Meinungen

Wachstumstreiber Humankapital

Die Krise der südeuropäischen Länder lässt sich wesentlich mit einem schlechten Bildungswesen und ungenügenden ­Qualifikationen der Arbeitskräfte erklären. Ein Kommentar von Fabrizio Zilibotti.

Fabrizio Zilibotti
«Bis Reformen im Bildungssektor Früchte tragen, vergeht viel Zeit.»

Der Prozess der wirtschaftlichen Entwicklung kann in zwei Etappen differenziert werden. Das postulieren Daron Acemoglu, Philippe Aghion und ich in einem 2006 im «Journal of the European Economic Association» erschienenen Artikel («Distance to Frontier, Innovation and Economic Growth»).

In der ersten Etappe werden die Produktivität und das Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens von der Adaptation und der Nach­ahmung von Technologien fortgeschrittenerer Länder getrieben. In der zweiten Etappe, wenn sich das Land der Technology Frontier, der Technologiegrenze, nähert – sie markiert den globalen Standard in Sachen modernster Fertigungsprozesse –, basiert sein Wirtschaftswachstum immer mehr auf Innovation und Humankapital.

Je nach Etappe sind unterschiedliche Ansätze und Institutionen nötig, um das Wachstum anzukurbeln. Die grösste Herausforderung für Nicht-Frontier-Länder ist, Investitionen zu mobilisieren. Eine Industriepolitik und staatliche Intervention zugunsten grosser Unternehmen können als Katalysator für Investitionen dienen und die Adaptation von Technologien unterstützen, oft begleitet von langfristigen vertraglichen Arrangements und einer engen Verbindung politischer und wirtschaftlicher Eliten. Ein Beispiel solcher institutioneller Arrangements war Korea vor einiger Zeit und ist China heute.

Schwierige Reformen

Je weiter sich eine Volkswirtschaft entwickelt, desto ausgeprägter ist sie mit der Aufgabe konfrontiert, Reformen durchzuführen, um den Innovationsmotor in Gang zu bringen. Frontier-Volkswirtschaften brauchen mehr Wettbewerb und müssen ihr Humankapital aufbauen. Die nötigen Reformen umzusetzen, erweist sich oft als schwierig: Wie Joseph Schumpeter festgestellt hat, ist innovationsgetriebenes Wachstum ein Prozess der schöpferischen Zerstörung, der Gewinner und Verlierer hervorbringt. Die etablierten lokalen Eliten mit ihren gut vernetzten Unternehmen und Familienclans sperren sich oft gegen Reformen, die ihre Privilegien unterminieren. Länder, denen es nicht gelingt, ein innovationsgetriebenes Wachstum in Gang zu setzen, stossen an ihre Grenzen.

Obwohl unsere Studie nicht spezifisch auf Europa ausgerichtet war, erlaubt sie doch wesentliche Aussagen mit Blick auf die Krise der südeuropäischen Staaten. Nach dem Zweiten Weltkrieg galt Südeuropa als Erfolgs­geschichte. Zwischen 1950 und 1990 verzeichneten ­Italien, Spanien, Portugal und Griechenland ein Pro-Kopf-Wachstum von durchschnittlich über 4% pro Jahr. Wachstumsmotoren waren Industrieinvestitionen und die Adaptation von Technologien.

Die Frontier-Volkswirtschaften hingegen (wie die USA, Grossbritannien oder die Schweiz) kamen in derselben Periode auf ein durchschnittliches Wachstum von 2,2%. Die Differenz impliziert einen raschen Konvergenzprozess: 1950 betrug Italiens Pro-Kopf-BIP kaufkraftbereinigt ein Drittel desjenigen der Schweiz, 2000 erreichte Italien 80% des Schweizer Niveaus. Selbst in dieser Blütezeit verfügte Italien weder über stabile politische Institu­tionen noch eine effiziente Verwaltung – Korruption war alltäglich. Der Wettbewerb war kaum ausgeprägt und der Bildungsstand der Arbeitsbevölkerung niedriger als in Nordeuropa. In Spanien, Portugal und Griechenland war der institutionelle Rahmen ähnlich dürftig. Auch diese Länder kamen in der Phase investitionsbasierten Wachstums auf beachtliche Expansionsraten.

In Italien setzte der Abwärtssog in den Neunziger­jahren ein, als der wachsende Bedarf an politischen und wirtschaftlichen Reformen durch den Aufstieg von Silvio Berlusconi erstickt wurde – Sinnbild für eine von Filz und Korruption durchdrungene Elite, die ihren Reichtum auf den Verbindungen zur politischen Macht aufgebaut hatte. Unfähig zu Reformen und nicht imstande, den Übergang in die Phase innovationsgetriebenen Wachstums zu bewerkstelligen – und bedrängt durch den Wettbewerb aus Ostasien –, stiess Italiens Wirtschaft an ihre Grenzen. Im Jahr 2000 machte das italienische Pro-Kopf-BIP 120% des Durchschnitts der 28 EU-Staaten aus; 2008, vor Ausbruch der Krise, hatte es sich auf 104% zurückgebildet.

Danach wurde die Lage schlimmer, dennoch ist es nicht die Rezession, die für Italien den Wendepunkt zum Abstieg markierte – er hatte schon vorher begonnen. Die Krise in Spanien setzte später ein. Das Land war von einem niedrigeren Wohlstandsniveau aus gestartet und konnte länger wachsen, ohne zu innovationsgetriebenem Wachstum übergehen zu müssen. Zudem half die Blase auf dem Immobilienmarkt, die Krise hinauszuzögern.

Was heisst das für die Zukunft? Erleben Spanien und Italien bloss einen Abschwung, wenn auch einen lang anhaltenden? War ihr Kurs nicht zukunftsfähig? Oder um es in der Sprache der Börse auszudrücken: Was ist Italiens und Spaniens Substanzwert? Fundament des Wohlstands einer Nation sind die Fähigkeiten und Kenntnisse ihrer Bevölkerung. Humankapital entscheidet über die Leistungsfähigkeit der Arbeitskräfte, über Innovationsfähigkeit sowie die Fähigkeit, Konflikte zu bewältigen.

Die OECD hat zwei aufschlussreiche Studien publiziert. Die wohlbekannte Pisa-Studie erfasst den Kenntnisstand von Fünfzehnjährigen in Sprachen, Mathematik und Naturwissenschaften. Und die Survey of Adult Skills misst bei Menschen im erwerbsfähigen Alter die Fähigkeiten in Lesen, Schreiben und Rechnen sowie das Problemlösungsvermögen im technologisierten Umfeld.

Die Studien belegen, dass die Unterschiede zwischen Nord und Süd in Europa in Sachen Humankapital grösser sind als die Differenz im Pro-Kopf-Einkommen. Die Kluft ist über sämtliche Tests hinweg frappierend. So schneiden in Spanien und Italien 24% der Fünfzehnjährigen in Mathematik sehr schlecht ab – rund doppelt so viele wie in der Schweiz. Am anderen Ende der Skala ist die Verteilung genau umgekehrt: Top-Leistungen erbringen in Spanien und Italien 8 bis 10%, in der Schweiz sind es 21%.

Wettbewerb wird ausgehebelt

Das Muster wiederholt sich bei Erwachsenen: Der Anteil schlechter Leistungen in Lesen und Schreiben beträgt in Italien und Spanien 28%; in Finnland sind es 11%, in Deutschland 17%. Sehr gut schneiden weniger als 5% ab – in Finnland 22%, in Deutschland 11%. Und die südeuropäischen Länder erzielen nur wenige Punkte, wenn es um die Computertechnologie geht. Die Ergebnisse lassen sich nicht damit erklären, dass die südlichen Länder ­ärmer sind: Staaten mit noch tieferem Pro-Kopf-Einkommen (Polen, Slowenien, Estland) schneiden systematisch besser ab. Da es keine signifikanten Unterschiede zwischen den angeborenen Fähigkeiten gibt, muss die Differenz in der Qualität der Bildungspolitik liegen.

Die Erwachsenen-Studie fördert einen weiteren Faktor zutage: Während in Nordeuropa vor allem Niedrigqualifizierte arbeitslos sind oder schlechte Jobs haben, ist der Zusammenhang zwischen Qualifikationen und Position im Erwerbsleben im Süden wenig ausgeprägt. Ein grosser Anteil der knappen Fertigkeiten wird im Arbeitsmarkt nicht effizient genutzt. Viele kompetente Menschen bekleiden keine Führungspositionen. Zahlreiche strategische Positionen wiederum werden von Niedrigqualifizierten besetzt. Das deckt sich mit dem Eindruck, dass in Südeuropa leistungs- und kompetenzbasierter Wettbewerb durch Beziehungen und Netzwerke ausgehebelt wird: Wen man kennt, ist wichtiger, als was man kann.

Das ist in Entwicklungsländern üblich, kommt Frontier-Volkswirtschaften aber teuer zu stehen. Ganz zu schweigen davon, dass hochqualifizierte junge Menschen in Spanien und Italien angesichts der Perspektive, dass Leistungen in ihrer Heimat nicht gewürdigt werden, im Umfeld zunehmender Mobilität auf dem globalen Arbeitsmarkt das Land verlassen und ihr Glück anderswo suchen. Diese katastrophalen Zustände liessen sich beheben. Nur: Bis Reformen im Bildungssektor Früchte tragen, vergeht viel Zeit. Das ist wohl der Grund, warum sie auf der politischen Agenda selten weit oben figurieren.

Leser-Kommentare