Meinungen

Was «Davos» an Nutzen bringt

Das Wef sorgt jeweils für mediale Aufmerksamkeit und mitunter gar für Aufregung. Doch die vielen Möglichkeiten zum Austausch sind den Aufwand wert. Ein Kommentar von Cornelia Meyer.

«Ohne Wef würden niemals so viele Staatschefs die Schweiz besuchen.»

Alle Jahre wieder findet das Treffen des World Economic Forum (Wef) Ende Januar in Davos statt. Vergangene Woche war es wieder einmal so weit. Das Treffen brachte rund 3000 Wirtschaftsführer, Staatschefs, Spitzenpolitiker sowie auch leitende Persönlichkeiten von Nichtregierungsorganisationen (NGO) und Universitäten zusammen. Der Anlass fand nun schon zum 48. Mal statt, immer in Davos, abgesehen von einem Abstecher nach New York 2002.

Das Wef startete 1971 als eine europäische Managerkonferenz. Seither hat es sich zu einem Welt-Event entwickelt, der nicht nur für die Wirtschaft, sondern auch für Politik und Gesellschaft Relevanz hat. Es gab heuer, wie jedes Jahr, zahlreiche Diskussionen nicht nur am Wef selbst, sondern auch über das Wef. So sassen sich Wef-Befürworter und -Gegner in TV-Debatten gegenüber, Zeitungen widmeten dem Treffen viele Seiten, und es wurde natürlich auch demonstriert.

Der amerikanische Präsident Donald Trump besuchte Davos, was zum Multiplikator der Publikumsreaktionen wurde. Die Schweizer Jungsozialisten verlangten gar, Bundespräsident Alain Berset (SP) solle dem US-Präsidenten den Handschlag verweigern. Löblicherweise hielt sich Berset an seine Pflichten als oberster Gastgeber und erfüllte diese Forderung nicht. Wie jedes Jahr wurde diskutiert, wer die Kosten der Demonstrationen tragen soll: Gemeinden und Kantone, in denen sie stattfanden, oder der Bund. Natürlich wurde auch über die Kosten des Sicherheitsdispositivs diskutiert und gestritten. Die gesamten Sicherheitskosten betrugen 10 Mio. Fr.

Es wäre also an der Zeit, sich zunächst zu überlegen, was das Wef bewirkt, wieso es bei den Eliten so beliebt ist, danach auch, warum es für die Schweiz summa summarum eine äusserst nützliche Veranstaltung ist.

Die lauten und die leisen Töne

Das Wef betreibt viele Aktivitäten, die weit über Davos hinausgehen. Es gibt kleinere regionale Treffen in Europa, Asien, Nahost, Afrika und Amerika. Die Organisation geht den grossen Fragen der Zeit nach, seien sie wirtschaftlicher oder gesellschaftlicher Natur. Das Forum publiziert auch anerkannte Studien wie etwa den viel zitierten «World Competitiveness Index», eine Skala, die die Attraktivität eines Wirtschaftsstandorts misst (die Schweiz schneidet dort immer sehr gut ab).

In Davos gibt es stets laute wie auch leise Töne. Letztere sind oft von grösserer und nachhaltigerer Bedeutung als Erstere. Das diesjährige Motto hiess «Creating a shared future in a fractured world» («Gemeinsame Zukunft in einer zersplitterten Welt»). Es reflektiert sicherlich, was gegenwärtig vor sich geht. So wurden, wie auch schon in früheren Jahren, die grossen Problemkreise besprochen, etwa soziale Ungleichheit, industrielle Revolution 4.0, Flüchtlingskrise, Klimawandel.

Dieses Jahr wurde das Geschehen von Trumps Auftritt dominiert, nicht nur, weil er eben der amerikanische Präsident ist, sondern auch, weil er polarisiert. Er schlug mit seiner Rede jedoch weniger polarisierende Töne an, als zuvor befürchtet wurde. Er trat durchaus staatsmännisch auf, wirkte mit seinem Mantra, man solle doch in Amerika investieren, jedoch sehr wie ein Chefverkäufer. Donald Trump ist von Haus aus eben New Yorker, Geschäftsmann und ein Reality-TV-Star. Deshalb sollte sein Auftritt nicht weiter erstaunen.

Daneben wurden jedoch Sachthemen wie der Klimawandel und die Flüchtlingsproblematik besprochen. Es ist wichtig, dass sich die Mächtigen dieser Welt mit solchen Fragen auseinandersetzen. Die Gefahr besteht zwar durchaus, dass die Wirtschaftskapitäne ihre guten Vorsätze schnell vergessen werden, wenn auf der Teppichetage das Tagesgeschäft ruft, doch die Sensibilisierung für solche Themenkreise ist sinnvoll. Hier sei erwähnt, dass Gewerkschaftschefs, CEO von Nichtregierungsorganisationen wie etwa Oxfam oder Universitätsprofessoren von Harvard oder von der ETH sehr wohl auch zu den Mächtigen dieser Welt gehören und somit ebenfalls von einer Erweiterung ihres Horizonts profitieren können.

Dieses Jahr waren ausser der lauten Standortwerbung Trumps und auch des indischen Premiers Narendra Modi sehr wohl leisere Töne wahrzunehmen: Am zweiten und am dritten Tag sprachen europäische Staatslenker wie Angela Merkel, Emmanuel Macron, Paolo Gentiloni und Theresa May. Es war, als ob Kanzlerin Merkel ihre Führungsrolle in der EU offiziell an Präsident Macron übergeben würde. Gerade diese zarten Untertöne bieten einen guten Kompass für das längerfristige Weltgeschehen. Es lohnt sich somit allemal, in der Kakofonie der Stimmen genau hinzuhören.

Grosse Bühne für die kleine Schweiz

Das Treffen ist zwar elitär, ist aber dank der TV-Direktübertragung der grossen Reden und des Open Forum global breiten Kreisen zugänglich. Es mag ja sein, dass die Eidgenossenschaft eine hohe Rechnung für Sicherheitsmassnahmen bezahlen muss und dass nicht alle so frei demonstrieren konnten, wie sie es wollten – nichtsdestotrotz ist das Wef für die Schweiz von grossem direkten und indirekten Nutzen.

Es würden niemals so viele Staats- und Regierungschefs Jahr für Jahr die Schweiz besuchen, wenn es das Treffen in Davos nicht gäbe. Oft finden auch Staatsbesuche im Umfeld des Wef statt, so etwa vergangenes Jahr derjenige des chinesischen Präsidenten Xi Jinping oder vor vier Jahren, als die damalige südkoreanische Präsidentin Park Geun-hye Bern besuchte.

Dieses Jahr waren mit der Ausnahme Japans alle G-7-Staaten auf höchster Ebene am Wef vertreten, was den fünf anwesenden Mitgliedern des Bundesrats eine gute Gelegenheit bot, sich auf Augenhöhe mit diesen Staatsmännern und -frauen auszutauschen. Eins-zu-eins-Diskussionen mit dem amerikanischen Finanzminister zum Beispiel stünden für Ueli Maurer wohl eher nie auf der Tagesordnung, wenn es das Wef nicht gäbe. Die Schweiz ist klein, aber wirtschaftlich weit überproportional bedeutend, weshalb es wichtig ist, dass Bundesräte direkten Zugang zu den Regierungschefs wichtiger Nationen erhalten.

Vier Tage statt vier Monate

Schweizer Unternehmen sind die sechstgrössten ausländischen Direktinvestoren in den USA, noch vor französischen oder chinesischen. Deshalb ist es nützlich, wenn Bundesräte Präsident Trump, Finanzminister Steven Mnuchin oder Handelsminister Wilbur Ross treffen können. Der Begründer des Wef, Klaus Schwab, leistete auch ganz Europa einen Dienst, als er ein Abendessen mit Trump und den Chefs grosser europäischer Konzerne veranstaltete. Es ist gut, wenn diese Manager erleben, wie Trump tickt. Es ist aber auch sehr hilfreich, dass Donald Trump, der ja sehr auf Amerika fokussiert ist, die Gelegenheit hat, über den sprichwörtlichen Rand des Suppentellers hinauszuschauen.

Die Führungskräfte der Wirtschaft sehen im Wef auch eine Gelegenheit, innerhalb von bloss vier Tagen so viele Treffen durchzuführen, wie sie sonst nur in vier Monaten und nach mehreren Flügen rund um den Globus möglich wären. So gesehen ist die Teilnahme am Wef kostengünstiger als unzählige Geschäftsreisen.

Der touristische Werbefaktor für die Schweiz darf ferner auch erwähnt werden: Die ganze Welt sah vier Tage lang schöne Bilder der verschneiten Bündner Berge.

Insgesamt kann die Schweiz froh sein, dass es das Weltwirtschaftsforum in Genf und sein Jahrestreffen in Davos gibt – Kosten, Demonstrationen und Diskussionen hin oder her. Klaus Schwab hat eine Plattform geschaffen, die für den Standort Schweiz wichtig, wenn nicht gar unverzichtbar ist.

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