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Was der Brexit für die Weltwirtschaft bedeutet

Kommt es zum Brexit, wird das Finanzmärkte und Unternehmen weltweit aus ihrer Selbstgefälligkeit in Bezug auf populistische Revolten in Europa und den USA wecken. Ein Kommentar von Anatole Kaletsky.

Anatole Kaletsky, London
«Ein Brexit-Votum könnte der Auslöser einer weiteren globalen Krise sein.»

Das fiebrige Verhalten der Finanzmärkte im Vorfeld des Referendums am 23. Juni über den Verbleib des Vereinigten Königreichs in der Europäischen Union zeigt, dass das Ergebnis die wirtschaftlichen und politischen Bedingungen weltweit erheblich stärker beeinflussen wird, als Grossbritanniens Anteil von rund 2,4% am globalen BIP vielleicht vermuten lässt. Dieser grosse Einfluss hat drei Gründe.

Erstens ist das Referendum über den Brexit Teil eines weltweiten Phänomens: der populistischen Revolten gegen etablierte Parteien überwiegend durch ältere, ärmere oder weniger gebildete Wähler, die wütend genug sind, um die bestehenden Institutionen einzureissen und sich über die Politiker und die Wirtschaftsexperten aus dem «Establishment» hinwegzusetzen. Tatsächlich ähnelt das demografische Profil der potenziellen Brexit-Befürworter in frappierender Weise dem der Unterstützer Donald Trumps in den USA und der Anhänger des Front National in Frankreich.

Meinungsumfragen zeigen, dass diejenigen britischen Wähler, die keinen Schulabschluss haben, über sechzig oder Arbeiter niedrigerer Kategorien sind, die «Leave»-Kampagne mit einer deutlichen Mehrheit von 65 zu 35% unterstützen. Hochschulabsolventen, Wähler unter vierzig und Angehörige gehobener Berufskategorien dagegen planen mit einem ähnlichen Verhältnis von 60 zu 40% oder höher, für «Remain» zu stimmen.

Warnungen werden ignoriert

In Grossbritannien, den USA und Deutschland werden die populistischen Rebellionen nicht nur durch ähnliche vorgebliche Missstände und nationalistische Stimmungen angeheizt, sondern ereignen sich zudem unter ähnlichen wirtschaftlichen Bedingungen. In allen drei Ländern herrscht wieder mehr oder weniger Vollbeschäftigung, und die Arbeitslosenquote liegt auf etwa 5%. Viele der neu geschaffenen Arbeitsplätze jedoch sind schlecht bezahlt, und die Einwanderer haben zuletzt die Banker als Sündenbock für alle gesellschaftlichen Probleme abgelöst.

Der Grad an Misstrauen gegenüber Unternehmensführern, Politikern der etablierten Parteien und Wirtschaftsexperten zeigt sich anhand des Ausmasses, in dem die Wähler deren Warnungen ignorieren, die allmähliche Wiederherstellung des Wohlstands nicht zu gefährden, indem sie den Status quo umstossen. Im Vereinigten Königreich stimmen nach dreimonatiger Debatte über den Brexit nur 37% der Wähler zu, dass es dem Land wirtschaftlich schlechter ginge, wenn es die EU verliesse – gemessen an 38% vor einem Jahr.

Anders ausgedrückt: All die voluminösen Berichte des Internationalen Währungsfonds, der OECD, der Weltbank sowie der britischen Regierung und der Bank von England, die einhellig vor erheblichen Verlusten durch den Brexit warnen, wurden verworfen. Statt zu versuchen, die Warnungen der Experten durch detaillierte Analysen zu widerlegen, hat Boris Johnson, der Anführer der «Leave»-Kampagne, darauf mit Getöse und einer Rhetorik reagiert, die mit der Anti-Politik Trumps identisch ist: «Wer ist im Entferntesten nervös über einen Austritt? Oh, glaubt mir, das funktioniert schon.» Mit anderen Worten, die sogenannten Experten lagen schon in der Vergangenheit falsch, und sie tun es auch jetzt.

Wer schätzt die Lage richtig ein?

Diese Art von Frontalangriff auf die politischen Eliten hat, wenn man den neuesten Meinungsumfragen zum Brexit Glauben schenkt, in Grossbritannien erstaunlich gut funktioniert. Doch erst nach Auszählung der Stimmen werden wir wissen, ob die gegenüber den Meinungsforschern geäusserten Meinungen das tatsächliche Wahlverhalten vorwegnahmen.

Dies ist der zweite Grund, warum das Brexit-Ergebnis ein weltweites Echo haben wird. Das Referendum wird der erste grosse Test dafür, ob die Experten und die Märkte oder ob die Meinungsumfragen bezüglich der Stärke der Populismuswelle näher an der Wahrheit liegen.

Für den Moment gehen politische Analysten und Finanzmärkte auf beiden Seiten des Atlantiks, möglicherweise in falscher Selbstzufriedenheit, davon aus, dass die Äusserungen der wütenden Wähler gegenüber den Meinungsforschern nicht ihr tatsächliches kommendes Wahlverhalten spiegeln. Analysten und Anleger haben einem Erfolg der Rebellen konsequent eine niedrige Wahrscheinlichkeit zugewiesen: Ende Mai sahen die Wettmärkte und Computermodelle Wahrscheinlichkeiten von nur etwa 25% für den Wahlsieg Trumps und den Brexit, und das trotz der Tatsache, dass die Meinungsumfragen knapp 50% Unterstützung für beide aufzeigten.

Gefahr von Ansteckungseffekten

Falls das Brexit-Lager am 23. Juni siegen sollte, werden die niedrigen Erfolgswahrscheinlichkeiten, die die Experten und die Finanzmärkte erfolgreichen populistischen Revolten in Amerika und Europa zubilligen, sofort verdächtig aussehen, während die von den Meinungsumfragen suggerierten höheren Wahrscheinlichkeiten an Glaubwürdigkeit gewinnen werden. Dies liegt nicht daran, dass die US-Wähler durch das Geschehen im Vereinigten Königreich beeinflusst werden; das ist natürlich nicht der Fall. Doch zusätzlich zu all den wirtschaftlichen, demografischen und gesellschaftlichen Ähnlichkeiten stehen auch die Meinungsumfragen in den USA und Grossbritannien aufgrund des Zusammenbruchs traditioneller politischer Bündnisse und vorherrschender Zweiparteiensysteme vor sehr ähnlichen Herausforderungen und Unsicherheiten.

Die Statistiktheorie erlaubt uns sogar, zu quantifizieren, wie die Erwartungen über die US-Präsidentschaftswahl sich bei einem Wahlsieg des Brexit-Lagers in Grossbritannien verändern dürften. Weisen wir der Einfachheit halber einmal den Meinungsumfragen, die dem Brexit und Trump fast 50% Unterstützung zuteilen, und den Expertenmeinungen, die beiden eine nur 25%ige Chance zubilligen, die gleiche Glaubwürdigkeit zu. Gehen wir dann davon aus, dass das Brexit-Lager gewinnt. Eine statistische Formel mit dem Namen Bayes’ Theorem zeigt dann, dass der Glaube an die Meinungsumfragen von 50 auf 67% zunähme, während die Glaubwürdigkeit der Experten von 50 auf 33% sinken würde.

Dies führt uns zur dritten und besorgniserregendsten Auswirkung der britischen Abstimmung. Gewinnt in einem Land, das so stabil und politisch phlegmatisch ist wie Grossbritannien, das Brexit-Lager, wird das Finanzmärkte und Unternehmen weltweit aus ihrer Selbstgefälligkeit in Bezug auf populistische Rebellionen im übrigen Europa und in den USA wecken. Und diese erhöhten Sorgen des Marktes werden dann ihrerseits die wirtschaftlichen Realitäten verändern. Wie 2008 werden die Finanzmärkte die wirtschaftliche Nervosität verstärken, was zu mehr Wut gegen das Establishment führen und noch höhere Erwartungen politischer Revolten schüren wird.

Die Gefahr derartiger Ansteckungseffekte bedeutet, dass ein Brexit-Votum der Auslöser einer weiteren globalen Krise sein könnte. Diesmal freilich werden die Arbeitnehmer, die ihren Job verlieren, die Rentner, die ihre Ersparnisse verlieren, und die Eigenheimbesitzer, deren Hypothek dann den Wert ihrer Immobilie übersteigt, nicht «den Bankern» die Schuld geben können. Diejenigen, die für populistische Umstürze stimmen, werden niemand anderem die Schuld geben können als sich selbst, wenn ihre Revolutionen fehlschlagen.

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