Meinungen

Warum uns die Arbeit nicht ausgeht

Je mehr die Produktivität in der Güterherstellung steigt, desto höher steigen langfristig die Löhne. Ein Kommentar von Joachim Voth.

Joachim Voth
«Die Annahme, die Gesamtmenge an zu leistender Arbeit bleibe stets gleich, ist falsch.»

Die Roboter kommen! Immer mehr komplexe Aufgaben in der Fertigung können von intelligent gesteuerten Automaten übernommen werden. Sie schweissen und lackieren, setzen filigrane Bauelemente zusammen und navigieren Vorprodukte eigenständig durch die Fertigungshallen.

Was mit dem Einsatz relativ einfacher Maschinen vor 200 Jahren begann und sich dann mit dem Einsatz von Computern zunehmend fortsetzte, scheint nun mit der Ankunft der Roboter seinen Abschluss zu finden – Maschinen können (fast) alles so gut wie Menschen, oder vielleicht sogar besser. Geht uns also bald die Arbeit aus? Was bleibt noch für die armen Zweibeiner zu tun, die ohne unendliche Geduld, feinste motorische Fertigkeiten und ein Rückgrat aus Stahl auskommen müssen?

In einem neuen Artikel untersuchten Wissenschaftler des MIT, wie sich der Einsatz von Robotern in den USA auf die Beschäftigung ausgewirkt hat. Dabei stützten sie sich auf Informationen zur Verwendung von Robotern nach Industriezweig in anderen hochentwickelten Volkswirtschaften.

Das hat den Vorteil, dass die «Automatisierungslastigkeit» einer Industrie unabhängig von örtlichen Wirtschaftstrends, Lohnentwicklungen etc. gemessen werden kann. So verwendete 2014 in Europa bspw. die Automobilindustrie typischerweise 80 Roboter pro 1000 Arbeiter, der Plastik- und Chemiesektor immer noch 18, in der Elektrizitäts- und Gaserzeugung kamen aber nur 0,2 Roboter auf 1000 Arbeiter.

Die Forschungsfrage ist dann, ob in den Teilen der USA, in denen die Industriestruktur besonders für die Roboterverwendung besonders empfänglich war, es zu grösseren Veränderungen des Arbeitseinsatzes gekommen ist. Die Antwort lautet emphatisch: Ja – je grösser der Anteil der Industrien, in denen sich aus technischen Gründen die Roboter gut einsetzen lassen, desto grösser sind die Beschäftigungsverluste. Jeder Roboter ersetzt durchschnittlich sechs Arbeiter.

Angst so alt wie technischer Fortschritt

Hinzu kommen dramatische Lohnentwicklungen. Überall dort, wo die vom Aufstieg der Roboter besonders betroffenen Industrien einen hohen Anteil am lokalen Arbeitsmarkt haben, gehen die Gehälter vor allem für einfache Arbeiter deutlich zurück. Jeder zusätzliche Roboter pro 1000 Arbeiter führt zu einer Reduktion des jährlichen Lohns von ca. 200 $ in der gesamten Stadtregion, in der die neuen Maschinen verwendet werden.

Gesamteffekte lassen sich nur unter speziellen Annahmen berechnen, doch auch diese legen deutliche Effekte nahe – ein Anstieg der Roboter um zehn pro 1000 Arbeiter senkt den Anteil der arbeitenden Bevölkerung 3,7 Prozentpunkte und verringert die Löhne 7,3%. Die Einkommensverluste sind dabei in allen Bildungsgruppen deutlich erkennbar, doch besonders gross unter den Arbeitern ohne Sekundarschulabschluss.

Immer mehr Industrien finden für neue, intelligente Maschinen Anwendungsmöglichkeiten. Wird uns bald die Arbeit ausgehen? Die Angst vor technologisch getriebener Arbeitslosigkeit ist so alt wie die industrielle Revolution. Schon die Ludditen – relativ hochqualifizierte Textilarbeiter – zerschlugen Webstühle, weil sie meinten, die teuflische neue Erfindung stehle ihre Arbeit.

Tatsächlich «vernichtet» der technische Fortschritt Arbeitsplätze rasant: Die E-Lok braucht keinen Heizer, die Zahl der Pferdekutscher ist in den vergangenen hundert Jahren dramatisch zurückgegangen. Pro Kopf produziert heute jeder Arbeiter in modernen Volkswirtschaften heute ca. das Fünfzehn- bis Zwanzigfache seiner Vorfahren von vor der Industriellen Revolution.

Doch die Arbeitslosenrate ist nicht dramatisch gestiegen; der Anteil der arbeitenden Menschen an der Gesamtbevölkerung ist in den vergangenen hundert Jahren weitgehend konstant geblieben. Die Löhne sind im Gleichschritt mit der Produktivität gestiegen.

Wie passt das zusammen – die Evidenz für Beschäftigungs- und Einkommensverluste als Folge des technischen Fortschritts einerseits, die im langfristigen Mittel nicht nennenswerten Veränderungen der Beschäftigung andererseits? Wie kann es sein, dass Maschinen immer mehr produzieren und uns dennoch bisher die Arbeit nicht ausgegangen ist? Der erste gedankliche Fehler, den man leicht beim Nachdenken über die Folgen der Automatisierung machen kann, ist die Annahme, dass die Gesamtmenge an zu leistender Arbeit stets gleich bleibt.

Nimmt die Produktivität zu und einige Arbeiter verlieren ihre Arbeitsplätze, dann steigt die Wirtschaftsleistung pro Kopf der (verbleibenden) Arbeitnehmer. Das übersetzt sich früher oder später in höhere Löhne, die dann auch ausgegeben werden. Die zusätzliche Nachfrage wiederum schafft Arbeitsplätze.

Dabei ist keineswegs gesagt, dass in allen Fällen die neuen Arbeitsplätze so gut wie die alten sind – aus hochbezahlten Stellen in der Industrie können «McJobs» mit geringen Gehältern im Dienstleistungssektor werden. Gleichzeitig aber schafft die Option, Arbeitsplätze wegzurationalisieren, mehr Beschäftigungsmöglichkeiten für Ingenieure, die neue Maschinen konstruieren, für Programmierer, die Software fertigen, für Verkäufer, die sie unter die Leute bringen.

Die Unternehmensgewinne steigen und wollen unter die Leute gebracht werden. Es werden mehr Luxusgüter und Dienstleistungen nachgefragt – gerade die werden häufig «in Handarbeit», d. h. besonders arbeitsintensiv erbracht. So verlagert sich immer mehr von der Wirtschaftsleistung in den Dienstleistungssektor, wo Arbeitsplätze schlecht wegzurationalisieren sind.

Diese Effekte sind kaum dingfest zu machen, wenn man sich unterschiedliche Orte ansieht und die Folgen des Robotereinsatzes lokal vermisst – viele der neuen Jobs in der Herstellung, Programmierung oder Vertrieb entstehen anderswo. Insgesamt ist es wahrscheinlich, dass die Verluste von Gewinnen anderswo ausgeglichen werden und dass als Folge steigender Produktivität auch die Löhne langfristig steigen.

Ein Teil der wundersamen Vermeidung von Arbeitsplatzverlusten kommt auch von der Schaffung immer neuer «Bedürfnisse» und Konsummöglichkeiten. In einem 1930 veröffentlichten Essay machte John M. Keynes Vorhersagen über die Produktivitätsentwicklung der nächsten achtzig Jahre – und traf damit ins Schwarze. Aufgrund der langfristigen Wachstumstrends seit dem Beginn der industriellen Revolution prognostizierte er einen Anstieg der Wirtschaftsleistung um ca. den Faktor fünf.

Wo sich Keynes irrte

Doch eine Prognose lag komplett daneben – Keynes prophezeite, unsere Generation werde nur noch einen Tag pro Woche arbeiten, weil sie so produktiv geworden ist. Die meisten menschlichen Bedürfnisse, so Keynes, könnten mit der Arbeitsleistung einiger weniger Stunden erledigt werde – das «ökonomische Problem», d. h. die Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse, werde somit komplett gelöst sein.

Doch die allermeisten Menschen arbeiten immer noch fünf Tage in der Woche, nicht nur einen. Zwar könnten sie sich fast alles mit dem Einkommen eines Tages kaufen, für das ihre Vorfahren 1930 eine Woche benötigten – doch jetzt hat fast jeder Haushalt ein Auto, Fernseher, Telefon, Internet, Mobiltelefon, Computer, der Urlaub wird an fernen Stränden genossen und der Wohnraum pro Kopf ist dramatisch gestiegen.

Auch wenn es für uns heute so schwer vorstellbar ist wie für John Maynard Keynes 1930 – der Trend zu immer mehr Konsum wird sich wahrscheinlich nicht umkehren. Je mehr sich die Produktivität in der Güterproduktion erhöht, desto höher werden langfristig die Löhne; die Bedürfnisse wachsen mit und sorgen dafür, dass die Arbeitsnachfrage insgesamt nicht weniger wird. Freilich konzentriert sich die Arbeit dann immer mehr in (bisher) nicht rationalisierbaren Wirtschaftszweigen – vom Friseur über den Polizisten bis hin zum Lehrer.

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