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Warum sich die Wirtschaftswissenschaft breiter aufstellen muss

Die Ökonomik braucht grössere Offenheit gegenüber interdisziplinären Ansätzen. Ein Kommentar von Mohamed A. El-Erian.

Mohamed A. El-Erian, New York
«Ohne erhebliche Anpassungen wird die etablierte Wirtschaftswissenschaft der sich wandelnden praktischen Realität weiterhin zwei Schritte hinterherhinken.»

Die Zunft der Ökonomen musste, nachdem die meisten ihrer führenden Vertreter von der globalen Finanzkrise von 2008 überrascht worden waren, eine Menge Prügel einstecken, und sie hat sich bisher nicht richtig davon erholt. Nicht nur waren die Jahre nach dem Crash von ungewöhnlich niedrigem, ungleichem Wachstum geprägt; wir erleben derzeit eine wachsende Liste wirtschaftlicher und finanzieller Phänomene, für die die Ökonomen so ohne weiteres keine Erklärung haben.

Genau wie Königin Elisabeth II., die im November 2008 fragte, warum niemand die Krise habe kommen sehen, betrachten viele Bürger die Fähigkeit der Ökonomen, wirtschaftliche Entwicklungen zu erklären und vorherzusagen oder gar der Politik sinnvolle Ratschläge zu geben, mit wachsender Skepsis. Gemäss einigen Umfragen rangieren die Ökonomen unter den Berufen, denen die Menschen am wenigsten vertrauen (nach den Politikern natürlich, deren Vertrauen die Ökonomen ebenfalls verloren haben). Eine solide wirtschaftswissenschaftliche Ausbildung gilt inzwischen nicht länger als Grundvoraussetzung für eine Spitzenposition in den Finanzministerien und den Notenbanken. Diese Marginalisierung hat die Fähigkeit der Ökonomen, auf Entscheidungen in ihr Fachgebiet unmittelbar betreffenden Fragen (d.h. dort, wo sie ihren komparativen und absoluten Vorteil zu haben glauben) einzuwirken und sie zu beeinflussen, weiter verringert.

Die Wirtschaftswissenschaft verdankt ihren sich verschlechternden Ruf weitgehend ihrem übertriebenen Verlass auf eigene, selbst verordnete Orthodoxien. Mit grösserer Offenheit gegenüber interdisziplinären Ansätzen und dem breiteren Einsatz von Analysetools besonders aus der Verhaltenswissenschaft und der Spieltheorie könnte die etablierte Wirtschaftswissenschaft anfangen, ihre Schwächen zu überwinden.

Sorgen um die Geldpolitik…

Drei Entwicklungen der jüngsten Zeit unterstreichen die Dringlichkeit dieser Herausforderung. In den zwölf Monaten zwischen den Jahrestagungen des Weltwirtschaftsforums 2018 und 2019 in Davos schwenkten die Teilnehmer von Begeisterung über eine synchronisierte weltweite Konjunkturerholung auf Sorge über einen synchronisierten globalen Abschwung um. Ungeachtet der Verschlechterung der europäischen Wachstumsaussichten scheinen weder Ausmass noch Tempo dieser Veränderung des Konsenses durch wirtschaftliche und finanzielle Entwicklungen gerechtfertigt zu sein, was nahelegt, dass die Ökonomen die ursprüngliche Lage falsch eingeschätzt haben könnten.

Ein zweiter Bereich, der zu Besorgnis Anlass gibt, ist die Geldpolitik. Die Ökonomen haben die Herausforderungen, denen sich die Kommunikationsstrategie des US Federal Reserve ausgesetzt sieht, noch immer nicht deutlich genug angesprochen, und das, obwohl selbst leichte Fehlzündungen wie im vierten Quartal des vergangenen Jahres wachstumsbedrohende Phasen schwerer finanzieller Instabilität auslösen können. Stattdessen halten sie bisher einfach an der Sicht fest, dass grössere Transparenz vonseiten des Fed immer eine gute Sache sei.

Wir haben seit der Ära des «Fedspeak» des ehemaligen Notenbankchefs Alan Greenspan (oder, um es mit Greenspans eigenen Worten zu sagen, seinem «ausgeprägt inkohärenten Genuschel») einen weiten Weg zurückgelegt. Doch dies wirft ein neues Problem auf: eine illusionäre Präzision. Das Fed veröffentlicht nun nach jeder Sitzung zur Geldpolitik Erklärungen, Protokolle, Mitschriften, Dotplots und gibt eine Pressekonferenz, was den Märkten ein Mass an Differenziertheit signalisiert, das in einer im Fluss befindlichen Welt erhöhter Unsicherheit nicht unbedingt realistisch ist.

…und Handelskonflikte

Statt sich schlicht der Ansicht anzuschliessen, dass mehr besser ist, sollten die Ökonomen das Fed zu einem Ansatz drängen, der stärker dem der Bank of England mit seinem Schwerpunkt auf Szenarienanalysen und Fächerdiagramme ähnelt. Die Ökonomen könnten zudem mehr tun, um auf die vom Fed verfolgte laufende Überprüfung seiner Rahmenpolitik und seiner Kommunikationsstrategie einzuwirken und sie womöglich gar zu beeinflussen. Schliesslich legt die wirtschaftswissenschaftliche Literatur zu asymmetrischen Informationen nahe, dass eine grössere Beteiligung ausserhalb des Fed angesiedelter Ökonomen angemessen und notwendig ist, um in diesem Punkt ein optimales Ergebnis zu erreichen.

Ein dritter Bereich, der Grund zur Sorge bietet, ist der Handelskonflikt zwischen den USA und China. Er ist aufgrund seiner politischen Beschaffenheit kontroverser. Bisher kaut die breite Mehrheit der Ökonomen das hergebrachte Argument wieder, dass (reale oder angedrohte) Zölle immer für alle schlecht seien. Damit ignorieren sie Arbeiten von Angehörigen ihrer eigenen Zunft, die zeigen, dass die versprochenen Vorteile des Handels zwar erheblich sind, aber durch imperfekte Märkte und Institutionen untergraben werden können. Um einen produktiven Beitrag zu dieser Debatte zu leisten, hätte man einen nuancierteren Ansatz unter Einsatz von Instrumenten aus der Spieltheorie verfolgen müssen, um zwischen dem Was und dem Wie der Handelskriegsführung zu unterscheiden.

Dies sind lediglich drei aktuelle Beispiele dafür, wie die Ökonomen gepatzt haben. Darüber hinaus tun sich die Ökonomen schwer, die jüngsten Entwicklungen bei der Produktivität, die Folgen der steigenden Ungleichheit, die Auswirkungen dauerhaft niedriger Zinsen in der Eurozone, die (durch den jüngsten geldpolitischen Schwenk der Europäischen Zentralbank verstärkten) längerfristigen Effekte unkonventioneller geldpolitischer Massnahmen und den plötzlichen Wachstumseinbruch in Europa zu erklären. Auch die Brexit-Saga und die explosionsartige Zunahme von Wut und Entfremdung von der Politik im Westen allgemein haben sie nicht vorhergesehen.

Viel Spielraum für Verbesserung

Nichts davon ist eine echte Überraschung angesichts der Verwendung übertrieben vereinfachender theoretischer Annahmen und des überzogenen Verlasses der Ökonomen auf mathematische Techniken, denen Eleganz wichtiger ist als Anwendbarkeit in der realen Welt. Die etablierte Wirtschaftswissenschaft legt einen viel zu starken Analyseschwerpunkt auf den Gleichgewichtszustand. Die Bedeutung von Übergängen und Wendepunkten – von Szenarien mit mehreren Gleichgewichtszuständen gar nicht zu reden – ignoriert sie weitgehend. Zudem haben die Ökonomen es mit schöner Regelmässigkeit versäumt, finanzielle Verknüpfungen, verhaltenswissenschaftliche Erkenntnisse und sich mit hoher Geschwindigkeit entwickelnde säkulare und strukturelle Kräfte wie die technologische Innovation, den Klimawandel und den Aufstieg Chinas angemessen in ihre Überlegungen einzubeziehen.

All dies sollte den Ökonomen sagen, dass noch eine Menge Spielraum für Verbesserungen besteht und dass sie den Anwendungsbereich ihrer Analyse ausweiten müssen, um zwischenmenschlicher Interaktion, Verteilungseffekten, finanzwirtschaftlichen Rückkoppelungseffekten und dem technologischen Wandel Rechnung zu tragen. Dabei darf es freilich nicht nur um die Entwicklung neuer Analysemodelle innerhalb des Feldes gehen; die Ökonomen müssen zudem Erkenntnisse anderer Fachgebiete einbeziehen, die sie bislang übersehen haben.

Voreingenommenheiten aufgeben

Eine lange durch «Hohepriester» beherrschte Disziplin muss sich nun gedanklich stärker öffnen. Das bedeutet, sie muss unbewusste Voreingenommenheiten eingestehen und zu beheben suchen, nicht zuletzt indem sie eine konzertierte Anstrengung unternimmt, um Inklusion und Vielfalt innerhalb des Feldes zu verbessern. Es bedeutet auch, sich stärker auf interdisziplinäre Ansätze und Verteilungseffekte zu konzentrieren und weniger auf die Reinheit mathematischer Modelle, Durchschnittsbedingungen und den Bauch von Verteilungskurven. Derartige strukturelle Veränderungen werden mehr und bessere geistige und institutionelle «Sicherheitszonen» erfordern, damit analytische Disruptionen gesteuert und in eine produktive Richtung gelenkt werden können.

Ohne erhebliche Anpassungen wird die etablierte Wirtschaftswissenschaft der sich wandelnden praktischen Realität weiterhin zwei Schritte hinterherhinken, und die Ökonomen riskieren einen weiteren Verlust an Glaubwürdigkeit und Einfluss. In einer Zeit der Besorgnis über den Klimawandel, politische Erschütterungen und technologische Disruption gilt es, die Schwächen der etablierten Wirtschaftswissenschaft schnellstens in Angriff zu nehmen.

Copyright: Project Syndicate.

Leser-Kommentare

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Markus Saurer 01.05.2019 - 00:10

Es wäre schon ein enormer Fortschritt, wenn die praxeologischen Methoden und die Ungleichgewichtsüberlegungen der Österreicher Schule vermehrt gelehrt und v.a. gelernt würden….