Meinungen

Wächter der Unabhängigkeit

Jerome Powell löst nun Janet Yellen an der Spitze der US-Notenbank ab. Er muss die Eigenständigkeit der Geldpolitik verteidigen. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Christoph Gisiger.

«Zehn Jahre nach der Krise wird Inflationsdruck für das Fed ernsthaft zum Thema.»

Als Thomas McCabe an diesem Freitagabend Anfang Dezember 1950 bei sich zu Hause das Telefon abnimmt, ist dem damaligen Chairman des Federal Reserve bereits klar, dass es kein angenehmes Gespräch wird.

Am anderen Ende ist Präsident Harry Truman persönlich, der wütend in den Hörer schnaubt. Zwischen den beiden Männern herrscht seit längerem dicke Luft. Weil der Inflationsdruck rasch steigt, ist McCabe entschlossen, die Zinsen zu erhöhen.

Das versetzt Truman in Rage, denn es treffen alarmierende Nachrichten aus Fernost ein, wo sich der Krieg um Korea intensiviert und bedeutende Rüstungsausgaben erforderlich sind.

Die US-Regierung muss dafür Geld am Bondmarkt aufnehmen und ist auf günstige Finanzierungskosten angewiesen. Barsch verlangt der Präsident deshalb, dass sich die Notenbank «strikt» an ihre bisherige Linie halte und die Zinsen nicht antaste.

Was sich nach dieser hitzigen Unterredung in Washington abspielte, gehört zu den dramatischsten Abschnitten in der Geschichte des Federal Reserve. Es ging um die institutionelle Unabhängigkeit der Notenbank – den Grundpfeiler einer erfolgreichen Geldpolitik.

Sie zu verteidigen, könnte zur wichtigsten Aufgabe von Jerome Powell werden, der am Samstag sein Amt als mächtigster Währungshüter der Welt antritt und am Montag offiziell vereidigt wird.

Anders als McCabe im Winter 1950/51 muss der neue Fed-Chef zwar nicht unmittelbar einen Ausbruch der Teuerung befürchten, doch im Weissen Haus hat mit Donald Trump ein unberechenbarer Präsident das Sagen, der nicht den geringsten Respekt vor staatlichen Institutionen hat und selbst ranghöchste Vertreter seines Kabinetts attackiert.

Powell steht in seiner vierjährigen Amtszeit ohnehin ein Balanceakt bevor, der Notenbankern nur selten gelingt: das optimale Zinsniveau zu finden, das die Konjunktur weder überhitzt noch abwürgt.

Dass es Amerika wirtschaftlich besser geht, reflektieren die Daten seit Monaten. Die Konsumenten sind in Kauflaune, Unternehmen verspüren Zuversicht, und die Arbeitslosenrate ist auf dem niedrigsten Stand seit Ende 2000.

Es scheint nur eine Frage der Zeit, bis die Löhne und die Preise generell anziehen. Das sorgt für Bewegung am Bondmarkt, wo sich die Renditen auf US-Staatsanleihen nach oben schrauben. Zehn Jahre nach der Krise wird Inflationsdruck für das Fed ernsthaft zum Thema.

Kein traditioneller Notenbankchef

Jerome Hayden Powell, der in seinem Umkreis informell mit «Jay» angesprochen wird, ist sich dieser Herausforderung bewusst. Dass der zurückhaltend wirkende 64-Jährige, der als Hobby Gitarre spielt, der erste Fed-Chairman seit fast vierzig Jahren ohne ökonomischen Bildungshintergrund ist, muss dabei kein Nachteil sein.

Nach dem Doktortitel in Jurisprudenz an der Georgetown University in Washington arbeitete er als Banker für das New Yorker Investmenthaus Dillon, Read & Co. und stieg später zum Partner der Private-Equity-Firma Carlyle auf.

Als Republikaner war er zur Zeit von George H. W. Bush für das Schatzamt tätig und gehört als Fed-Gouverneur seit 2012 dem Gremium der US-Notenbank an. Mit einem deklarierten Vermögen von 20 bis 55 Mio. $ ist er dort das weitaus reichste Mitglied.

Sein Lebenslauf ist dem von Tom McCabe nicht unähnlich. Als Chef des Papierherstellers Scott Paper kam dieser ebenso aus der Privatwirtschaft, arbeitete im Zweiten Weltkrieg für die Regierung und brachte als Chairman der Philadelphia Fed Erfahrung in der Geldpolitik mit.

Schon vor seiner Amtszeit hatte die US-Notenbank mit dem Banking Act von 1935 einen wichtigen Schritt zur politischen Unabhängigkeit gemacht. Im Krieg stellte sie sich aber pflichtbewusst in den Dienst des Schatzamts.

Um die Finanzierung der Rüstungsausgaben zu erleichtern, senkte sie die kurzfristigen Zinsen ab 1942 unter 0,375% und drückte die Rendite auf langfristige Schatzpapiere durch den Kauf von Anleihen unter 2,5%. Als es in der Nachkriegszeit dann darum ging, die Zinsen zu normalisieren, nahmen Spannungen mit der Regierung zu.

Um klarzustellen, wer der «Boss» ist, setzte Präsident Truman im Frühjahr 1948 kurzerhand den langjährigen Notenbankchef Marriner Eccles ab und ernannte McCabe für den Posten.

Die Gefahr ist gross, dass Powell in eine vergleichbare Situation gerät. Wie im Zweiten Weltkrieg hat sich das Federal Reserve im Zug der Wirtschaftskrise durch massive Eingriffe in die Finanzmärkte in eine politisch heikle Lage gebracht.

Unter der abtretenden Notenbankchefin Janet Yellen hat es begonnen, die unkonventionellen Massnahmen rückgängig zu machen. Von Powell wird erwartet, dass er den Kurs seiner Vorgängerin fortsetzt.

Schon Ende 2018 dürfte der Leitzins in den USA damit weiter gegen 2,5% steigen. Das ist historisch betrachtet zwar weiterhin niedrig, doch nach all den Jahren mit Zinsen von nahezu null ist unklar, wie gut die Wirtschaft das verkraften wird.

Auch hat das Fed im Herbst ein automatisches Programm zum Abbau seiner riesigen Bilanz lanciert, womit sich die Geldpolitik zusätzlich verschärfen wird. Hinzu kommt, dass das Fed international bislang die einzige bedeutende Notenbank ist, die ihre Geldpolitik normalisiert. Nun wollen andere Zentralbanken, allen voran die EZB, das ebenfalls in Angriff nehmen.

Es würde nicht überraschen, wenn die Finanzmärkte darauf empfindlich reagieren. In einem solchen Fall dürfte Powell bald Zorn aus dem Weissen Haus auf sich ziehen, rechnet es sich Trump doch als grosses Verdienst an, dass an der Börse fast täglich neue Kursrekorde gefeiert werden.

Entsprechend wird er einen Schuldigen suchen, wenn es Turbulenzen gibt. Hinzu kommt, dass sich die Staatsverschuldung bereits auf besorgniserregendem Niveau bewegt und wegen der Steuerkürzungen jetzt noch schneller wächst.

Gemäss der Budgetbehörde CBO wird sie 2020 auf fast 18 000 Mrd. $ steigen, was rund 85% der US-Wirtschaftsleistung entspricht. Diese enorme Last wird die Regierung einschränken, vor allem wenn die Zinsen anziehen.

Mit diesem Problem sah sich das Weisse Haus auch Anfang 1951 konfrontiert, als kommunistische Truppen mit der Hilfe Chinas die koreanische Halbinsel aufrollten und durch eine mögliche Beteiligung der Sowjetunion ein dritter Weltkrieg drohte.

«Fake News» und schmutzige Tricks

Um das Fed unter Druck zu setzen, griffen Präsident Truman und sein Schatzminister John Snyder damals zu schmutzigen Tricks. Das Weisse Haus streute Falschmeldungen, und ein Verbindungsmann spielte der Presse vertrauliche Informationen aus dem Vorsitz der Notenbank zu.

Ähnliche Praktiken lassen sich heute in Washington beobachten, um das FBI und die Ermittlungen in der Russlandaffäre zu desavouieren. Trump attackiert jede Behörde, die sich ihm in den Weg stellt, und beschimpft Regierungsvertreter, hohe Beamte und Politiker aus beiden Lagern.

In einer Konfrontation mit Powell wird er zudem auf Unterstützung des rechten Flügels der Republikaner zählen können, der die Kompetenz der Notenbank schon lange einschränken will.

McCabe erreichte im Streit mit dem Präsidenten schliesslich einen Kompromiss. Auf Basis des Treasury-Fed Accord vom 4. März 1951 half die Notenbank der US-Regierung noch ein letztes Mal, Geld günstig am Bondmarkt aufzunehmen. Dann hob sie die Zinskontrolle auf. Erbittert trat McCabe vorzeitig zurück, worauf Truman mit William McChesney Martin einen engen Mitarbeiter des Schatzamts als Nachfolger installierte.

Unter dem neuen Vorsteher werde sich das Fed fortan wieder bereitwillig der Regierung unterordnen, glaubte man zunächst in Washington. Das erwies sich bald als Trugschluss.

Von Truman später als «Verräter» bezeichnet, reformierte Martin das Federal Reserve zu einer eigenständigen Institution, wobei die Übereinkunft vom Frühjahr 1951 als historischer Schlüsselmoment der modernen Geldpolitik gilt. Wie lange es wohl dauern wird, bis sich Jerome Powell entscheiden muss, auf welcher Seite er steht?

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