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Warum der Rubel so stark ist

Die russische Währung hat sich gegenüber dem Dollar seit Jahresanfang gut 40% aufgewertet. Das ist kein gutes Zeichen.

Für viele kommt es überraschend: Seit Anfang Jahr zeigt sich keine Währung so stark wie der Rubel. Gegenüber dem Dollar hat sich die russische Valuta gut 40% aufgewertet. Und das trotz der Sanktionen nach dem Einmarsch Russlands in der Ukraine. Dabei hatte der Rubel infolge der Invasion kurzzeitig noch fast die Hälfte seines Aussenwerts eingebüsst.

Seitdem wertet sich die Währung stetig auf. Der aktuelle Kurs von 53 Rubel/$ bedeutet, dass der Rubel so stark ist wie seit sieben Jahren nicht mehr (vgl. Grafik).

Dabei darbt die russische Wirtschaft unter den Sanktionen und dem damit verbundenen Ende der Wirtschaftsbeziehungen mit dem Westen sowie des Technologietransfers: «Der Betrieb ganzer Teilsektoren, von der Luftfahrt und der Verteidigung bis hin zu Finanzwesen, Tourismus und Technologie, hat ungewisse Aussichten», meinen die Analysten der Commerzbank.

Doch trotz der Abschottung steigt der Überschuss in der russischen Leistungsbilanz – die Exporte übertreffen die Importe in immer grösserem Ausmass. Ein positiver Saldo in der Leistungsbilanz lässt eine Währung tendenziell aufwerten, da das Ausland sie dann mehr nachfragt. Mit 58 Mrd. $ war der Überschuss im ersten Quartal rekordhoch (vgl. Grafik). Auch die neuesten Zahlen vom April zeigen einen steigenden Exportüberhang.

Einfuhren auf Zwanzigjahrestief

Neben der Umgehung von Sanktionen – indem Erdöl beispielsweise vermehrt nach China und Indien geliefert wird – und hohen Rohstoffpreisen zeugt der Exportüberschuss auch von einem wirtschaftlich verheerenden Faktor: Die Importe sind eingestürzt, sie betrugen im April nach Schätzungen unter 10 Mrd. $ und lagen damit so tief wie seit zwanzig Jahren nicht mehr.

Analysten von HSBC erklären: «Eine derart starke Position im Aussenhandel begünstigt die Rubelstärke umso mehr, als die Zentralbank die Zuflüsse nicht mehr über ihre täglichen Devisenkäufe ausgleicht und die Devisenkontrollen weiterhin streng sind.» Wo der faire Wert des Rubels liege, sei aktuell aber «äusserst schwierig» festzustellen.

Die Kapitalkontrollen machen es schwer, überhaupt Rubel loszuwerden. So ist es den russischen Banken bis September verboten, Devisen an Retailkunden zu verkaufen. Exporteure müssen die Hälfte ihrer Fremdwährungseinnahmen in Rubel eintauschen. Die Zahlungen von Gaslieferungen nach Europa werden über ein spezielles Konto nach Eingang direkt in Rubel getauscht.

Schon im März zeigte sich der Chefökonom des Bankenverbands International Institute of Finance (IIF), Robin Brooks, auf Twitter skeptisch gegenüber der Rubelstärke: «Die Erholung des Rubels sollte nicht für bare Münze genommen werden. Der Rubel ist in zunehmendem Masse eine manipulierte Währung, sodass seine Erholung nicht die Verbesserung der Fundamentaldaten, sondern lediglich weitere staatliche Interventionen durch die Zentralbank spiegelt.»

Unerwünschte Rubelstärke

Die Stärke des Rubels und die hohe Volatilität werden von russischen Politikern zunehmend als Problem gesehen. «Die Zentralbank hat mit Zinssenkungen begonnen, und die Behörden haben die Devisenkontrollen gelockert», berichten die Analysten von HSBC über bisherige Reaktionen. Diese Massnahmen haben die Aufwertung bisher aber nicht verhindert.

Daher hat der stellvertretende Premierminister Andrei Belousow diese Woche ein Wechselkursziel ins Spiel gebracht – der «optimale» Kurs liege zwischen 70 und 80 Rubel/$. Nach Medienberichten gibt es aber Widerstand seitens der Zentralbank gegen den Vorschlag, statt einem Inflations- ein Wechselkursziel zu verfolgen.

Der Rubel könnte sich dann schnell abwerten. «Der Krieg wird andauernde negative Konsequenzen für die Wirtschaft wie auch die Währung haben», zeigt sich HSBC überzeugt. Thomas Meissner, Researchleiter der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW), verweist auf die Möglichkeit eines Zahlungsausfalls auf russischen Fremdwährungsanleihen, da die Sanktionen die Zahlungen verhindern. Solch eine Entwicklung würde den künftigen Zugang Russlands zu ausländischen Kapitalmärkten erschweren.

Abwandernde ausländische Unternehmen, fehlende Importe von teils essenziellen Komponenten und der Ausschluss vom internationalen Zahlungsverkehr verheissen nichts Gutes für die russische Wirtschaft – trotz der Rubelstärke. Der IIF rechnet für dieses Jahr mit einem Rückgang des russischen BIP um 15%.

Wohin sich der Rubel entwickeln wird, hängt nun von westlichen Sanktionen, den russischen Kapitalverkehrskontrollen und dem weiteren Wirtschaftsverlauf ab. Würde dem Kapital erlaubt, ins Ausland abzufliessen, dürfte der Rubel schnell unter Druck kommen.