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Währungsabwertung ist keine Erfolgsgarantie

Wie stark könnten südeuropäische Euroländer ihre Exporte steigern, wenn sie eine eigene Währung hätten, die sie abwerten könnten?

Alexander Trentin

Von rechten und linken Kommentatoren wird Spanien, Portugal und Griechenland empfohlen, aus dem Euro auszutreten und ihre zurückgewonnene Währung abzuwerten. Eine schwächere Währung macht die Exporte eines Landes billiger und damit wettbewerbsfähiger. Die Löhne sinken im internationalen Vergleich – dies ist um einiges einfacher politisch durchzusetzen als eine deflationäre «interne Abwertung» durch die Senkung der Löhne in der heimischen Währung.

Von der linken Seite ist es etwa Paul Krugman, der Spanien in seinem Blog das Beispiel Grossbritannien empfohlen hat. Hier habe die Abwertung des britischen Pfunds die heimische Wirtschaft gerettet. Der reale – kaufkraftbereinigte – Wechselkurs Grossbritanniens ist seit 2007 um 20% gefallen, in Spanien nur um etwa 2%:

Real Exchange Rates
Quelle: Paul Krugman

Die gleiche interne Abwertung, die im Vereinigten Königreich ohne Mühe erreicht worden sei, bräuchte gemäss Krugman viele Jahre in Spanien, wenn sie denn überhaupt möglich sei:

Britain effortlessly achieved a real depreciation that, if it’s possible at all, will take years and years of mass unemployment in Spain.

Rechts von Krugman meldet auch Hans-Werner Sinn, Präsident des Münchner Ifo-Instituts und bekanntester Ökonom Deutschlands, Zweifel an der Möglichkeit einer internen Abwertung an. So warnt er:

Versucht Griechenland die innere Abwertung im Euroraum, gibt es ein Hauen und Stechen, weil Millionen von Löhnen und Güterpreisen gesenkt werden müssen. Außerdem werden viele Firmen der Realwirtschaft in den Konkurs getrieben, weil die Preise ihrer Immobilien fallen, während die Bankschulden bleiben.

Auch an den Rändern des politischen Spektrums in Deutschland gibt es eine seltene Übereinstimmung – etwa zwischen der Linken und der Anti-Euro-Partei Alternative für Deutschland (AfD) –, dass die Europeripherie ausserhalb der Währungsunion mit Deutschland besser aufgehoben wäre.

Gegen diese Argumentation werden oft die unkalkulierbaren Kosten angeführt, die bei einem Euroaustritt entstünden. Doch auch der Erfolg einer schwächeren Währung wird in Frage gestellt. So sieht etwa der britische Journalist Philippe Legrain Grossbritannien gar nicht auf Erfolgskurs, trotz «müheloser Abwertung». Die Abwertung um 20% seit der Finanzkrise habe weder das Handels- noch das Leistungsbilanzdefizit des Landes verkleinert. Grossbritannien verzeichnet sogar ein grösseres Leistungsbilanzdefizit als 2007. Dagegen ist in Spanien der Leistungsbilanzsaldo von 10 auf 1,1% gesunken.  Und das nicht nur wegen des Zusammenbruchs der Importe, sondern auch wegen der stark gestiegenen Exporte (nach Volumen, nicht in Euro):

UK Imports Exports
Quelle: Eurostat / Philippe Legrain

Die Exportstatistiken verschweigen aber die weniger sichtbaren Vorteile, die Grossbritannien durch die eigene Währung geniesst. Die Bank of England konnte in der Finanzkrise die Finanzierung der Banken und der Staaten garantieren, während sich Spanien auf eine zögerliche EZB verlassen musste. Durch die Unsicherheit in Spanien stiegen die Risikoaufschläge für spanische Staatsanleihen, Bankbonds und auch die Zinsen der Unternehmenskredite. Die Bereinigung der Bankbilanzen – und das damit verbundene Deleveraging (Entschuldung der Finanzinstitute) – ist für Grossbritannien viel weniger schmerzvoll als für Spanien.

Die Geldpolitik der EZB war und ist für spanische Verhältnisse weiter viel zu restriktiv – und die spanische Wirtschaft würde sich über ein Quantitative-Easing-Programm (Kauf von Staatsanleihen), wie es die Bank of England unternimmt, freuen. So fährt die EZB gemäss der Taylor-Regel, die auf Inflation und Produktivitätslücke (Output Gap) basiert, eine viel zu restriktive Zinspolitik für die Eurozone.

Vielleicht hat die Pfundabwertung keinen Exportboom ausgelöst. Aber die jetzige Deflationsphase in Spanien hat viele Menschen in Arbeitslosigkeit und Armut getrieben, eine eigenständige Geld- und Währungspolitik hätte viel effektiver gegensteuern können. Gegen einen Euroaustritt sprechen aber die möglicherweise verheerenden Kosten eines solchen.

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