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Währungsordnung und internationale Sicherheit

Die wesentliche Botschaft von 1931 und 1971 besagt, dass chaotische finanzielle Übergangsphasen zugleich eine Sicherheitsherausforderung darstellen. Ein Kommentar von Harold James.

Harold James
«Plötzlich ist es deutlich wahrscheinlicher, dass das alte Sicherheitssystem auf Arten auf die Probe gestellt wird, die vorher undenkbar erschienen. Im aktuellen Fall werden sich aller Augen auf die baltischen Staaten und auf Taiwan richten.»

In diesem Jahr sind grosse Jubiläen in der Geschichte der internationalen Währungsordnung zu vermerken. Am 15. August war es fünfzig Jahre her, dass US-Präsident Richard Nixon «das Goldfenster geschlossen» hatte, und am 21. September sind es neunzig Jahre, seit die britische Regierung das Pfund Sterling vom Goldstandard gelöst hatte. Obwohl beide Episoden in die Währungsgeschichte gehören, reichen ihre Folgen über den Finanzbereich hinaus. Jede markiert das Ende eines kompletten internationalen Sicherheitssystems.

Die Weltordnung des 19. Jahrhundert war um die britische imperiale Macht herum aufgebaut, als deren Grundlage der Goldstandard diente. Er wurde durch die Erwartung aufrechterhalten, dass – selbst wenn er in Kriegszeiten ausgesetzt war – das Ende der Feindseligkeiten der Währung die Rückkehr zum Goldwert der Vorkriegszeit erlauben würde. Das Versprechen eines konstanten Goldwerts schuf ein Element der Glaubwürdigkeit, das es einer Regierung in Kriegszeiten erleichterte, Kredite aufzunehmen und so die Kosten des Konflikts zu tragen.

Weil der Goldstandard lange als finanzielles Fundament des britischen Weltmachtstatus gedient hatte, kehrte das Land nach dem Ersten Weltkrieg zu ihm zurück. Doch die Kosten erwiesen sich als zu hoch. 1931 war klar, dass eine Abkehr vom Gold erforderlich sein würde, um mehr Spielraum für eine Politik des lockeren Geldes zu schaffen, die letztlich die Erholung von der Grossen Depression antreiben würde.

Goldstandard und Völkerbund

Das Vereinigte Königreich stellte zudem nach dem Ersten Weltkrieg fest, dass es seine frühere Stellung im Zentrum der globalen Sicherheitsordnung nicht ohne weiteres zurückerlangen konnte. Stattdessen versuchte es, sich seinen Einfluss durch Schaffung einer neuen Institution zu bewahren: des Völkerbundes. Vielen Briten erschien dieser Vorläufer der Vereinten Nationen als Verbesserung des alten Systems des Gleichgewichts der Kräfte. Er legte einen klaren rechtlichen Kodex für internationales Verhalten sowie die Grenzen für «Aggression» fest. Aus Sicht anderer Länder jedoch nahm sich der Völkerbund als durchsichtiges Vorhaben aus, das darauf ausgelegt war, die britischen Interessen zu schützen.

Am 18. September 1931 – wenige Tage bevor das Pfund vom Gold abgekoppelt wurde – zerstörte die japanische Armee die Glaubwürdigkeit des Völkerbundes als Bollwerk gegen Aggression. Durch einen fingierten Vorfall in Mukden (heute der chinesischen Stadt Shenyang), den es als einen Akt chinesischer Sabotage darstellte, schuf Japan einen Vorwand, um in die Mandschurei einzumarschieren und sie sich einzuverleiben. Der Völkerbund war machtlos angesichts derartiger Machenschaften. Dabei unterstrich die japanische Provokation lediglich einen Punkt, den Kritiker des Völkerbundes schon früher geäussert hatten: Aggression ist ein relatives Konzept.

Auch der «Nixon-Schock» ist als Teil eines umfassenden systemischen Wandels in der globalen Sicherheitsordnung zu verstehen. Es waren die Kosten des langen Scheiterns der USA in Vietnam, die den amerikanichen Bundeshaushalt strapazierten und die Umstellung auf eine inflationäre Finanzierung bewirkten, die andere Länder verärgerte.

Risse im System sind erkennbar

Amerikas jetzige Demütigung in Kabul ist ein Echo dieser älteren Momente eines offenkundigen imperialen Zusammenbruchs. Wie der Zerfall der Ordnung des Völkerbundes in der Welt der Zwischenkriegszeit und der Zusammenbruch der amerikanischen Position in Vietnam war die Wiedereroberung Afghanistans durch die Taliban keine Überraschung. In jedem dieser Fälle steuerte die Entwicklung seit Jahren auf das verheerende Ende zu.

Dies ist etwas, was Zusammenbrüche von Währungs- und Sicherheitssystemen gemeinsam haben. Jeder kann die Risse im System bereits lange vorher erkennen, doch leugnen Wirtschaftspolitiker und Sicherheitsverantwortliche bis zum letzten Moment ihre Absicht, den Status quo aufzugeben. Kommt dann der Zusammenbruch, verläuft er zwangsläufig chaotisch (weil niemand bei der Vorbereitung darauf ertappt werden durfte). Die Glaubwürdigkeit der vorherrschenden Seite ist urplötzlich dahin, und schon bald folgt eine Abkehr von der betreffenden Währung bzw. dem betreffenden Land.

Die Nachwehen derartiger Episoden können sogar noch chaotischer sein, so wie in der Zwischenkriegszeit. Ein häufiges Merkmal eines Systemzusammenbruchs ist, dass dabei ein komplettes Bündnisnetz unmittelbar diskreditiert wird. Daher ist Afghanistan nicht bloss für die US-Regierung ein Fiasko, sondern auch für jede andere mit ihr verbündete Regierung. Plötzlich ist es deutlich wahrscheinlicher, dass das alte Sicherheitssystem auf Arten auf die Probe gestellt wird, die vorher undenkbar erschienen. Im aktuellen Fall werden sich aller Augen auf die baltischen Staaten und auf Taiwan richten.

Es müssen nicht China und Russland sein

Diese Unsicherheiten schaffen die Notwendigkeit für eine neue, lebensfähigere und nachhaltigere politische Ordnung, die nicht von dem erschöpften Hegemonen abhängt. Doch es ist töricht, zu glauben, dass es nur einen Pol globaler Stabilität geben kann (oder sollte) – als ob es die USA allein sein mussten, die im 20. Jahrhundert die Briten ablösten, oder es China sein muss, das die heute von den USA geräumte Position übernehmen wird. Es gibt stets Alternativen, und die Spannung zwischen ihnen ist häufig ein Quell tiefer Instabilität. Das hegemoniale Gerangel zwischen einem revisionistischen Japan, Russland und Deutschland während der Zwischenkriegszeit ist hierfür ein Musterbeispiel.

Zudem kann von neuen Akteuren ein neues Denken ausgehen. In Reaktion auf die Covid-19-Krise wird heute überall die Politik verändert. Anders als von den Kommentatoren häufig suggeriert, ist es keineswegs klar, dass Russland oder China unweigerlich von Amerikas Demütigung profitieren werden. So könnte etwa Indien in der zentral- und südasiatischen Politik eine viel grössere Rolle übernehmen.

Veränderte Dynamik in der EU

In ähnlicher Weise verändert sich nach dem Brexit die Dynamik innerhalb der Europäischen Union. Frankreich und Deutschland, die während des grössten Teils der Nachkriegszeit die zentrale Achse der europäischen Politik bildeten, erscheinen zunehmend müde und selbstbezogen. Beide steuern auf Wahlen zu, die von innenpolitischen Fragen bestimmt werden – oder, im Fall von Deutschlands einschläferndem Wahlkampf, themenlos sind. Derweil produziert Italien unter seinem Ministerpräsidenten Mario Draghi neue Ideen und formuliert eine Vision, wie Europa auf globale Bedrohungen wie die Pandemie und den Klimawandel reagieren kann.

Man sollte bei der Suche nach einem neuen Weg voran die wesentliche Botschaft von 1931 und 1971 beherzigen. Chaotische finanzielle Übergangsphasen stellen zugleich eine Sicherheitsherausforderung dar. Nur durch die Wiederherstellung eines lebensfähigen Systems zur Steuerung zwischenstaatlicher Beziehungen lässt sich Finanzstabilität gewährleisten. Eine stabile internationale Politik ist tendenziell Voraussetzung für die Schaffung einer neuer Finanzordnung.

Copyright: Project Syndicate.

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