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Warum unser Wirtschaftseinbruch so gering ist

Mathias Binswanger

Robuste Marktspieler: Die Pharmaindustrie konnte in der Krise weiter zulegen – und stabilisiert damit die Exporte.
Foto: Yannick Bailly (Keystone)

«Die Schweiz wird viel besser durch die Krise kommen als die Nachbarländer». So lautete meine Prognose in einem Interview vom 29. Oktober letzten Jahres auf der Finanzplattform «Cash». Die neuesten Zahlen zeigen, dass sich diese Prognose erhärtet hat (keine Selbstverständlichkeit bei ökonomischen Prognosen). Während die Wirtschaft in der Schweiz im Jahr 2020 nur um rund 3% geschrumpft ist, schrumpfte das BIP in Deutschland um etwa 5%, in Österreich um etwa 7% und in Italien und Frankreich um rund 9%. Den geringen Rückgang des BIP in der Schweiz kann man schon fast als ein kleines Wirtschaftswunder betrachten. Denn auch hierzulande wurde die wirtschaftliche Tätigkeit im Zuge der Corona-Massnahmen erheblich eingeschränkt.

 Woran liegt es, dass die Schweiz einmal mehr mit einem blauen Auge davonzukommen scheint? Zu einem grossen Teil sicher daran, dass die ergriffenen Massnahmen in der Schweiz im Vergleich zu den meisten umliegenden Ländern relativ mild waren. Die Lockdown-Massnahmen waren weniger streng und weniger lang, so dass die wirtschaftliche Tätigkeit auch weniger abgewürgt wurde. Ebenfalls sprang der Staat mit Hilfskredite und der Möglichkeit zur Kurzarbeit rasch ein, um Arbeitslosigkeit und Firmenkonkurse in grösserem Stil zu verhindern. So lag die Arbeitslosenquote in der Schweiz im Dezember 2020 bei «nur» 3.5%, und die Firmenkonkurse waren 2020 im Vergleich zum Vorjahr sogar rückläufig.

Eine Konkurswelle dürfte allerdings zeitlich verzögert noch auf uns zukommen, wenn die Hilfsmassnahmen auslaufen und Kredite zurückbezahlt werden müssen. Da wird es dann darauf ankommen, wie Bund und Kantone mit dieser Situation umgehen, und unter welchen Bedingungen Kredite in «A-fonds-perdu-Beiträge» umgewandelt werden. Denn trotz des relativ geringen Einbruchs des gesamten BIP wurden einige Branchen wie die Gastronomie, Hotellerie, der Detailhandel oder die Event- und Reisebranche sehr hart getroffen.

Fakten statt simples Schwarz-Weiss-Denken

Einen grösseren Einbruch der Schweizer Wirtschaft verhinderte auch der Aussenhandel. Zwar sind die Exporte 2020 um insgesamt 7.1% geschrumpft, aber es gibt eine entscheidende Ausnahme: die Pharmaindustrie. Deren Exporten konnte die Corona-Krise nichts anhaben, und sie stiegen sogar um 1.6% gegenüber dem Vorjahr. Mittlerweile machen Pharmaprodukte mehr als 50% des Wertes der Schweizer Exporte aus, was diese relativ robust in Bezug auf Krisen macht. Denn pharmazeutische Produkte braucht es immer.

 Nun gut, werden einige Leserinnen oder Leser wohl einwenden, wirtschaftlich sind wir zwar glimpflich davongekommen. Aber hat die Schweiz mit ihren relativ milden und zögerlichen Massnahmen nicht eine hohe Anzahl Tote in Kauf genommen? Dieses Argument gehört inzwischen zum Standardrepertoire vieler Politiker und Journalisten, wobei man sich folgendes simples Narrativ zurechtgebastelt hat: Wer einen harten Lockdown fordert, ist ein Gutmensch, weil er Menschenleben höher gewichtet als wirtschaftliche Interessen. Wer sich gegen harte Lockdowns wendet, ist ein herzloser und geldgieriger Kapitalist, der wirtschaftliche Interessen über Menschenleben stellt. Ein derart simples Schwarz-Weiss-Denken hat mit der Realität wenig zu tun.

Schauen wir die Todesfälle pro Million Bewohner eines Landes bis heute an, dann zeigt sich, dass wir im Vergleich zu den umliegenden Ländern genau in der Mitte liegen. Wir haben mit der Zahl 1095 weniger Todesfälle als in Italien (1479) und Frankreich (1182), aber mehr Todesfälle als in Österreich (874) und Deutschland (708). Alle vier Länder hatten aber harte Lockdowns im Vergleich zur Schweiz. Die Unterschiede können also kaum mit der Strenge der politischen Massnahmen erklärt werden. Vielmehr gibt es eine Vielzahl von spezifischen Faktoren, welche hier zu berücksichtigen sind.

Wo bleibt das Ausstiegsszenario?

Man kann es deshalb so zusammenfassen: Die Schweiz ist in Sachen Covid-Todesfälle kein Musterknabe. Dass man aber bewusst Tote in Kauf genommen hat, um die Wirtschaft zu retten, ist eine Unterstellung. Dazu müsste ein klarer kausaler Zusammenhang zwischen harten Lockdowns und geretteten Menschenleben bestehen. Denn gibt es aber nicht, da entsprechende Untersuchungen, wenn wunderts, kontroverse Ergebnisse liefern. Sicher ist nur der wirtschaftliche Schaden, den man damit anrichtet.

Was folgt aus diesen Überlegungen für das Jahr 2021? Da soll die Wirtschaft ja möglichst schnell wieder auf Touren kommen. Doch der Aufschwung wird erst kommen, wenn Unternehmen eine gewisse Sicherheit haben, wann und in welchem Tempo sich die Situation auch dank Impfungen normalisiert. Es braucht deshalb ein verlässliches und verbindliches Ausstiegszenario aus den jetzt geltenden Einschränkungen. Ein solches ist aber nicht in Sicht. Stattdessen ist die Rede von Fallzahlen im tiefen dreistelligen Bereich, die erst erreicht werden müssten, bevor man eine Lockerung ins Auge fassen könne. Diese Ungewissheit ist Gift für die Wirtschaft und die Psyche der Menschen.