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Was den Goldpreis bewegt

Die Unze Gold kostet erstmals seit sechs Monaten mehr als 1300 $. Ein Faktor ist dafür besonders verantwortlich.

Alexander Trentin

Der Abwärtstrend beim Goldpreis hat sein Tief im August erreicht: Der Goldpreis sank deutlich unter 1200 $ je Feinunze. Nun notiert Gold (Gold 1504.72 0.6%) erstmals seit dem vergangenen Juni wieder über 1300 $ – ein Plus von 10%. In Franken hat der Preis des Edelmetalls mit 1290 Fr. die Marke noch nicht überschritten.

Vielfältige Gründe möglich

Aber woran liegt es, dass das Edelmetall sich wieder im Aufwind befindet? Verschiedene Erklärungen werden von Beobachtern immer herangezogen. So soll Gold zuletzt von der Erwartung eines schwächeren Wirtschaftswachstums und damit niedrigeren Zinsen profitiert haben – denn das macht das Edelmetall ohne laufende Rendite attraktiver im Vergleich zu Anleihen.

Ausserdem wird oft die Funktion von Gold als sicherer Hafen betont. So könnte der Goldpreis von der Unsicherheit in der Politik profitiert haben. Doch was war nun entscheidend? Die tatsächlichen Treiber für den stärkeren Goldpreis zu identifizieren, ist für den Anleger wichtig, um sich Erwartungen über den weiteren Verlauf zu bilden.

Um verschiedene mögliche Treiber des Goldpreises zu messen, hat «Finanz und Wirtschaft» die Indikatoren mit dem langfristigen Mittelwert verglichen. Dabei wurde für jeden Preistreiber der Abstand des aktuellen Datenpunkts zum zehnjährigen Durchschnitt abgetragen. Um die Abstände vergleichen zu können, wurden sie mit der jeweiligen Standardabweichung ins Verhältnis gesetzt. Damit werden die Messungen mit der Fluktuation der jeweiligen Zeitreihe standardisiert. In der Statistik heisst das Mass «Z-Score».

Das politische Risiko ist extrem hoch

Die untenstehende Grafik zeigt, wie sechs ausgewählte Preistreiber für den Goldmarkt im Vergleich zum langfristigen Mittelwert stehen. Ein Wert von null zeigt an, dass die Messung genau dem Durchschnitt entspricht. Je höher der Wert, desto mehr sollten sie den Goldpreis unterstützen. Sind sie im negativen (roten) Bereich, sind sie schwächer als im zehnjährigen Durchschnitt.

Was auf den ersten Blick auffällt: Das politische Risiko ist extrem hoch. Der Datenpunkt ist jedoch von Ende Jahr. Damals spielte nicht nur die weiterhin um sich greifende Unsicherheit um den Brexit und den Handelskonflikt zwischen den USA und China, sondern auch der Shutdown der US-Regierung hinein.

Positiv wirken auch die Nachfrage von Investoren und das Momentum des Goldpreises. Die Unsicherheit am Finanzmarkt ist ziemlich genau dort, wo das langfristige Mittel beobachtet wurde. Negativ wirken das Zinsniveau in den USA – das ist im zehnjährigen Vergleichszeitraum relativ hoch – und der überdurchschnittlich starke Dollar.

Die Unsicherheit treibt Gold

Seit dem Tief vom 16. August 2018 haben sich die Treiber des Goldpreises deutlich verändert. Schon damals war der Indikator für das politische Risiko hoch – doch seitdem hat er sich mehr als verdoppelt. Eine ähnlich grosse Änderung gab es auch bei der Marktunsicherheit. Sie war im August noch extrem niedrig und ist seitdem gestiegen, was den Goldpreis stützen sollte.

Positiv hat sich ferner das Momentum entwickelt, das im August noch deutlich nach unten zeigte. Dagegen haben sich die fundamentalen Faktoren wie die Nachfrage der Investoren, das Zinsniveau und der Aussenwert des Dollars kaum verändert.

Das legt nahe, dass die 10% Performance von Gold von einer wachsenden Unsicherheit getrieben werden. Die lässt sich anhand der politischen Nervosität wie auch der Ausschläge am Finanzmarkt ablesen.

Wer darauf setzt, dass diese Unsicherheit mit der Zeit wieder abnimmt – etwa wenn eine Einigung zwischen Grossbritannien und der EU bezüglich Brexit und zwischen China und den USA im Handelskrieg gefunden wird –, der sollte von Gold wohl die Finger lassen.

Momentum

Es ist nicht nur für Gold ein oft beobachtetes Muster: Geht das Momentum – also der Aufwärtstrend bei den Kursen – nach oben, springen andere Anleger auf den Zug auf. Gemessen an der zweimonatigen Preisveränderung (knapp 6%) ist das Momentum nun so gut wie zuletzt im Frühjahr.

Doch diese sich selbst stützenden Zyklen – hohe Preissteigerungen führen zu neuen Käufen und damit zu weiter steigenden Preisen – können auch schnell drehen, wie sich im vergangenen Jahr gezeigt hat.

Nachfrage der Investoren

Die Bestände der börsengehandelten Fonds (ETF) auf Gold sind ein Indikator dafür, wie stark sich Anleger im Goldmarkt engagieren. Ein anderer Stimmungsindikator wäre etwa die Positionierung von Hedge Funds auf dem US-Terminmarkt – nur hat die zuständige Behörde zuletzt die Daten wegen des Shutdown der amerikanischen Regierung nicht veröffentlicht.

Momentan halten die ETF 72,5 Mio. Unzen an Gold. Im Oktober waren es noch fast 8% weniger. Der Trend zeigt weiter nach oben und könnte den Goldpreis damit unterstützen.

Zinsentwicklung

Gemessen an der Rendite der inflationsgeschützten Staatsanleihen in den USA hat das Zinsniveau im November das Jahreshoch von knapp 1,2% erreicht. Diese reale Rendite, also nach Abzug der Inflationserwartungen, über zehn Jahre Laufzeit ist seitdem leicht zurückgegangen. Mit dem sinkenden Zinsniveau ist der Goldpreis gestiegen. Höhere Zinsen belasten den Goldpreis tendenziell, weil der Kauf von Anleihen im Vergleich zum Edelmetall attraktiver wird.

Steigt die reale Rendite wieder, etwa weil die Nominalrendite der Anleihen steigt oder die Inflationserwartungen zurückgehen, könnte auch der Goldpreis darunter leiden.

Dollarstärke

Der Zins in den USA ist eng mit dem Aussenwert des Dollars verknüpft. Zusammen mit der höheren Realrendite ab Spätsommer 2018 ist die US-Valuta gemessen am handelsgewichteten Dollarindex stärker geworden. Ein stärkerer Dollar belastet tendenziell den Goldpreis, da das Edelmetall ausserhalb des Dollarraums teurer wird.

Der Dollar ist im Vergleich zu Anfang letzten Jahres immer noch stark. Wertet er sich ab, könnte das dem Goldpreis noch mehr Schub geben.

Politische Unsicherheit

Der grösste Ausreisser vom langfristigen Mittel ist die politische Unsicherheit. Sie wird hier gemessen am Global Economic Policy Uncertainty Index. Dabei werden weltweit Medienberichte nach bestimmten Schlagwörtern durchsucht, um die Unsicherheit zu quantifizieren.

Der Index hat ein neues Rekordhoch erreicht. Es ist wohl nicht anzunehmen, dass die Unsicherheit in nächster Zeit noch viel grösser wird. Beruhigt sich die politische Grosswetterlage, könnte das den Goldpreis nach unten drücken. Zu beachten ist, dass der letzte beobachtete Wert von Ende 2018 ist.

Marktunsicherheit

Während die politische Unsicherheit Ende Jahr auf einem Rekordhoch notiert hat, ist die Unsicherheit am Finanzmarkt am 24. Dezember nach oben gesprungen. Das zeigt der Volatilitätsindex Vix für den amerikanischen Aktienindex S&P 500 (SP500 2923.65 1.21%) an. Der Vix misst die erwarteten Schwankungen anhand der in Optionen eingepreisten Volatilität.

Das langfristige Mittel für den Vix beträgt 18,5%. Im Sommer letzten Jahres war der Aktienmarkt ungewöhnlich ruhig – der Index notierte zeitweise nur noch knapp über 10%. Die erwartete Volatilität hat sich dann bis 24. Dezember mehr als verdreifacht. Nun notiert der Index etwas über 19% und liegt damit ziemlich genau im zehnjährigen Durchschnitt.

Beruhigen sich die Aktienmärkte und sinkt der Vix auf das Niveau von Mitte 2018, könnte das den Goldpreis wieder nach unten drücken.

Leser-Kommentare

Jürgen Lahodny 29.01.2019 - 11:52

Wäre es möglich, dass Venezuela jetzt nicht mehr als Verkäufer auftreten kann, da die Bank of England den “account” gesperrt hat. Venezuela hatte sicher immer Kapitalbedarf in den letzten Jahren und trat somit als stetiger Verkäufer auf.

Ulrich Waldispühl 29.01.2019 - 13:44

Eine interessante Analyse. Eine weitere Analyse würde mich interessieren: Welche Auswirkungen haben die untersuchten Faktoren auf die Aktien von Goldproduzenten? Diese haben ja sozusagen 2 Gesichter: Ein Rohstoffgesicht, das je nach Goldpreis lächelt oder weint, und ein Unternehmensgesicht, da es Firmen sind, die wie andere auch Mehrwert schaffen müssen, um bestehen zu können.