktivitäten für industrielle Anwendungen – mengenmässig stagniert hat, sowie für Lanxess, wo für zwei der vier Segmente dasselbe festzustellen ist.

Besser aus der Affäre ziehen sich im Vergleich dazu Solvay sowie Clariant und Ems-Chemie. Letztere zwei schlüsseln die Umsatzentwicklung ihrer Segmente allerdings weniger detailliert auf als die europäische Konkurrenz.

Dafür bekunden Solvay und Clariant Mühe, höhere Verkaufspreise durchzusetzen. Die Preiskomponente ist neben der Mengenkomponente der zweite Bestandteil des organischen Wachstums. Auch sie ist wichtig. Viele Rohstoffe sind aufgrund der anziehenden Nachfrage teurer geworden, teils auch wegen Versorgungsunterbrüchen. Die höheren Kosten an Kunden weiterzureichen, ist zentral, weil andernfalls die Margen erheblich unter Druck kommen können.

Allerdings benötigen die verschiedenen Aktivitäten von Chemieunternehmen unterschiedliche Rohstoffe mit ganz verschiedenen Preisverläufen. Ein Wachstumsbeitrag aus höheren Verkaufspreisen um beispielsweise 4 Prozentpunkte (Pp) sagt daher per se nichts darüber aus, wie gut es gelungen ist, die gestiegenen Rohmaterialkosten zu überwälzen.

1 Pp wie bei Solvay im ersten Semester muten jedoch mager an. Ebenfalls unbefriedigend sind die 2 Pp von Clariant, auch für CEO Hariolf Kottmann. Doch der Trend stimmt: Nach 1 Pp im ersten Quartal waren es im zweiten schon dreimal mehr.

Ems wird dem Ruf gerecht

Die Weitergabe gestiegener Materialpreise habe hohe Priorität, sagte Kottmann zur Publikation des Halbjahresberichts der FuW. «Es gibt Fortschritte, und wir rechnen mit einer weiterhin positiven Dynamik der Verkaufspreise.» Selbstkritisch räumte er ein, das Thema sei zu spät angepackt worden. Huntsman (Fusionsplan) und White Tale (Abwehrkampf) hatten wohl zu stark abgelenkt.

Ems gelingt die Überwälzung besser. «Wir mussten die Verkaufspreise mehrmals erhöhen», sagte die VR-Delegierte Magdalena Martullo an der Halbjahreskonferenz. Höhere Preise trugen 3 Pp zum Umsatzplus von über 12% bei. Zusammen mit dem Mengeneffekt von 5 Pp ergibt das eine gute Wachstumsqualität. Die übrigen gut 4 Pp stammen von Währungseffekten. Diese waren bei Unternehmen aus dem Euroraum durchweg negativ.

Qualität zeigt Ems nicht nur im Wachstum: Profitabilität und Bilanzkennzahlen suchen ihresgleichen, die Wertschöpfung ist hoch, die Innovationskraft ebenso. Die Aktien werden deswegen mit einer hohen Prämie gehandelt. Gemessen am vorausschauenden Kurs-Gewinn-Verhältnis hat sie sich in jüngerer Zeit zum SPI (SXGE 13'547.22 +0.39%) Extra jedoch vermindert. Ähnliches zeigt der Vergleich mit dem europäischen Chemieindex. Ems sind teuer, haben aber Reiz.

Verlockend sind auch BASF. Die jüngsten Leistungen lassen zwar zu wünschen übrig, doch sind die Aktien inzwischen sehr günstig. Seit Anfang Jahr hat ihr KGV fast ein Viertel nachgegeben. Evonik bieten ebenfalls Chancen, ihre Bewertung ist moderat. Clariant sind etwas teurer, allzu viel Fantasie für Zusatzwert aus Gemeinschaftsprojekten mit Sabic ist bis dato aber nicht eingepreist.