Dossier-Bild Ein Artikel aus dem Dossier Nonvaleur
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Wo friedliche Weinhändler kaum je Kaffee tranken

Der Kelch, den die rätselhafte, in eine Toga gehüllte Frauengestalt – vielleicht die altgriechische Friedensgöttin Eirene? – in die Höhe reckt, dürfte Wein enthalten. Béziers, das Städtchen im Languedoc, wo sich einst dieses Café de la Paix befand, lebte und lebt vom Weinbau und vom Branntweinhandel. Dies dank des Canal du Midi, der die nahe am Mittelmeer gelegene Stadt über Toulouse an den Atlantik bindet. So wurde Béziers zum Umschlagplatz für Alkohol. Erbauer des Kanals war im 17. Jahrhundert ein Sohn der Stadt, Pierre-Paul Riquet; an der nach ihm benannten Allee lag das Café de la Paix.

Die von 1920 stammende Aktie des dem Frieden geweihten Gasthauses (der schreckliche Weltkrieg war gerade erst vorüber) ist eines der dekorativsten historischen Wertpapiere überhaupt. Es wäre der grossen Schwester des kleinen Etablissements in der südfranzösischen Provinz würdig: des berühmten Café de la Paix in Paris.

Hier jedoch, in Béziers, gibt es heute anscheinend nicht mal mehr ein Haus dieses Namens. Die Kaffeehaus-Herrlichkeit, wohl inspiriert vom grossen Pariser Vorbild (keine Rarität; schliesslich findet sich noch manchenorts ein Café de la Paix, hierzulande zum Beispiel in Genf), muss in Béziers von kurzer Dauer gewesen sein. Immerhin, die abgebildeten Häuser – links das schmucke Stadttheater – stehen noch. Im früheren Café, wo einst trotz des Namens gewiss mehr Wein als Kaffee serviert wurde, bietet nun ein Supermarché seinen Ramsch feil. O tempora o mores.

Languedoc-Roussillon ist das grösste Weinbaugebiet Frankreichs; mit fast 250 000 Hektar Rebfläche und 12 Mio. Hektolitern Erzeugung etwa doppelt so gross wie das weit berühmtere Bordelais. Jeder dritte Liter französischen Weins kommt aus der Region Languedoc-Roussillon. Im Umland von Béziers, in den Coteaux du Languedoc, finden sich Lagen wie Picpoul-de-Pinet, Cabrières, Faugères, Saint-Chinian oder La Clape – wer kennt sie nicht?

Vielmehr: Wer sie nicht kennt, sollte vielleicht, sobald das Reisen wieder angezeigt ist, nach Béziers fahren. Önologisch lohnt sich das heute mehr als zu Zeiten des Café de la Paix, mehr als noch vor wenigen Jahrzehnten, denn Massenware lohnt(e) den Umweg nicht. Edle Tropfen werden in dieser Region erst seit den Achtzigerjahren gekeltert, von altehrwürdigem Renommee à la Bordeaux oder Burgund kann noch nicht die Rede sein. Doch statt Geschichte haben Grands Crus aus Languedoc-Roussillon Zukunft.

An geeigneten Cafés für den gepflegten Weingenuss fehlt es in Béziers nicht; wer es «politically incorrect» mag, setze sich gegenüber der durchaus belebten Stierkampfarena hin. Wie sagte der unlängst verstorbene britische Philosoph Roger Scruton: «Wein, getrunken zur rechten Zeit, am rechten Ort und in der rechten Gesellschaft, ist der Pfad zur Meditation und der Bote des Friedens.»