Eingeloggt Nicht eingeloggt Suche E-Mail Leseliste Aktiv auf Leseliste Drucken Uhr E-Mail Term-Tag Arrow Left Arrow Right Arrow Down Arrow Up Charts Lock Abo Circle Circle Open Six Exchange Six Exchange Facebook Twitter Linkedin Xing Googleplus Whatsapp
Meinungen

Wann platzt die Blase?

Teodoro D. Cocca
«Die passive Selbstgefälligkeit der Märkte könnte bald ein Ende finden.»
Nach fast neun Jahren Börsenhausse fragt sich, was der narrative Auslöser einer Korrektur sein könnte. Ein Kommentar von Teodoro D. Cocca.

Alle grossen spekulativen Blasen der Geschichte waren von einer einfachen, plausiblen und populären Ansicht begleitet, die als Erklärungs- und Rechtfertigungsgrund für die exorbitant hohen Bewertungen herhielt.

Spekulative Blasen ähneln somit sozialen Epidemien. Die Basis bilden Gedankenkonstrukte, die sich wie ein Virus mit hoher Geschwindigkeit unter den Marktakteuren verbreiten. Eine hohe Ansteckungsgefahr besteht vor allem bei kristallklaren, anschaulichen und logisch nachvollziehbaren Gedanken.

Es ist gerade die Einfachheit des Arguments und nicht seine Raffiniertheit, die die Stärke der Verbreitung begründet. Das allen einleuchtende grenzenlose Zukunftspotenzial der neuen Internettechnologie rechtfertigte beispielsweise rund um das Jahr 2000 logisch und rational scheinbar jegliche Aktienbewertung.

Eine anhaltende Abweichung des Preises eines Wertpapiers vom weithin als fundamental betrachteten Wert ist die Definition einer spekulativen Blase. Nun lässt sich gerade derzeit trefflich über die in der Definition enthaltenen Kernbegriffe debattieren. Klar ist jedem, dass die Ansichten darüber, was ein fundamentaler Wert ist, weit auseinandergehen können und dieser durch den Marktkonsensus festgelegt wird – er stellt also die durchschnittliche Ansicht aller Marktakteure dar. Was aber führt dazu, dass die Meinung oder Stimmung in der Herde der Akteure in die Gegenrichtung kippt? Was kann der sprichwörtliche Tropfen sein, der das Fass in der aktuellen Marktphase zum Überlaufen bringt?

Fed, Facebook & Co.

Das vorherrschende Narrativ (das heisst das sinnstiftende Erzählmotiv, mit dem die Marktakteure die beobachteten Einzelereignisse in einen Gesamtkontext stellen und damit für sich selbst erklärbar machen) der vergangenen Jahre ruht auf zwei starken Argumentationslinien. Erstens: Notenbanken fluten die Märkte massiv mit Liquidität, was die Preise steigen lässt. Zweitens: Aufgrund der Nullzinspolitik sind Aktien (bzw. «Risky Assets») alternativlos.

Überlagert wurde dieses Narrativ in den vergangenen Jahren durch eine «Internetwelle der zweiten Generation», die mit dem Erfolg der sogenannten FANG-Aktien (Facebook (FB 179.9875 -0.11%), Amazon (AMZN 1188.5 0.79%), Apple (AAPL 176.5833 1.5%), Netflix (NFLX 189.8 -0.17%), Google (GOOGL 1079.77 0.72%)) symbolisiert wird. Gegenwärtig wird dies ergänzt durch die unablässige mediale Präsenz von Bitcoin als Sinnbild einer zukünftigen Cyber-Welt, in der Begriffe wie Kryptowährungen, künstliche Intelligenz, Fintech und Virtual Reality zu einer einheitlichen verheissungsvollen Zukunftsvision verschmelzen.

Was für eine neue Nachricht hätte nun das Potenzial, in diese narrative Gedankenwelt Zweifel zu säen und eine Implosion der aktuellen Blase – wenn es denn wirklich eine sein sollte – zu bewirken? Natürlich könnte jederzeit ein exogenes Schockereignis zu einem abrupten Ende der Hausse führen. Derzeit konzentrieren sich die meisten Analysen auf mögliche realwirtschaftliche averse Szenarien, die die Hausse abrupt beenden könnten  (China, Nordkorea, Trump etc.). Aber was, wenn die Stimmung kippt, ohne dass sich realwirtschaftlich Faktisches verändert? Was könnte als endogener «Trigger» eine Gegenbewegung auslösen?

Der Inhalt einer solchermassen als «Trigger News» zu bezeichnenden Nachricht könnte eine Befürchtung bestätigen, die sich in den Köpfen vieler Anleger bereits als vage zweifelndes Denkkonstrukt eingenistet hat. Die neue Information wirkt nun als kognitiver Katalysator. Die induzierte Bewusstmachung lässt die latente Ahnung zu einer festen Überzeugung mutieren. Die «Trigger-Information» wirkt hierbei als Auslöser, obwohl sich der Stimmungsumschwung der Akteure höchstwahrscheinlich bereits lange vorher aufgebaut hatte.

Dieses Umfeld einer grundsätzlichen Offenheit für negative Nachrichten kann mit dem Konzept des «Embodied Knowledge» erklärt werden. Dieser Ansatz bezieht sich auf das Wissen, das dem einzelnen Individuum spezifisch ist und sich nur «in seinem Kopf» finden lässt. Die Verarbeitung von neuen Informationen ist durch die bereits vorhandenen Informationen beeinflusst. Umgekehrt verändern neue Informationen auch das vorhandene Wissen. Dieser Mechanismus kann sich sowohl auf individueller Ebene als auch für ein ganzes System abspielen.

Eine Phase, in der die Marktteilnehmer trotz oberflächlichem Optimismus eine hohe Empfänglichkeit für negative Nachrichten haben, könnte sich nächstens herausbilden. Obwohl jede negative Nachricht bisher vom Markt mit geradezu irritierender Gelassenheit aufgenommen wurde, beobachtet man gegenwärtig die medial omnipräsente Debatte, wann die lang andauernde Hausse enden wird. Die Konsensusmeinung ist, dass sich die Anzeichen eines überbewerteten Marktes mehren, sich aber keine irrationale Übertreibung wie in vergangenen Blasen aufgebaut hat.

Eine Illusion, der man in jeder Blase unterliegt, was auch wiederum viele Analysten erwähnen – und dennoch grosszügig und konsequent verdrängen. Der Glaube an die Möglichkeit averser Szenarien scheint vollkommen abhandengekommen zu sein, wie die niedrige Put-Aktivität oder die Volatilitätserwartungen belegen. Ein psychologisch äusserst verletzlicher Zustand, dessen kognitive Wende von zwei Flanken her kommen könnte.

Diese passive Selbstgefälligkeit der Märkte könnte bald ein Ende finden, sobald sich die Einsicht durchsetzen sollte, dass die Notenbankpolitik derzeit eine Zäsur erfährt und eine neue Marktphase eingeläutet wird. Setzen die Notenbanken ihren leisen und graduellen Rückzug fort, so kommt dem Markt eines der wichtigen  oben genannten lange Zeit vorherrschenden Narrative abhanden. Selbst dann, wenn diese Zäsur in kleinen Schritten stattfindet, setzt sich diese Erkenntnis irgendwann bei einer Mehrheit der Investoren durch und bildet ab diesem Moment das neue Konsensusnarrativ.

Der Verlust des Glaubens daran, dass Notenbanken wie bis anhin bei Marktturbulenzen ihre Instrumente massiv zur Marktstützung einsetzen, birgt deshalb aufgrund seiner Bedeutung und Klarheit enorme Sprengkraft. In dieser Hinsicht könnte ein bedeutender Wandel des herrschenden Denkmodells anstehen, der eine Veränderung der allgemeinen Risikowahrnehmung implizieren könnte. Eine Nachricht, die genau dieses neue Gegennarrativ mit unmissverständlicher Erzählkraft transportiert, hätte das Potenzial zur gesuchten Trigger-Nachricht.

ICO-Boom weckt Erinnerungen

Das zweite narrative Muster mit viel Veränderungskraft ist rund um den Bitcoin-Hype zu orten. Wohin man gegenwärtig auch kommt, mit welchen Bankern man dieser Tage auch spricht, die heftigsten Kopfschüttler lassen sich immer dann beobachten, wenn die Diskussion auf das Thema der Kryptowährungen kommt. Die enorme Zahl an ICO (Initial Coin Offerings) erinnert in frappierender Weise an die vielen Internet-IPO vor rund zwei Jahrzehnten. Heute wie damals lässt sich feststellen, dass Investoren in bestimmten Phasen in besonders hohem Mass bereit sind, einen hohen Preis für eine sehr ungewisse Vision zu zahlen.

Auch wenn Kryptowährungen wie Bitcoin faktisch ein zu geringes Volumen vereinen, um ein systematisches Risiko darzustellen – als Stimmungskiller würde es allemal genügen. Medial ist Bitcoin ein narratives Schwergewicht, weil es als euphorisches Sinnbild einer technologischen Welt von morgen steht. Somit hätte ein Bitcoin-Crash die globale mediale Aufmerksamkeit auf sicher und könnte das Gegennarrativ zum Bild einer grenzenlosen digitalen Zukunft anschaulich und nachvollziehbar verbreiten.