Meinungen

Warnung vor Stromknappheit

Die Elektrizitätskommission skizziert Versorgungslücken im Winterhalbjahr – und wird kaum gehört. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Peter Morf.

Peter Morf
«Zur Sicherheit und Reserve muss in der Schweiz auf Gaskraftwerke zurückgegriffen werden. »

Seit Jahren schon warnt die Eidgenössische Elektrizitätskommission ElCom vor Stromversorgungslücken jeweils im Winterhalbjahr. Die ElCom weiss, wovon sie spricht: Sie ist die unabhängige staatliche Aufsichtsbehörde im Elektrizitätsbereich. Die ElCom wird wohl gehört in der Politik. Der Bundesrat will die Wasserkraft (etwas) ausbauen und hat die Zielwerte für erneuerbare Energien erhöht. Wie Kommissionspräsident Werner Luginbühl diese Woche an der Jahresmedienkonferenz der Kommission ausführte, sind diese Massnahmen zwar richtig, aber nicht ausreichend.

Die Behörden setzen im Zeichen grüner Energie- und Umweltpolitik andere Prioritäten: Die Schweiz soll dekarbonisiert werden. Dabei betrachtet Bern allerdings schwergewichtig die Verbrauchsseite, die Produktionsseite erhält nicht die nötige Aufmerksamkeit. So bleibt die ElCom die einsame Ruferin in der Energiewüste.

Ihre Mahnungen sollten jedoch dringend ernst genommen werden. Gemäss der ElCom-Auslegeordnung zur Versorgungssicherheit dürfte die Lücke im Winter schon in wenigen Jahren 10 TWh oder mehr betragen. Importe in diesem Ausmass sind technisch grundsätzlich möglich, doch, das ist ein erster kritischer Punkt, mit derart hohen Einfuhren läuft das System am Limit, ohne jede Sicherheitsmarge. Das ist nicht zu verantworten.

Zudem stellt sich die Frage nach der Exportfähigkeit der Nachbarländer. Heute deckt die Schweiz die Lücke im Winter mit Importen aus Deutschland (Kohlestrom) und aus Frankreich (Atomstrom). Gemäss der Auslegeordnung der ElCom wird die Exportfähigkeit dieser Lieferanten in den kommenden Jahren sinken. Deutschland legt bis 2022 die letzten Kernkraftwerke still und will bis 2038 auch aus der Kohleverstromung aussteigen. Frankreich will die Erzeugung aus Kernkraft deutlich zurückfahren. Italien und Österreich möchten bis 2030 ebenfalls aus Kohle und Gas aussteigen und verfügen über keine Kernkraftwerke.

Für die Schweiz kommt erschwerend hinzu, dass mit dem bald zu Abstimmung gelangenden revidierten CO2-Gesetz Schritte zur Dekarbonisierung angebahnt werden, was zwar den Pariser Klimazielen entspricht, jedoch die Stromversorgung belastet: Das Gesetz befasst sich nur mit der Verbrauchseite, sprich mit der Elektrifizierung.

Die simple Frage lautet: verfügt die Schweiz über genügend Strom für diesen Umbau? Stichworte sind in erster Linie die E-Mobilität sowie der geplante Ersatz fossiler Heizsysteme. Beides wird die Nachfrage nach Strom massiv erhöhen. Die Winterlücke wird also in Zukunft eher grösser als kleiner.

Was ist zu tun? Auch die ElCom spricht von einem Ausbau der erneuerbaren Energien. Immerhin ist sich Kommissionspräsident Luginbühl bewusst, dass parallel dazu entsprechende Backup-Kapazitäten bereitgestellt werden müssen, die sofort einspringen können, wenn weder der Wind weht noch die Sonne scheint – was in der Schweiz sehr oft der Fall ist.

Aufgrund der Situation in den Nachbarländern kann nicht einfach angenommen werden, dass die Importe jeweils beliebig erhöht werden können. Das gilt umso mehr, als mit dem Nein des Bundesrats zum Institutionellen Rahmenabkommen das angestrebte Stromabkommen mit der EU vorerst vom Tisch ist.

Das heisst nichts anderes, als dass zur Sicherheit und Reserve in der Schweiz auf Gaskraftwerke zurückgegriffen werden müsste; der Bau neuer Kernkraftwerke ist gesetzlich verboten. Die Bereitstellung dieser Kapazitäten müsste unverzüglich in Angriff genommen werden.

Dadurch würden sich jedoch nicht nur die Fixkosten der Stromerzeugung massiv erhöhen; zugleich würde die Dekarbonisierung zum Wunschtraum. Die Schweiz, deren Stromerzeugung bis heute nahezu CO2-frei ist, träte damit, absurd genug, ins fossile Zeitalter ein.

Zum Schluss machte Luginbühl bewusst auf Deeskalierung. Er wolle keinen Alarmismus verbreiten, die Stromversorgung der Schweiz sei für die nächsten Jahre gesichert. Wenn er sich da nur nicht täuscht.

Leser-Kommentare

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Martin Mäder 04.06.2021 - 17:13

Schweizer Strompolitik nach dem Motto “sehenden Auges auf den Abgrund zu fahren”. Ich erwarte in nicht allzu weiter Zukunft zunehmend “Hickups” in der Stromversorgung, also temporäre Black-outs. Neben politischen Ermahnungen könnte F+W auch Anlagen empfehlen in Firmen, die zuverlässige und günstige Notstromaggregate verkaufen und installieren … Ich schaue mich bereits um.

mlehgm 08.06.2021 - 14:28

Zuständige Ingenieure in Österreich haben bereits die Regierung aufgefordert, dass sie die Bürger wieder anweisen solle, Notvorräte anzulegen. Grund dafür ist, dass bereits im letzten Jahr schon 3 x das Stromnetz in der EU zusammengebrochen sei und man mit der Grünen Politik mit massiven Zuwächsen an Kapazitätsproblemen rechne.