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Warum zur Euro-Sanierung niedrige Lohnkosten nicht ausreichen

Ja, die Europeripherie macht seit 2008 Fortschritte dabei, ihre Lohnkosten zu senken. Doch Analysten von Société Générale trauen der positiven Nachricht nicht ganz.

Alexander Trentin

Ein Grund für die Eurokrise: Seit der Euroeinführung bis zum Jahr 2008 konnte Deutschland seine realen Lohnkosten abbauen, während die meisten anderen Euromitgliedländer höhere Kosten zu verzeichnen haben:

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Quelle: Société Générale

Seitdem sind die Lohnkosten in der Peripherie gesunken, während die Deutschlands steigen. Wird alles gut? Nicht ganz, meinen die Analysten von Société Générale. Die Frage ist, wie dieser Abbau der Lohnkosten zustande gekommen ist.

Laut den Analysten von SocGen gibt es drei Alternativen, wie die Lohnstückkosten (Löhne je Produktionseinheit) sinken können:

1. Alternative: Einfach zu verstehen, schwierig umzusetzen – die Arbeitnehmer akzeptieren geringere Löhne.
2. Alternative: Die Beschäftigung sinkt stärker als die Produktion. Damit produziert jeder Arbeitnehmer mehr für seinen Lohn.
3. Alternative: In guten Zeiten steigt andersherum die Produktion schneller als die Beschäftigung.

Die erste Alternative ist gemäss den Analysten vorzuziehen. Denn dann ist das Lohnniveau des Landes tatsächlich gesunken. Falls die Beschäftigung nur schneller abgebaut wurde, als die Produktion gesunken ist, besteht die Furcht: Das Lohnniveau könnte sich schneller wieder auf den alten Stand heben – denn die Löhne sind ja nicht gesunken.

Tatsächlich ist der Lohn je Angestellten nur in Griechenland seit 2008 wirklich gefallen (orange Kurve):

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Quelle: Société Générale

Dagegen ist die Beschäftigung gesunken, stärker als die Produktion, und damit ist die Produktivität (also die Fertigungsmenge je Arbeitnehmer) hochgegangen:

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SocGen4

Quelle: Société Générale

Die Löhne sind damit «sticky», passen sich also kaum an. Da ist es einfacher, Arbeiter zu entlassen und den Rest mehr produzieren zu lassen. Die Beschäftigung in Italien ist nach Zahlen von SocGen seit 2008 um 16% zurückgegangen, die Produktion aber nur um 5,5%. Die Produktivität konnte damit um 11,5% erhöht werden. Die SocGen-Analysten warnen: «Diese Verbesserung könnte rein zyklischer Natur sein – was implizieren würde, dass die Beschäftigung bei einer Erholung im gleichen Verhältnis zurückkommt.» Die Produktivität also wieder sinkt.

Um diesen Effekt der zurückgegangenen Beschäftigung herauszurechnen, kalkulieren die SocGen-Analysten «angepasste Lohnstückkosten». Sinken sie, ist ein Land tatsächlich wettbewerbsfähiger geworden.

Für alle Peripherieländer ausser einem sind diese angepassten Lohnstückkosten höher als 2008. Etwa für Spanien, das die Lohnstückkosten zwar um 5% senken konnte – doch augenscheinlich nur durch die Verringerung der Beschäftigung. Irland ist die Ausnahme. Aber auch hier liegen die angepassten Lohnkosten nur minimal unter dem Wert von 2008 – trotz aller Reformen:

Irland

 

Spanien

Quelle: Société Générale

Glaubt man den Annahmen der Analysten, haben die wirklichen Reformen in der Peripherie noch gar nicht richtig angefangen. Das ist ein sehr ungemütliches Szenario für alle Euro-Optimisten.