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Wann kommt der Tech-Wandel in der Bildung?

Dozenten an Hochschulen fürchten wegen technologischen Wandels um ihre Arbeitsplätze. Ihr Vorteil: Sie haben enorme Macht über ihre Institution. Ein Kommentar von Kenneth Rogoff.

Kenneth Rogoff
«Gäbe es mehr Umbrüche innerhalb des Elfenbeinturms, wären die Volkswirtschaften womöglich besser für die Umbrüche ausserhalb gewappnet.»

Zu Beginn des Internet-Zeitalters in den frühen Neunzigerjahren schien eine Explosion akademischer Produktivität in Reichweite. Doch es kam nichts. Stattdessen entwickeln sich die Lehrmethoden an Hochschulen und Universitäten – wo man sich rühmt, massenhaft kreative Ideen zur Modernisierung der Gesellschaft hervorzubringen – weiterhin im Schneckentempo.

Freilich haben PowerPoint-Präsentationen die Wandtafel abgelöst, «offene Online-Vorlesungen» verzeichnen oftmals mehr als 100’000 Anmeldungen (obwohl die Zahl der wirklich engagierten Studierenden tendenziell weit geringer ist), und in sogenannten Flipped Classrooms treten aufgezeichnete Unterrichtseinheiten an die Stelle von Hausaufgaben, während die Zeit im Klassenzimmer mit der Diskussion dieser Hausaufgaben verbracht wird. Doch angesichts der zentralen Rolle der Bildung in der Steigerung der Produktivität stellt sich die Frage, ob sich die Bemühungen zum Wiederbeleben der sklerotischen westlichen Ökonomien nicht auf das Neuerfinden der höheren Bildung konzentrieren sollten.

Man kann verstehen, warum sich der Wandel in der Grund- und der Sekundarstufe, wo man mit massiven sozialen und politischen Hindernissen zu kämpfen hat, so langsam vollzieht. Aber Hochschulen und Universitäten verfügen über viel umfangreichere Möglichkeiten für Experimente; tatsächlich ist das in vielerlei Hinsicht ihr Daseinszweck.

Wieso nicht Video-Vorlesungen?

Welchen Sinn hat es beispielsweise, dass in den USA jedes College seine eigenen höchst individuellen Einführungsvorlesungen zu Kernthemen wie Grundlagen höherer Mathematik, Volkswirtschaft und amerikanische Geschichte anbietet, an denen oftmals 500 Studierende oder noch mehr teilnehmen? In manchen Fällen sind diese Massenvorlesungen zwar grossartig, aber jeder, der in den USA ein College besucht hat, weiss, dass dies nicht die Norm ist.

Zumindest im Fall von Einführungsvorlesungen mit hoher Teilnehmerzahl stellt sich die Frage, warum sich Studierende nicht aufgezeichnete Vorlesungen der weltbesten Professoren und Vortragenden ansehen, so wie wir dies auch mit Musik, Sport und Unterhaltung machen. Damit ist kein Einheitsbrei-Szenario gemeint: Es könnte einen wettbewerbsorientierten Markt dafür geben, so wie er für Lehrbücher bereits besteht, und etwa ein Dutzend Lehrende könnte grosse Teile dieses Marktes beherrschen.

Videos könnten im Rahmen von Modulen angeboten werden, sodass eine Universität beispielsweise ein Paket für den ersten Teil einer Vorlesung und ein völlig anderes Paket für den zweiten Teil auswählen könnte. Professoren könnten trotzdem Live-Vorlesungen zu ihren Lieblingsthemen in ihr Programm aufnehmen, allerdings eher als besonderes Ereignis und nicht als langweilige Routine.

Grosses Potenzial für Software und Apps

Der Wechsel zu aufgezeichneten Vorlesungen ist nur ein Beispiel. Das Potenzial für die Entwicklung spezialisierter Software und Apps zur Förderung höherer Bildung ist immens. Es wird bereits mit der Verwendung von Software experimentiert, die dabei hilft, die individuellen Herausforderungen und Defizite einzelner Studierender zu verstehen und Lehrende anzuleiten, wie sie möglichst konstruktives Feedback geben. Bislang allerdings finden derartige Initiativen noch in sehr begrenztem Umfang statt.

Möglicherweise gestalten sich die Veränderung im tertiären Bildungsbereich deshalb so schleppend, weil Lernen eine zutiefst zwischenmenschliche Angelegenheit ist und menschliche Lehrer deshalb unerlässlich sind. Aber hätte es nicht mehr Sinn, wenn man den Grossteil der Lehrtätigkeit dafür aufwenden würde, die Studierenden zu aktivem Lernen durch Diskussionen und Übungen zu motivieren statt für manchmal drittklassige Vorlesungen?

Ja, ausserhalb der traditionellen Präsenzuniversitäten sind einige bemerkenswerte Innovationen erkennbar. Die Khan Academy hat einen wahren Schatz an Kursen zu verschiedensten Themen herausgebracht und zeigt sich besonders stark in der Vermittlung grundlegender Mathematikkenntnisse. Obwohl es sich bei dem Zielpublikum um Schüler höherer Schulen handelt, erweist sich ein grosser Teil des Materials auch für Studierende (oder andere Interessierte) als durchaus nützlich.

Enormer Widerstand

Ausserdem gibt es einige grossartige Webseiten wie etwa Crash Course und Ted-Ed, wo kurze, allgemein gehaltene Unterrichtsvideos zu einer grossen Themenvielfalt von Philosophie über Biologie und Geschichte angeboten werden. Doch obwohl sich eine geringe Zahl innovativer Professoren dieser Methoden bedient, um ihre Kurse aufzufrischen, beschränkt der enorme Widerstand anderer Lehrender die Grösse des Marktes und erschwert auch die Argumentation für die Investitionen, deren es bedarf, um raschere Veränderungen herbeizuführen.

Seien wir doch ehrlich: Die Lehrenden an Hochschulen und Universitäten sind genauso wenig wie andere Gruppen darauf erpicht, dass die Technologie ihren Arbeitsplatz gefährdet. Aber anders als die meisten Arbeiter haben die Lehrenden an Universitäten enorme Macht über die Verwaltung der Institution. Jeder Rektor, der versucht, sich über Mitglieder des Kollegiums hinwegzusetzen, verliert in der Regel früher seine Stelle als jeder Lehrende.

Ineffiziente Mittelverwendung

Freilich wird der Wandel letztlich eintreten, und wenn das geschieht, wird der potenzielle Effekt auf Wirtschaftswachstum und soziale Sicherheit enorme Ausmasse annehmen. Es ist schwierig, dafür eine exakte Summe anzugeben, denn wie bei so vielen Dingen in der modernen Welt der Technologie lässt sich die volle soziale Wirkung auch bei Bildungsausgaben nicht erfassen. Allerdings gehen die konservativsten Schätzungen von einem riesigen Potenzial aus. In den USA entfallen 2,5% des BIP (ungefähr 500 Mrd. $) auf den tertiären Bildungssektor, und dennoch wird ein grosser Teil des Geldes ziemlich ineffizient ausgegeben. Bei den wahren Kosten handelt es sich allerdings nicht um verschwendetes Steuergeld, sondern um die Tatsache, dass die jungen Menschen von heute viel mehr lernen könnten, als sie es derzeit tun.

Universitäten und Hochschulen kommt eine zentrale Rolle in der Zukunftsgestaltung unserer Gesellschaften zu. Doch angesichts der beeindruckenden und anhaltenden Fortschritte in Technologie und künstlicher Intelligenz ist schwer erkennbar, wie sie diese Rolle weiterhin ausfüllen sollen, wenn sie sich in den nächsten zwei Jahrzehnten nicht selbst neu erfinden. Innovationen in der Bildung werden für einen Umbruch in der Beschäftigungslage in der Wissenschaft sorgen, aber die Vorteile für Arbeitsplätze in allen anderen Bereichen könnten enorm sein. Gäbe es mehr Umbrüche innerhalb des Elfenbeinturms, wären die Volkswirtschaften womöglich besser für die Umbrüche ausserhalb gewappnet.

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