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Unternehmen / Energie

«Warum Strom sparen, wenn er sauber ist?»

Justus Haucap, Direktor des Düsseldorf Institute for Competition Economics, erklärt der FuW, welche Fehler die Schweiz auf dem Strommarkt nicht wiederholen sollte und welche Entwicklungen noch zu erwarten sind.

Herr Haucap, die Strompreise in Deutschland steigen rasant, und die Versorgungssicherheit leidet. Welche Fehler sollte die Schweiz nicht wiederholen?
Die Förderung erneuerbarer Energien wie Solar und Wind sollte sich von Anfang an schon an den Preisen auf dem Strommarkt orientieren, um nicht unnötig hohe Kosten zu verursachen. Zudem sollte die Schweiz den Umbau der Stromversorgung unbedingt technologieneutral angehen. Gerade als kleines Land kann sie eingebettet in Europa von der Vielfalt im Strommix der umliegenden Staaten profitieren, die Spezialförderung einzelner Technologien macht die Energiewende sehr teuer.

Wie lässt sich dies umsetzen?
Im deutschen Modell gibt es derzeit keinen Anreiz für die Betreiber von Erneuerbare-Energie-Anlagen, auf Überangebot zu reagieren und die Produktion zu drosseln. Das ganze Preisrisiko wird voll auf den Konsumenten überwälzt, der nichts dagegen tun kann. Die Erneuerbaren müssen endlich in die Verantwortung genommen werden, etwa mit einer Prämie auf den Marktpreis, aber nicht mit einer fixen Einspeisevergütung plus Abnahmegarantie. Im Prämienmodell erhalten Erneuerbare entsprechend weniger Vergütung, wenn der Marktpreis sinkt.

Was bringt das konkret?
Es wird nicht nur die Entscheidung beeinflusst, wann ein Produzent ins Netz einspeist, sondern auch, welchen Anlagentyp er baut. Heute besteht in Deutschland nur der Anreiz, alle Solaranlagen nach Süden auszurichten, um möglichst viel Strom zu produzieren, egal, wann. Warum gibt es keine Anlagen, die nach Osten oder Westen ausgerichtet sind? Die würden weniger Strom produzieren, aber viel werthaltigeren, weil in den Morgen- und den Abendstunden die Strompreise inzwischen höher sind. Das würde auch das Problem der schwankenden Einspeisung etwas entschärfen und eine Verstetigung über den Tag hinweg geben. Ähnliches gilt für Windkraft: Es gibt Anlagen, die Schwachwind besonders effizient nutzen und in Starkwindphasen weniger produzieren. Solche Optimierungsmöglichkeiten werden nur realisiert, wenn es aus dem Markt entsprechende Preissignale gibt.

Bedeutet eine Energiewende zwangsläufig steigende Kosten?
Wer behauptet, ein Umbau der Stromversorgung sei in irgendeiner Weise günstiger als das bisherige System, erzählt Unfug. Erneuerbare Energie ist in unseren Breiten noch nicht wettbewerbsfähig und kostet mehr als konventionelle Erzeugung. Würde alle Förderung für erneuerbare Erzeugung gestoppt, könnten sich neue Anlagen nicht am Markt behaupten. Ich mache mir Sorgen: Paradoxerweise sinken an der Strombörse die Preise, auch bedingt durch Überkapazitäten. Doch für Industrie und Haushalte gelten Preise, die durch staatliche oder staatlich induzierte Sonderlasten geprägt sind, in denen sich die Kosten der Energiewende spiegeln. Nur die Eigennutzung von selbst erzeugtem Solarstrom ist künstlich wettbewerbsfähig geworden, weil der übers Netz zu beziehende Strom durch die steigenden Subventionen so teuer geworden ist.

Wie sollten Erneuerbare gefördert werden?
Das marktnächste Modell ist das Quotenmodell. Es schreibt nur vor, wie viel Prozent der Stromproduktion aus erneuerbarer Quelle kommen sollen. Alle erneuerbaren Energien erhalten pauschal die gleiche Prämie auf den Marktpreis. Letztlich sind die regionalen Versorger die treibenden Kräfte: Sie beschaffen den Strom und müssen die entsprechenden Zertifikate zur Erfüllung ihrer Renewables-Quote aufbringen. Dass so ihre Kapitalkosten steigen werden, glaube ich nicht.

Warum nicht?
Dem liegt die naive Vorstellung zugrunde, dass Grünstromproduzenten jeden Tag ihren Strom über die Börse verkaufen. Aber das muss nicht so sein. Kein Stadtwerk beschafft sich den Strom zu 100% über die Börse. Da gibt es viele langfristige Verträge im Over-the-Counter-Markt oder in Beschaffungskooperationen. Dies minimiert für den Versorger das Preisrisiko. Wem es noch zu hoch ist, der kann selbst Windparks bauen, mit der kommunalen Finanzierung und günstigen Zinsen im Rücken sollte das zu schaffen sein.

Es gibt bereits Herkunftszertifikate für Grünstrom – lässt sich darauf aufbauen?
Zumindest in Deutschland soll grüner Strom am liebsten im Land erzeugt werden – ausländischer grüner Strom ist aus Sicht vieler Politiker nicht so gut. Ökonomisch gesehen kostet uns diese Haltung aber viel Geld – die Vorteile eines integrierten Herkunftsnachweishandels, der andere Länder umfasst, wären enorm und auch binnenmarktkompatibel. Strom, der in Deutschland unter der Erneuerbare-Energie-Gesetz-Förderung produziert wird, müsste dazu in den Handel mit einbezogen werden. Es gilt nur zu verhindern, dass EEG-Strom doppelt gefördert wird und auch eine Marktprämie erhält – die liesse sich etwa über die Netzbetreiber an die Konsumenten zurückgeben.

Müssten in einem fairen Wettbewerb eigentlich nicht alle Erzeugungsarten vom Zertifikatsystem erfasst werden und nicht nur die erneuerbaren Energien?
Dies zu beantworten, würde ich dem Markt überlassen – wenn es die Konsumenten wirklich interessiert und sie bereit sind, dafür einige Cent mehr auszugeben, warum nicht. Drei Viertel der Stromnachfrage in Deutschland sind industrieller und gewerblicher Natur, und dort zählt eher, ob der Strom günstig ist, und weniger, aus welcher Quelle er kommt.

Es werden auch Auktionsmodelle für Grünstrom diskutiert – was halten Sie davon?
Jeder, der mit öffentlichen Ausschreibungen zu tun hatte, weiss, dass dies ziemlich komplexe Verträge bedeutet. Gibt es sehr viele parallele Auktionen, können nur grosse Marktteilnehmer mithalten, das impliziert eine gewisse Konzentrationsgefahr. Auch kann ein Auktionsgewinner zwei Jahre später pleite sein – was geschieht dann? Und wer schreibt aus – der Regulierer, der Netzbetreiber oder sonst wer? Das sind alles Institutionen, die nicht im Wettbewerb stehen und die Kosten einfach überwälzen können. Deshalb sollten die Versorger selbst die Beschaffung managen, da sie im Wettbewerb stehen und ein Eigeninteresse an einer effizienten Beschaffung haben.

Solar- und Windkraftbetreiber beteiligen sich bisher kaum an Systemkosten wie dem Netzausbau. Wie lässt sich dies ändern?
Die Erzeuger sollten zusammen mit den Verbrauchern an den Ausbaukosten beteiligt werden, wie dies auch in anderen Ländern der Fall ist. Dies kann über die sogenannte Generation-Komponente – die G-Komponente – geschehen. Sie liesse sich auch regional differenzieren. Damit gäbe es wenigstens ein paar Anreize, für neue Anlagen diejenigen Standorte zu wählen, die verbrauchsnah sind.

Kaum eine Rolle scheint der Klimaschutz zu spielen: CO2 auszustossen, ist günstig geworden.
Weil es keinerlei Rückkoppelung mit dem CO2-Handel gibt, funktioniert die Senkung des CO2-Ausstosses nicht – er hat in Deutschland zugenommen, obwohl mehr Wind- und Solarkraft am Markt ist. Im besten Sinn hat die Förderung erneuerbarer Energie eine entwicklungspolitische Komponente. Womöglich ist jetzt in anderen Staaten – etwa in Afrika – die Stromerzeugung aus Solarenergie finanzierbar, was dort den CO2-Ausstoss senkt, da fossil erzeugter Strom ersetzt werden kann.

Was verhindert den Zielkonflikt zwischen dem Ausbau erneuerbarer Energie und der CO2-Vermeidung?
Die CO2-Kosten müssen internalisiert werden, ob via Steuer oder Quotenmodell, ist zweitrangig. Ein Quotenmodell für Renewables macht nur Sinn, wenn es systematisch mit dem CO2-Handel gekoppelt ist. Für jede Tonne CO2, die aufgrund des Ausbaus erneuerbarer Energie nicht erzeugt wird, ist automatisch ein CO2-Zertifikat vom Markt zu nehmen. Sonst fehlt die Klimaschutzwirkung.

Der Schweizer Bundesrat will auch Anreize zu Energieeffizienz setzen. Ist ein Bonus-Malus-System  sinnvoll?
Ich bin mir nicht sicher, ob es hier nicht auch einen Zielkonflikt gibt. Warum macht Strom sparen noch Sinn, wenn er umweltfreundlich und sauber ist? Der Verbrauch lässt sich am besten über den Strompreis steuern, der – zumindest in Deutschland – schon ziemlich hoch ist, das setzt Sparanreize. Aber wenn Strom sauber ist, macht Sparen keinen Sinn mehr und braucht sicher nicht subventioniert zu werden.

Weil Solar- und Windstrom stark schwankt, braucht es Speicher oder Reservekapazitäten, die derzeit kaum rentabel zu betreiben sind. Was bringt hier eine Lösung?
Es gibt einen Vorschlag für einen allumfassenden, dezentralen Kapazitätsmarkt des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft. Da ist das Risiko der Marktmachtkonzentration der Anbieter wohl gering. Anders wäre das, wenn Kapazitäten zentral ausgeschrieben würden. Die Franzosen bauen nun einen Kapazitätsmarkt auf, was in gewisser Weise nett ist, da sie so den deutschen und den schweizerischen Markt unterstützen könnten. Wenn es wirklich knapp wird, muss der Strom eben importiert werden.

Halten Sie die Sorgen über fehlende Reservekapazitäten im Markt für übertrieben?
Es gibt kein erkennbares systematisches Marktversagen. Derzeit sehen wir wegen massiver Überkapazitäten in Kohle- und Gaskraftwerken keine steigende Volatilität in den Strompreisen. Langfristig wird die Volatilität aber steigen. Es wird öfter Preisspitzen geben, die auszuhalten sind und in denen Reservekraftwerke gut Geld verdienen. Wir werden eine grundlegende Veränderung der Merit Order – der Einsatzreihenfolge der Kraftwerke – sehen, sie wird viel steiler werden.

Wann wird das der Fall sein?
Im Moment ist der Strommarkt in einem Gefangenendilemma: Jeder wartet darauf, dass der andere Kapazitäten stilllegt, will aber seine eigenen im Markt behalten. Dadurch sind auch die Preise an der Börse so niedrig. Wer ein diversifiziertes Portfolio hat, dürfte Gefallen finden, Mittellastanlagen wie Steinkohlekraftwerke vom Markt zu nehmen. Spitzenlastkraftwerke sind flexibler und lassen sich meist auch im Regelleistungsmarkt vermarkten.