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Warum Covid die Ungleichheit nicht verschärfen wird

Die Pandemie hat zwar Trends beschleunigt, die auf lange Frist die Nachfrage nach ungelernten Arbeitskräften verringern können, doch kurz- bis mittelfristig ist die Wirkung umgekehrt. Ein Kommentar von Daniel Gros.

Daniel Gros, Brüssel
«Ein ermutigendes Zeichen ist, dass der Lohnanteil – der Prozentsatz an der Gesamtwirtschaftsleistung, der an Arbeitskräfte ausgezahlt wird – in den Jahren 2020 und 2021 zugenommen hat.»

Während der akuten Phase der Covid-19-Pandemie im Frühjahr 2020, als ein grosser Teil der Bevölkerung in westlichen Ländern in den Wohnungen eingesperrt war, stürzte die Wirtschaft in eine tiefe Rezession. Diese traf Ungelernte und Minderheiten besonders hart. Zudem konzentrierten sich die Arbeitsplatzverluste, anders als bei früheren Rezessionen, in Branchen mit einem hohen Anteil an Arbeitnehmerinnen, weshalb zu Recht von einer «Siezession» gesprochen wurde.

Erste Anzeichen deuteten daher darauf hin, dass die Auswirkungen der Pandemie die Ungleichheit verschärfen würden. Doch die beiden folgenden Jahre boten Hinweise darauf, dass das nicht zwangsläufig der Fall sein wird.

Zunächst einmal wurden die unmittelbaren Auswirkungen tatsächlicher oder potenzieller Arbeitsplatzverluste auf das Einkommen der Menschen in den meisten entwickelten Ländern durch eine beispiellose staatliche Unterstützung ausgeglichen. In den USA erfolgte diese in Form von Schecks, die direkt an Millionen von Haushalten versandt wurden. In Europa finanzierten die meisten Regierungen massive kurzfristige Programme, bei denen der Staat die Kosten der Unternehmen für die Weiterbeschäftigung beurlaubter Arbeitnehmer übernahm.

Gini-Koeffizient bleibt stabil

Diese Massnahmen hatten zur Folge, dass die anfänglichen pandemiebedingten Arbeitsplatzverluste nicht zu niedrigeren Einkommen führten. Diejenigen, die mit grösster Wahrscheinlichkeit ihre Arbeitsplätze verloren, erhielten auch mit grösster Wahrscheinlichkeit generöse staatliche Unterstützung.

Infolgedessen verschlechterten sich jene Kennzahlen für die Ungleichheit nicht, die auf dem verfügbaren Einkommen basieren (d. h. dem Gesamteinkommen nach Berücksichtigung von Steuern und staatlichen Transferleistungen); in einigen Fällen verbesserten sie sich sogar leicht. Die weithin meistakzeptierte Messgrösse für die Einkommensungleichheit ist der sogenannte Gini-Koeffizient; dieser erhebt, wie stark die beobachtete Einkommensverteilung von einer absoluten Gleichheit abweicht. In den USA blieb der Koeffizient 2020 zwar sehr hoch, stieg jedoch nicht weiter.

In Europa ist das Muster ähnlich. Lauf einer Studie fiel die Einkommensungleichheit in den vier grössten Volkswirtschaften der EU (Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien) von Januar 2020 bis Januar 2021 sogar. Laut einer anderen Studie zeigen sowohl der Gini-Index als auch der offizielle EU-Indikator «Von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedrohte Personen», dass zielgerichtete staatliche Unterstützungsprogramme diese anfängliche Auswirkung neutralisiert haben (auch wenn die Ungleichheit ohne staatliche Massnahmen deutlich gestiegen wäre).

Es fehlt an Arbeitskräften, nicht an Anlagevermögen

Dieses Ergebnis zeigt, wie der Staat seine Rolle als Versicherer letzter Instanz ausüben kann, indem er anfällige Gruppen vor einer unerwarteten wirtschaftlichen Erschütterung von beispielloser Grössenordnung schützt. Mit fortschreitender Erholung der Konjunktur jedoch beenden die Regierungen nun ihre Covid-19-Unterstützungsprogramme, auch wenn das in Europa etwas langsamer geschieht als in den USA, wo dieser Prozess inzwischen weitergehend abgeschlossen ist. Bedeutet das, dass der Trend hin zu wachsender Ungleichheit von vor der Pandemie wieder Fahrt aufnimmt?

Auch hier gibt es erste Anzeichen, dass das Gegenteil der Fall sein könnte und dass sich in der postpandemischen Welt frühere Ungleichheitsmuster umkehren könnten. Die «Siezession» erwies sich als kurzlebiges Phänomen; die meisten Frauen betreffenden Arbeitsplatzverluste dauerten nur ein oder zwei Quartale. Ein weiteres ermutigendes Zeichen ist, dass der Lohnanteil – der Prozentsatz an der Gesamtwirtschaftsleistung, der an die Arbeitnehmer ausgezahlt wird – in den Jahren 2020 und 2021 zugenommen hat.

Der Lohnanteil war zuvor lange Zeit gefallen, was einer Vielzahl von Erklärungen Vorschub leistete. Die jüngste Erholung jedoch scheint logisch: Es gibt derzeit zu wenig Arbeitnehmer, um bestehendes Anlagevermögen zu betreiben. «Build back better» ist eine Fehlbezeichnung. Die Covid-19-Lockdowns haben kein Anlagevermögen vernichtet, sondern es lediglich für kurze Zeit stillstehen lassen. Die Erholung erfordert daher kein neues Anlagevermögen, sondern bloss den neuerlichen Einsatz dessen, was bereits vorhanden ist.

Zahl der Kündigungen steigt

Doch sind inzwischen weniger Arbeitskräfte verfügbar als zuvor; amerikanische Kommentatoren sprechen von der «grossen Kündigungswelle», die die Erwerbsbevölkerung – oder vielmehr den Anteil der erwachsenen Bevölkerung, der bereit ist, zum vorherigen Lohnniveau zu arbeiten – faktisch verkleinert hat. Die Unternehmen müssen nun höhere Löhne anbieten, um die Arbeitskräfte zu finden, die sie zur Ausweitung ihrer Produktion brauchen.

In Europa sind die Arbeitsmärkte weniger dynamisch, aber in den meisten EU-Mitgliedstaaten nimmt die Zahl der Kündigungen zu, auch wenn gebietsweise noch eine beträchtliche Arbeitslosigkeit besteht. Der höhere Bedarf an Arbeitskräften dürfte noch eine ganze Weile fortbestehen. Die Pandemie hat bereits bestehende Trends beschleunigt, die auf sehr lange Frist die Nachfrage besonders nach ungelernten Arbeitskräften verringern könnten, die jedoch kurz- bis mittelfristig die gegenteilige Wirkung haben dürften.

Der Online-Einkauf etwa, der in den meisten Teilen Europas eine Randerscheinung war, gewinnt inzwischen überall rapide an Beliebtheit. Infolgedessen werden nun viele Waren, die wir zuvor in reale Einkaufswagen legten, in Einkaufstaschen stopften und nach Hause trugen, inzwischen durch Personal abgeholt, verpackt, transportiert und zugestellt, das für seine Zeit und Mühe bezahlt werden muss.

Roboter und Drohnen: Später vielleicht

Die meisten dieser neuen Tätigkeiten sind ungelernter Art und werden in ferner Zukunft womöglich von Robotern, selbstfahrenden Lieferwagen oder Drohnen ausgeführt werden. Doch weil für die Zustellung auf dem letzten Kilometer heute immer noch Leute gebraucht werden, sind die Chancen Ungelernter, einen Arbeitsplatz zu finden, derzeit viel besser als früher.

In ähnlicher Weise prognostizierten vor einigen Jahren einige Kommentatoren eine Welt, in der ein grosser Teil der Arbeit von Robotern erledigt würde. Lastwagenfahrer etwa würden durch selbstfahrende Fahrzeuge arbeitslos gemacht werden. Heute jedoch ist ein Mangel an Fahrern einer der Faktoren, der die Erholung des industriellen Sektors von der Pandemie verlangsamt.

Aus wirtschaftlicher Sicht ist die Covid-19-Krise daher bisher deutlich besser verlaufen, als das im Hinblick auf die anfälligeren Segmente der Gesellschaft zunächst befürchtet wurde. Anfängliche Arbeitsplatz- und Einkommensverluste wurden durch grosszügige staatliche Unterstützung abgefedert, und die kraftvolle Erholung verbessert derzeit für viele Menschen die Beschäftigungsaussichten deutlich. Nun, da die Pandemie in ihr drittes Jahr eintritt, sollte zumindest dies Anlass zu Optimismus bieten.

Copyright: Project Syndicate