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Warum «Big Oil» sich selbst liquidieren sollte

Anatole Kaletsky, London
«ExxonMobil, Shell und BP können nicht länger hoffen, mit saudi-arabischen, iranischen oder russischen Unternehmen zu konkurrieren.»
Die westlichen Ölgesellschaften sollten ihre bestehenden Ölreserven so schnell wie möglich verkaufen und den resultierenden Geldregen an ihre Aktionäre ausschütten. Ein Kommentar von Anatole Kaletsky.

Die Tatsache, dass sich die Ölpreise nun in einem langfristigen Korridor von 30 bis 50 $ pro Barrel eingependelt haben, hat Energieverbraucher überall in den Genuss einer jährlichen Einkommenssteigerung von mehr als 2 Bio. $ gebracht. Das Nettoergebnis wird fast mit Sicherheit ein verstärktes weltweites Wachstum sein, denn Nutzniesser dieser enormen Einkommensumverteilung sind überwiegend Haushalte mit geringem bis mittlerem Einkommen, die ihren gesamten Verdienst auch ausgeben.

Natürlich wird es auch einige grosse Verlierer geben – überwiegend die Regierungen der ölproduzierenden Länder, die, solange sie können, von ihren Reserven zehren und Kredite an den Finanzmärkten aufnehmen werden, statt die öffentlichen Ausgaben zu senken. Dies ist schliesslich der bevorzugte Ansatz der Politiker, besonders wenn sie Kriege führen, sich gegen geopolitischen Druck stemmen oder Volksaufstände bekämpfen.

Aber nicht alle Produzenten werden gleich viel verlieren. Eine Gruppe nimmt tatsächlich scharfe Einschnitte vor: die westlichen Ölgesellschaften, die Einschnitte im Volumen von rund 200 Mrd. $ bei ihren Investitionen angekündigt haben. Dies hat zur Schwäche der weltweiten Aktienmärkte beigetragen; dabei könnten die Aktionäre der Ölgesellschaften paradoxerweise von der neuen Ära billigen Öls letztlich in erheblichem Umfang profitieren.

Ölsuche ist eine Fehlallokation von Kapital

Dabei muss nur eine Voraussetzung erfüllt sein. Die Geschäftsleitungen der führenden Energieunternehmen müssen sich der wirtschaftlichen Realität stellen und ihre verschwenderische Besessenheit, neue Ölvorkommen zu erkunden, aufgeben. Die 75 grössten Ölgesellschaften investieren noch immer mehr als 650 Mrd. $ jährlich, um fossile Brennstoffe in immer schwierigeren Umgebungen zu finden und zu erschliessen. Dies ist eine der grossen Fehlallokationen von Kapital in der Geschichte – wirtschaftlich machbar nur aufgrund künstlich erhöhter Monopolpreise.

Doch das Monopol sieht sich harten Zeiten ausgesetzt. Geht man davon aus, dass eine Kombination aus der Erschliessung von Schieferölvorkommen, ökologischem Druck und Fortschritten in der Erzeugung sauberer Energie das Opec-Kartell weiter lähmen wird, dürfte Öl nun wie jeder andere Rohstoff in einem normalen Wettbewerbsumfeld gehandelt werden, wie das zwischen 1986 und 2005 der Fall war. Und je stärker den Investoren diese neue Wirklichkeit bewusst wird, desto stärker werden sie sich auf ein grundlegendes Prinzip der Wirtschaft besinnen: das der Grenzkostenpreisbildung.

In einem normalen Wettbewerbsumfeld werden die Preise durch die Kosten der Produktion von einem zusätzlichen Barrel Öl auf dem billigsten Ölfeld mit zusätzlicher Kapazität bestimmt. Dies bedeutet, dass alle Vorkommen in Saudi-Arabien, dem Iran, dem Irak, Russland und Zentralasien komplett erschlossen und verbraucht sein würden, bevor irgendwer sich auch nur die Mühe macht, Vorkommen unter dem Eis der Arktis, in den Tiefen des Golfs von Mexiko oder Hunderte von Meilen vor der brasilianischen Küste zu erschliessen.

Der Iran könnte für 1 $ pro Fass fördern

Natürlich laufen die Dinge in der realen Welt nie so einfach ab wie in einen Wirtschaftslehrbuch. Geopolitische Spannungen, Transportkosten und Infrastrukturengpässe haben zur Folge, dass die ölverbrauchenden Länder bereit sind, einen Aufpreis zu bezahlen, um die Sicherheit ihrer Energieversorgung zu gewährleisten – was auch die Anhäufung strategischer Reserven auf ihrem eigenen Territorium einschliesst.

Trotzdem gilt angesichts einer angeschlagenen Opec im Grossen und Ganzen der folgende Grundsatz: ExxonMobil, Shell und BP können nicht länger hoffen, mit saudi-arabischen, iranischen oder russischen Unternehmen zu konkurrieren, die nun den exklusiven Zugang zu Vorkommen haben, die mit Gerät gefördert werden, das technisch nicht ausgereifter ist als die «Tiefpumpen» des 19. Jahrhunderts. Der Iran etwa behauptet, Öl für nur 1 $ pro Barrel zu produzieren. Seine problemlos zugänglichen Vorkommen – deren Umfang im Nahen Osten nur hinter demjenigen Saudi-Arabiens zurückbleibt – werden mit Aufhebung der internationalen Wirtschaftssanktionen rasch erschlossen werden.

Für die westlichen Ölgesellschaften besteht die rationale Strategie darin, die Ölexploration einzustellen und zu versuchen, ihren Gewinn durch Bereitstellung von Ausrüstung, geologischem Know-how und neuen Technologien wie Fracking an die ölproduzierenden Länder zu erwirtschaften. Ihr letztliches Ziel jedoch sollte sein, ihre bestehenden Ölreserven schnellstmöglich zu verkaufen und den resultierenden Geldregen an ihre Aktionäre auszuschütten, bis alle ihre billigen Ölfelder erschöpft sind.

Ein Fall für «Heuschrecken»

Sollten sich die Geschäftsleitungen der Ölgesellschaften weigern, auf diese Weise ihr Geschäft aufzugeben, könnten aktivistische Aktionäre oder «Heuschrecken» es für sie tun. Brächte ein Konsortium privater Investoren die rund 90 Mrd. $ auf, um BP zum aktuellen Kurs aufzukaufen, könnte es sofort beginnen, 10,5 Mrd. Barrel nachweislich bestehender Reserven zu liquidieren, deren Wert sich selbst zum gegenwärtigen «schwachen» Preis von 31 $ pro Barrel auf rund 320 Mrd. $ beläuft.

Dass es dazu bisher noch nicht gekommen ist, hat zwei Gründe. Die Geschäftsleitungen der Ölgesellschaften glauben immer noch mit quasi religiösem Eifer an eine endlos wachsende Nachfrage und immer weiter steigende Preise. Daher ziehen sie es vor, Geld auf die Suche nach neuen Vorkommen zu verschwenden, statt die Auszahlungen an ihre Aktionäre zu maximieren. Und sie verwerfen verächtlich die einzig andere plausible Strategie: die Abkehr von Investitionen in die Erschliessung neuer Ölvorkommen und hin zu neuen Energietechnologien, die die fossilen Brennstoffe letztlich ersetzen werden.

Die Umwidmung von nur der Hälfte der 50 Mrd. $, die die Ölgesellschaften in diesem Jahr für die Erkundung neuer Vorkommen ausgeben dürften, würde die 10 Mrd. $ für die Erforschung sauberer Energien, die zwanzig Regierungen jüngst an der Pariser Klimakonferenz angekündigt haben, mehr als verdoppeln. Die finanzielle Rendite aus derartigen Investitionen wäre fast mit Sicherheit viel höher als diejenige aus der Ölexploration. Doch wie ein BP-Direktor antwortete, als ich ihn fragte, warum sein Unternehmen weiter Tiefwasserbohrungen riskiere, statt in alternative Energien zu investieren: «Wir sind im Ölbohrgeschäft, und damit kennen wir uns aus. Warum sollten wir unsere Zeit und unser Geld ausgeben, um in neuen Technologien mit General Electric oder Toshiba zu konkurrieren?»

Gefahr verlorener Vermögenswerte

Solange die Förderbeschränkungen der Opec und die Ausweitung der billigen Ölfelder des Nahen Ostens die westlichen Ölgesellschaften vor der Grenzkostenpreisbildung schützten, war eine derartige Selbstgefälligkeit verständlich. Doch die Saudis und andere Opec-Länder scheinen nun erkannt zu haben, dass Förderbeschränkungen lediglich den amerikanischen Frackern und anderen zu hohen Kosten arbeitenden Produzenten Marktanteile überlassen, während ökologischer Druck und Fortschritte im Bereich der sauberen Energie ihr Öl in wertloses «verlorenes Vermögen» verwandeln, das sich nie wird nutzen oder verkaufen lassen.

Mark Carney, Gouverneur der Bank von England, hat gewarnt, dass das Problem verlorener Vermögenswerte die globale Finanzstabilität gefährden könne, wenn die durch globale und regionale Klimaabkommen implizierten «Kohlenstoffbudgets» die Vorkommen an fossilen Brennstoffen, die die Ölgesellschaften in ihren Bilanzen derzeit mit Billionen von Dollar bewerten, wertlos machen würden. Dieser ökologische Druck wirkt nun mit dem technologischen Fortschritt zusammen und senkt die Preise für Solarenergie beinahe auf das Niveau fossiler Brennstoffe.

Mit weiterer Verbesserung der Technologie und gleichzeitiger Verschärfung der Umweltbeschränkungen scheint es unvermeidlich, dass ein grosser Teil der bekannten Ölreserven der Welt dort bleiben wird, wo er ist – so wie schon der grösste Teil der bekannten Kohlevorkommen. Dem langjährigen saudischen Ölminister Scheich Zaki Yamani war dies schon in den Achtzigerjahren bewusst. «Die Steinzeit endete nicht deshalb», so warnte er seine Landsleute, «weil den Urmenschen die Steine ausgingen.»

Diese Botschaft scheint nun endlich auch bei der Opec angekommen zu sein, und sie scheint erkannt zu haben, dass das Ölzeitalter dem Ende zugeht. Die westlichen Ölgesellschaften müssen dieselbe Realität anerkennen, die Ölexploration einstellen und sich entweder für die Innovation oder für die Liquidation entscheiden.

Copyright: Project Syndicate.